Song for Marion

Marion und Arthur sind seit über fünfzig Jahre ein Paar. Als Marion (Vanessa Redgrave) in der Probe des Seniorenchors zusammenbricht und am nächsten Tag erfährt, dass ihr nur wenige Wochen zu leben bleiben, ist es auch dieser Chor, der sie über den Abschied vom Leben trägt. Nach ihrem Tod wird es der verschlossene mürrische Arthur sein, der in seinem Leben noch einmal eine Wandlung durchlebt. Der Film umgeht die Klischees der nach Rührung klingenden Themen Alter und Tod durch das exzellente Spiel der Schauspieler und ein lakonisch pointiertes Drehbuch, das ganz seiner Geschichte und den Charakteren vertraut. Ein tragikomischer, warmherziger Film über die Liebe, das Altern und die Abschiede im Leben, die immer auch das Potential für Veränderung in sich tragen.

Webseite: www.songformarion.de

GB 2012
Regie und Drehbuch: Paul Andrew Williams
Darsteller: Vanessa Redgrave, Terence Stamp, Gemma Arterton, Christopher Eccleston u.a.
Verleih: Ascot Elite
Länge: 93 Min.
Start: 14. März 2013

PRESSESTIMMEN:

"…ein berührender, von Sangesfreude durchwirkter Liebesfilm …ein bezwingendes Drama über die Angst vor der Einsamkeit und den Mut, sich ihr zu stellen."
DER SPIEGEL

FILMKRITIK:

Marion und Arthur sind seit über fünfzig Jahren ein Paar, der zerschlissene alte Sessel im Wohnzimmer des Londoner Vorstadthäuschens erzählt davon ebenso wie Arthurs Hand, die ins Leere greift, als er kurz vor dem Einschlafen die Hand seiner Frau halten möchte, so wie jeden Abend, wenn sie im gemeinsamen Bett nebeneinander liegen. Aber Marion war mitten in der Chorprobe, zu der er sie jede Woche begleitet – sie drinnen singend, er draußen rauchend – zusammengebrochen. Jetzt liegt sie im Krankenhaus. Am nächsten Tag werden sie beide mit der Nachricht konfrontiert, dass ihr Krebs wieder ausgebrochen und nicht mehr therapierbar ist. Ihr bleiben nur ein paar Wochen noch zu leben.

Im Gegensatz zu Arthur, dem seine Zurückgezogenheit und sein Pessimismus nicht nur ins Gesicht gegraben zu sein scheinen, sondern der auch keine Gelegenheit ausläßt, an allem und jedem herumzunörgeln, insbesondere an dem Chor, sind genau diese Proben für Marion ein Kraftquell. Sie will weitersingen, und jetzt, wo der Chor sich für einen Chorwettbewerb angemeldet hat und der Vorentscheidungstermin bevorsteht, erst recht. Da nützt es auch nichts, dass Arthur ihre Chorfreunde, die ihr vor Ihrem Fenster ein Ständchen bringen, zusammenbrüllt. 

Oscar-Preisträgerin Vanessa Redgrave („Julia“) spielt diese schwerkranke Frau mit einer so ansteckenden Lebendigkeit, dass man ihre Beliebtheit im Chor fernab jeglichen Mitleids gut verstehen kann. Die junge Chorleiterin Elizabeth (Gemma Arterton) glüht vor Begeisterung für ihre singenden Senioren, und man ahnt, dass das Geheimnis dieser enthusiastischen jungen Frau vielleicht gerade darin besteht, dass sie ein Stück ihrer Jugend an die Alten verschenkt, und dafür etwas zurück bekommt, was sie in ihrer Generation offenbar nicht findet. Als sie beginnt, für den Chorwettbewerb das Repertoire in Richtung bekannter Rock- und Popsongs zu erweitern, wirkt das nur im ersten Moment skurril. Schnell wird hörbar, wie sie auf diese Weise laienhaften Gesang mit ungebrochener Vitalität verbindet und der Chor so seine ganz besondere Ausstrahlung bekommt.

Die Themen Alter und Tod sind in der aktuellen Kinolandschaft gerade en vogue. Der Film umgeht aber alle diesbezüglichen Klischees durch exzellentes Spiel der Schauspieler und ein fast lakonisch daherkommendes Drehbuch, das mit verknappt pointierten Dialogen und überraschenden Schnitten ganz seiner Geschichte und den sehr lebensnahen Charakteren vertraut. Gerade weil so beherzt in Szenen hineingeschnitten wird, entsteht Spannung durch Weglassung, und das Zuschauvergnügen durch die Einladung, die Leerstellen mit eigenem Weiterfabulieren zu füllen. Rührseligkeit wird zugunsten weniger, aber starker Momente von tiefer Emotionalität vermieden. Und das ist insgesamt genau so spöde wie der Versuch eines Lächelns auf dem Gesicht von Arthur, als seine Frau ihr Solo singt.

