Sound after the Storm, The

Der Hurrikan Katrina hat im August 2005 eine ganze Musikszene förmlich hinweggeblasen und fortgespült. Die Folgen des Sturms und der durch ihn ausgelösten Überschwemmungen prägen heute noch Stadtbild und Leben von New Orleans. Der Dokumentarfilm „The Sound after the Storm“ erzählt, wie sich hier aufgewachsene Künstler für den Wiederaufbau der einzigartigen Musikszene einsetzen – und wie auch Nachfolgegenerationen langsam dämmert, welches Erbe es hier zu bewahren gilt. Die Hoffnung, dass New Orleans wieder zu dem wird, was es war, besteht durchaus. Die Rückkehr des Jazz ist dazu ein essentieller Baustein. Dieser Film will dies deutlich machen.

Webseite: wwww.thesoundafterthestorm.com

Deutschland/Schweiz 2009
Regie: Sven O. Hill, Patrik Soergel und Ryan Fenson-Hood
Dokumentarfilm mit Lilian Boutté, Dr. Michael White, Armand „Sheik“ Richardson, The Next Generation Brass Band
78 Minuten
Verleih: HillFilm
Kinostart: 9.12.2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Nicht wenige Spielfilme haben sich in letzter Zeit mit dem Leben nach über die Menschheit hereingebrochenen Katastrophen und dem Leben danach beschäftigt. Sei es „Die kommenden Tage“ von Lars Kraume, sei es „Monsters“ von Gareth Edwards, sei es „The Road“ von John Hillcoat – um nur die aktuellsten zu nennen. Gemeinsam ist diesen Filmen, dass sie die Welt in ihrem neuen Istzustand zeigen, nicht aber die Katastrophe selbst. Während die Überlebensschilderungen dieser fiktiven Geschichten vor allem auf Spannung, Unterhaltung und Suspense zielen, geht es in „The Sound after the Storm“ in erster Linie um Information, Hintergründe und Aufmerksamkeit für ein Thema, das fünf Jahre nach der Katastrophe kaum noch interessiert.

Als die Filmemacher Sven O. Hill, Patrik Soergel und Ryan Fenson-Hood drei Jahre nach dem Hurrikan mit den Dreharbeiten in New Orleans begannen, fanden sie 80 Prozent der Häuser leerstehend, verfallen und verrottet vor. Wenn die Kamera ehemalige Bewohner beim erstmaligen Besuch ihrer Häuser begleitet, werden die Trauer über das verlorene Hab und Gut, vor allem aber auch die seelischen Folgen der Katastrophe spürbar. Ohnmacht und Erschütterung machen sich breit.

Die 2009 beim Filmfestival in Zürich mit dem Preis für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnete Produktion hat mit der seit 25 Jahren in Deutschland lebenden Jazzsängerin Lilian Boutté, dem Klarinettisten Dr. Michael White und dem Fotografen Armand „Sheik“ Richardson drei engagierte Künstler vor der Kamera versammelt, die als ältere Generation von der Bedeutung New Orleans als Jazzstadt erzählen und aus eigener Erfahrung wissen, dass die Musik hier nicht nur aus Gründen des Tourismus, sondern als Ausdruck des sozialen Lebens eine wichtige Rolle spielte – und auch nach wie vor spielt.

Jeder der drei ist heute auf seine Weise ein Botschafter für New Orleans. Wo immer sie sind – etwa bei Auftritten in Hamburg oder beim Jazzfestival in Ascona – wird um Spenden für den Wiederaufbau der zerstörten Stadtviertel und damit für die Möglichkeit, die ehemaligen Bewohner von New Orleans wieder zur Rückkehr zu bewegen, geworben. Interessant ist dabei die Feststellung, dass der Wiederaufbau in den touristischen Vierteln um die mit Jazzclubs und Bars bevölkerte Bourbon Street längst so weit fortgeschritten ist, als hätte es Katrina nie gegeben. Das Problem, so der Film, seien jene Stadtgebiete, in denen sich kaum ein Tourist je hinverirrt. Der „Sound der Straße“, er existiert hier nicht mehr. Und selbst im Tod, so stellt Michael White beim Besuch des auf einem Friedhof für Afroamerikaner befindlichen Grabes des in den 1920er Jahren in New Orleans wirkenden Klarinettisten George Lewis fest, findet bis heute Rassentrennung statt.

Verständlich, dass die grundsätzliche Stimmung bei diesem Streifzug durch das zerstörte New Orleans und die Erinnerungen von Melancholie geprägt ist. Der Frust, die Wut, die Ohnmacht, aber auch die Hoffnung und der Optimismus auf ein Ende der Krise machen sich im Blues Luft. Und langsam entdeckt auch die jüngere Generation, wie sich mit Noten gegen die Not ankämpfen lässt. Als Beispiel tritt die „Next Generation Brass Band“ vor die Kamera. Auch ihnen ist mittlerweile klar geworden, was ihre halbmondförmig an der Küste von Louisiana gelegene Heimatstadt so einmalig macht, dass gerade der Fortbestand der Musik eine bessere Zukunft möglich machen kann – eher jedenfalls als politische Versprechungen, die dann doch nicht eingelöst werden.

„The Sound after the Storm“ ist so gesehen ein Film der Hoffnung und der Erinnerung, der in die Vergangenheit blickt ebenso wie in die Zukunft und der ein Zwischenzeugnis darüber ablegt, wie Menschen verschiedener Generationen sich darum bemühen, dass ihr Erbe nicht in Vergessenheit gerät und dokumentiert wird, wie schwer es umgekehrt ist, in New Orleans wieder einen Sinn fürs Leben zu finden. Man muss nicht explizit Jazzfan sein, um diesen Dokumentarfilm zu mögen, schließlich drücken sich die jüngeren Brassbands auch über HipHop, R’n’B und zeitgemäße Grooves aus. Es ist nun an ihnen, New Orleans im Zeitalter nach Katrina seine Bedeutung zurückzugeben.

Thomas Volkmann

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