Song from the forest

Mit einem Aufnahmegerät und 500 Dollar in der Tasche reiste der amerikanische Musikologe Louis Sarno 1985 nach Bangui, Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik. Von dort aus wanderte er weiter in den Urwald, bis er die Musik wiederhörte, die ihn hierher gelockt hatte: Den Gesang der Bayaka, eines afrikanischen Pygmäenvolkes. Bis heute lebt Sarno mit ihnen. Der deutsche Journalist Michael Obert hat ihn auf einer Reise begleitet, die Sarno und seinen Sohn nach New York City führt, in einen ganz anderen Dschungel.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Deutschland 2013
Regie und Buch: Michael Obert
Produktion: Tondowski Films and Friends
Kamera: Siri Klug
Länge: 97 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 11. September 2014
 

FILMKRITIK:

Polyphoner Gesang, raffinierte Jodellaute, endlos sich wiederholende, an- und abschwellende Melodien – was Louis Sarno da 1985 im Radio hörte, ließ ihn nicht mehr los. Nach einer gescheiterten Ehe und mit seinem letzten Geld in der Tasche nahm er sein Schicksal in die Hand und landete im zentralafrikanischen Urwald bei einem Volk, das ihn anfangs loswerden wollte. Aber die Bayaka werden seine Familie und der Dschungel sein Zuhause. Über 1000 Stunden Bayaka-Musik zeichnet Sarno im Lauf der Jahre auf. Sarno heiratet eine Bayaka-Frau und wird Vater eines Jungen. Heute leiden die Jäger und Sammler unter der fortschreitenden Rodung ihres Waldes, die ihre Lebensgrundlage zerstört. Louis Sarno hat seinem Sohn Samedi zwar nie Englisch beigebracht, aber er will ihm seine Heimat zumindest einmal zeigen. Er und Samedi, der den Wald noch nie zuvor verlassen hat, brechen zu einer Reise nach New York auf.
 
Der deutsche Journalist und Buchautor Michael Obert ist für seine Reportagen aus den entlegensten Winkeln und den gebeutelten Krisenregionen der Welt bekannt. Sein erster Film führte ihn weit weg von aktuellen Schlagzeilen, auch weitab von den Trampelpfaden der Traveller. Mitten im afrikanischen Urwald fand er eine ganz und gar ungewöhnliche Geschichte, die vom einzigartigen Schicksal eines besonderen Menschen erzählt, von der Liebe zur Musik und von einer Kultur, die viel weniger entrückt ist von der unseren, als es zunächst den Anschein hat.
 
Überhaupt ist es das große Verdienst Oberts, dass er nicht der Versuchung erliegt, den cultural gap zum Thema seines Filmes zu machen und das Vater-Sohn-Gespann beim Herumstolpern in der Großstadt zu filmen. Von Anfang an etabliert Obert vielmehr eine Parallelmontage, die diese beiden so unterschiedlichen Orte der Erde miteinander verbindet. Das zieht sich durch die Bildsprache bis zum Soundtrack, der die Musik der Bayaka mit Renaissancegesängen aus dem 16. Jahrhundert verknüpft. Es geht in „Song from the Forest“ um die Darstellung einer weltumspannenden Kultur, die keine Grenzen kennt.
 
Gleichwohl negiert der Film nicht die extremen Unterschiede, die es zwischen diesen beiden Welten gibt. Es sind ganz unmittelbare, ganz intime Eindrücke, die der Zuschauer vom Leben der Bayaka im Wald mitnimmt. In New York ist es am Ende aber Samedi, der sich schneller in der modernen Großstadt zurecht findet als sein Vater. Der ist hier wie der wahre Fremde. Sarno scheint schon ein wenig in der Vergangenheit zu leben – das Schicksal des Archivars, der bemüht ist, Töne der Vergangenheit für eine vom Vergessen besessene Welt aufzubewahren.
 
Oliver Kaever