Auch Arthur wird sich später, wenn Marion tot und er längst Chormitglied geworden ist, beim Wettbewerb in letzter Sekunde zu seinem Solo durchringen. Gerade bei diesen beiden Soli läßt der Regisseur sich und den Zuschauern Zeit, Emotionen entstehen zu lassen aus der Intensität des Gesangs, der übrigens von beiden Darstellern live eingespielt wurde.

Mit großer Genauigkeit und Gespür für Details erzählt der Film die Geschichte einer starken Liebe, vor allem aber die Geschichte einer Wandlung. Nach dem Tod seiner Frau ist Arthur so sehr mit seiner Selbstisolation konfrontiert, dass er den Aufbruch wagen muss, will er nicht untergehn. Terence Stamp gelingt dabei das sehr berührende Porträt eines wohl typischen Mannes seiner Generation, der gelernt hat, seine Gefühle zu verbergen, bis er den Kontakt zu ihnen gänzlich verloren hat. Lediglich in der umsichtigen Pflege seiner kranken Frau ahnt man, welcher Mensch unter der harten Schale verborgen sein könnte. Aber mit Marions Tod scheint auch der letzte Faden der Verbindung zu ihrem gemeinsamen Sohn James (Christopher Eccleston) abzureißen, der sein Leben lang unter der emotionalen Distanz seines Vaters gelitten hatte. Nun stehen die beiden Männer vollkommen hilflos voreinander, unfähig, mit ihren Gefühlen umzugehen. Arthur bricht die Verbindung ab und James zieht sich verbittert zurück. Schließlich sind es seine Enkelin Jennifer und die junge Chorleiterin, die sensibel und hartnäckig die Verbindung mit Arthur aufrecht erhalten, sodass seine Verkapselung Stück für Stück aufbricht. Als Arthur am Schluß sein Solo singt, ist es das Gesicht seines Sohnes, das die Wandlung in ihrer Beziehung erzählt.

Regisseur Paul Andrew Williams, bisher bekannt durch Filme der eher härteren Gangart („London to Brighton“, „Cherry Tree Lane“ ) hat sich für das Drehbuch auch von autobiografischen Erlebnissen inspirieren lassen. Ihm ist ein warmherziger und tragikomischer Film gelungen über die Liebe, das Altern und die Abschiede im Leben, die immer auch das Potential für Veränderung in sich tragen.

Caren Pfeil

Arthur und Marion sind beileibe nicht mehr die Jüngsten. Der Brite Arthur mag seine Frau, aber sonst eigentlich nichts und niemanden mehr auf der Welt. Jedenfalls scheint es so. Am besten wird das im Verhältnis zu seinem Sohn spür- und sichtbar.

Marion ist da anders. Sie ist gesundheitlich schwer angeschlagen, was sie aber nicht daran hindert, in einem von der Musiklehrerin Elisabeth geleiteten Chor aus Leibeskräften mitzusingen.

Das Leben verläuft normal. Marion, der es oft nicht gut geht, muss von ihrem Mann oder ihrem Sohn zu den Singstunden hingefahren werden. Bis zu einem wichtigen Gesangswettbewerb, zu dem der Chor zugelassen wurde, sind es noch ganze sechs Proben.

Marion schafft es nicht. Eines Tages liegt sie da, atmet nicht mehr. Die Bestürzung der Freunde im Chor ist riesengroß. Wie Arthur den an die Substanz gehenden Verlust verschmerzen soll, weiß er wirklich nicht.

Elisabeth ist es, der Arthurs seelisches Dahinvegetieren weh tut. Sie will dem Mann helfen, sich wieder aufzuraffen. Ein paar Mal hatte Arthur den Singstunden beigewohnt. Wie wäre es, wenn er von jetzt an immer mitsingen würde? Es gelingt. Arthur hat beim genannten Wettbewerb, bei dem der dritte Platz geholt wird, sogar ein vielbeachtetes Solo.

Ein alter, mürrischer, abweisender, sich abkapselnder Greis hat zwar seine geliebte Frau verloren, aber dank der Fürsorge einer jungen Frau eine neue Richtung gefunden. Auch das Verhältnis zum Sohn und der kleinen Enkelin hat sich endlich normalisiert.

Ein routiniert gestalteter, menschlich-empfindsamer Film mit typisch britischen (Humor-)Passagen – z. B. der erzwungene Auftritt beim Gesangswettbewerb. Wenn dazu noch gesagt wird, dass Vanessa Redgrave die Marion spielt und Terence Stamp den Arthur, dann weiß man über den Wert des Gezeigten schnell Bescheid.

Beide Leinwand-Ikonen agieren in derart souveräner und zugleich bewegender Weise, dass schon allein deshalb der Film zum Muss wird. Dazu kommt noch die junge Chorleiterin Elisabeth, die von Gemma Arterton verkörpert wird. Ihre Rolle hat Charaktereigenschaften, vor denen man schon den Hut ziehen muss.

Eine Altersgeschichte mit junger Kraft.

Thomas Engel