Sold City

Zum Vergrößern klicken

Es ist gar nicht so lange her, dass in Deutschland die Gemeinnützigkeit des Wohnungsbaus galt, doch 1990 wurde sie abgeschafft. Seitdem steigen die Mieten praktisch überall, machen Konzerne und Fonds Gewinne auf Kosten der Mieter. Leslie Franke und Herdolor Lorenz zweiteiliger Dokumentarfilm „Sold City“ beschreibt die Probleme, zeigt aber auch ungewollt, wie schwierig es ist, überzeugende Antworten zu finden.

Webseite https://www.sold-city.org/de/

Deutschland 2024
Regie & Buch: Leslie Franke und Herdolor Lorenz
Dokumentarfilm Teil 1: Eigentum statt Menschenrecht
Teil 2: Enteignung statt Miete für die Rendite

Länge: 2 x 102 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 6. Juni 2024

FILMKRITIK:

Dass Wien eine besonders schöne, an Kultur und Geschichte reiche Stadt ist, dürfte bekannt sein. Aber noch etwas anderes macht die österreichische Hauptstadt attraktiv: Kaum eine Stadt investiert so viel in den sozialen Wohnungsbau wie Wien, kaum woanders hat ein so hoher Anteil der Bevölkerung die Berechtigung in einer Sozialwohnung zu leben und vor allem gibt es davon genug.

Auch in Leslie Franke und Herdolor Lorenz Dokumentarfilm „Sold City“ findet das Wiener Modell Erwähnung und dient als Beispiel dafür, wie es auch sein könnte. Vor allem wie es vielleicht auch in Deutschland sein könnte, wenn es die Politik nur wollen würde und sich der Macht der Wohnungskonzerne und ihrer Lobbyisten entgegenstellen würde.

Dass neoliberale Ideen neben vielem anderen auch dafür verantwortlich sind, die Mieten steigen zu lassen, ist inzwischen einem zunehmend großen Anteil der Bevölkerung bewusst, teils auch unmittelbar. Denn in kaum einem anderen westlichen Land leben so viele Menschen zur Miete wie in Deutschland, allein in Berlin sind es etwas mehr als 80%. Wenn die Mieten also steigen, vor allem wenn sie so extrem steigen wie in den letzten Jahren in Berlin, dann spüren das sehr viele Menschen.

Etliche von ihnen klagen in „Sold City“ ihr Leid, einem zweiteiligen, aktivistischen Dokumentarfilm von unten, finanziert vor allem durch eine Crowdfunding-Kampagne im Internet, intendiert vor allem dazu, als Ausgangspunkt für Diskussionen zu dienen.

Beschäftigt sich der erste Teil „Eigentum statt Menschenrecht“ noch mit dem System der Umwandlung von Wohnraum in Konzerneigentum, beschreibt der zweite Teil „Enteignung statt Miete für die Rendite“ mit großen Wohnkonzernen, die mit der Miete hauptsächlich die Dividenden der Aktionäre finanzieren. Zu Wort kommen dabei in erster Linie die Mieter, also quasi die Opfer des Systems, was den Filmen einen deutlich agitatorischen Charakter verleiht. Eine nüchterne Darstellung der gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, die in den 80er Jahren dazu führten, dass der Neoliberalismus zum Dogma wurde und seine enormen Schäden entfalten konnte, darf man hier nicht erwarten. Und auch was Lösungsansätze angeht, zeigt sich zunehmend, wie komplex das Thema Wohnungen, Mieten, Wohnraum am Ende doch ist. Apodiktisch wird da etwa behauptet: „Wohnen ist Menschenrecht“, ein Satz, den man zwar auch im Koalitionsvertrag der aktuellen Ampelregierung finden kann, wo er aber auch nicht weiter erklärt wird. Wie etwa die oft geforderte Enteignung von Wohnungskonzernen mit den Prinzipien der freien Marktwirtschaft in Einklang zu bringen sein könnte, müsste dann doch geklärt werden.

Funktionale Lösungen für das ohne Frage gravierende Problem steigender Mieten und der Umwandlungen von Wohnraum in Spekulationsmasse zu finden, ist nicht einfach. Davon zeugt dann auch, dass von den im Prinzip kapitalismuskritischen Regisseuren von „Sold City“ ausgerechnet der soziale Wohnungsbau in Singapur als erstrebenswertes Beispiel herangezogen wird. Dass dieses sehr spezielle Modell nur dadurch möglich wird, dass Singapur gleichermaßen Diktatur und Beispiel für die übelsten Exzesse des Raubtierkapitalismus ist, bleibt unerwähnt. Dass die Methoden Singapurs für eine Demokratie nicht in Frage kommen sollte eigentlich klar sein, dass sie dennoch in einem Film wie diesem Erwähnung finden zeigt am Ende auf unfreiwillige Weise, wie schwer es sein wird, die Exzesse der Wohnungskonzerne mit demokratischen Methoden zu stoppen.

 

Michael Meyns