Soundbreaker

Finnen können nicht nur kauzig coole Komödien, für Musik-Dokus haben sie gleichfalls ein gutes Händchen. Nach der populären „Mama Afrika“ von Mika Kaurismäki folgt der nächste Streich, ein Porträt des berühmten Akkordeon-Virtuosen Kimmo Pohjonen. Der smarte Künstler-Rebell, ein „Jimi Hendrix des Akkordeons“, schert sich nicht um Konventionen, sondern entwickelt trotzig kreativ sein ganz eigenes Konzept von Musik. Mit skandinavischer Lässigkeit und Sensibilität zeichnet Regisseur Kimmo Koskela diese Biografie: Poetische Bilder, wenig Worte, grandiose Musik – das ergibt eine vergnüglich prickelnde Doku über einen unterhaltsamen Maestro.

Webseite: www.soundbreaker.de

Finnland / Schweden / Deutschland 2012
Regie: Kimmo Koskela
Darsteller: Kimmo Pohjonen, Samuli Kosminen, Timo Kämäräinen,
Sami Kuoppamäki, Trey Gunn & Pat Mastelotto
Filmlänge: 86 Minuten
Verleih: W-film Distribution
Kinostart: 17. April 2014

FILMKRITIK:

„Im Finnischen ist Akkordeon ein Synonym für Arschloch“, Kimmo Pohjonen muss es wissen, er hat von klein auf dieses Instrument gespielt – und hat es lange Zeit gehasst. Heute gilt der findige Finne als famoser Virtuose: Ein Akkordeon-Maestro, der der ollen Quetschkommode mit höchst eigenwilligen Methoden und radikalen Ideen ganz neue Töne beigebracht hat.
 
Um den Vater nicht zu enttäuschen, greift der kleine Kimmo zum Akkordeon und wird später sogar Musik studieren. Er hat Talent, aber meist spielt er gleichgültig, bisweilen widerwillig. Erst als er das Instrument irgendwann einmal zerlegt und technisch verändert, macht ihm die Sache zunehmend Spaß. Eine Begegnung mit dem tansanischen Weltmusiker Hukwe Zawose wird schließlich zum Schlüsselerlebnis: Das Feuer der musikalischen Leidenschaft ist entbrannt. Für Pohjonen wird die Ziehharmonika zum Zentrum kreativer Klang-Möglichkeiten und hochkarätiger Kunst. Bald mischt er mit akribischer Besessenheit die vertrauten Klänge mit Tierlauten oder den Tönen von Landmaschinen auf. Er entwickelt ein ganz neues Klangspektrum, das von Folk bis Techno reicht. Der Musiker tritt mit Rockbands auf, spielt mit den Streichern des berühmten „Kronos Quartett“ oder gibt auf einem britischen Bauernhof ein Exklusiv-Konzert vor begeisterten Farmern, die mit ihren Kühen und Traktoren die notwendigen „Wall of Sound” beigesteuert hatten.
 
„Es sollte keine Normen geben, am allerwenigsten beim Akkordeon“, beschreibt der Finne seine künstlerische Philosophie. Die starren Regeln, wie bei klassischer Musik der Balg zu benutzen ist, hält er ebenso für Unsinn wie falsche Disziplin in der Kunst. Als Erstklässer bekam er als begeisterter Sänger einst eine schlechte Note, weil er bei „Oh Susanna“ das „Alabama“ falsch ausspracht. Danach wollte er nie mehr singen. Erst an der Musikhochschule wurde die traumatische Erfahrung ausgebügelt. „Jeder kann singen, die eigene Stimme hat den schönsten Klang der Welt“, diesen Rat seines Dozenten macht der Ausnahme-Musiker fortan zur allgemeinen Devise: „In jedem Menschen steckt ein Künstler – wenn er seinen eigenen Weg findet.“
 
Mit angenehmer Sensibilität schildert Regisseur Kimmo Koskela das Leben und Schaffen seines Namensvetters. Er zeigt ihn beim geliebten Eisloch-Tauchen. Beim Komponieren. Und natürlich bei seinen famosen Auftritten. Dabei vermeidet er den gängigen Fehler solcher Dokus, die mit dem Ausbreiten selbstgefälliger Anekdoten oder endlosem Talking Heads Gequatsche langweilen. Stattdessen philosophiert sein Musik-Rebell mit finnischem Minimalismus und skandinavischer Lässigkeit: „Als Künstler bin ich kein anderer Mensch als jeder andere Trottel auch“, sagt er da oder: „Ich mache mein eigenes Ding, es muss nicht allen gefallen.“ Solch unterhaltsame Weisheiten sind in Bilder schlichte Schönheit gebettet. Da rumpelt der Held im alten, blaue Daimler gemächlich durch wunderschöne, finnische Landschaften. Beim Ausflug nach Tansania betätigt sich der Musiker bei neugierigen Kindern als spontaner Straßenfriseur. Man erlebt den Künstler bei ausgetüftelten Tonaufnahmen oder wie er bei einem Konzert sein Akkordeon kurzerhand mit einem Vorschlaghammer zertrümmert.
 
Wer in Fußgängerzonen und U-Bahnen vom stümperhaften Schifferklavier-Gedröhne genervt ist, dürfte in dieser charmanten Doku über einen besessenen, zugleich sympathisch bescheidenen Ausnahmekünstler sein musikalisches Wunder erleben. Eine neue Idee verrät der „Jimi Hendrix des Akkordeons“ ebenfalls: Er will die verloren gegangen Tradition der musikalischen Untermalung von finnischen Wrestling-Kämpfen wieder aufleben lassen – authentische Furz-Aufnahmen inklusive.
 
Dieter Oßwald