Space Tourists

Mit seinen „War Photographer“ wurde der Schweizer Dokumentarfilmer Christian Frei für den Oscar nominiert. Nun begleitete er den jungen Magnum-Fotografen Jonas Bendiksen zum kasachischen Weltraumbahnhof Baikonur. Dort erfüllt sich für einige reiche „Space Tourists“ der Menschheitstraum von der Reise ins All. In der weiten Steppe leben hingegen andere von den Himmelsgeschenken der ausgebrannten Raketenteile. Christian Frei dokumentiert in einzigartigen Bildern einen Wandel in der Geschichte der Raumfahrt, konterkariert diese Geschichte dabei gleichzeitig geistreich und humorvoll mit ebenso spannenden, anderen Perspektiven.

Webseite: www.space-tourists-film.com

Originaltitel: Space Tourists
Schweiz 2009
Regie: Christian Frei
mit Anousheh Ansari, Jonas Bendiksen, Dumitru Popescu, Charles Simonyi
Länge: 98 Min.
Verleih: Koolfilm
Kinostart: 29.7.2010
 

PRESSESTIMMEN:

Spannende Dokumentation aus fremden Welten, kontrastreich und bildgewaltig.
Kultur-Spiegel

FILMKRITIK:

Kubrick sagte in seinem Presseheft zu „2001“, „im Jahre 2001 werden Weltraumflüge für Jedermann eine Selbstverständlichkeit sein“. Ganz so weit sind wir noch nicht, aber die ersten Touristen fliegen bereits mit einem 20 Mio.-Dollar-Ticket ins All und der mit 10 Mio. Dollar gesponserte Ansari X-Preis treibt die privatwirtschaftliche Raumfahrt voran. Die Sponsorin, jene aus dem Iran stammende Geschäftsfrau Anousheh Ansari, begleitet der Film bei ihrer Touristen-Reise ins Weltall. Nach einer Ausbildung im Raumfahrtzentrum Baikonur fliegt Ansari mit einer Sojus-Rakete zur Internationalen Raumstation (ISS), um dort als erste weibliche Weltraumtouristin in Schwerelosigkeit zu leben und zu forschen.

In den Bildern von „Space Tourists“ erweist sich das alles nicht als strahlender Science Fiction, wie er von Kubrick und anderen ausgemalt wurde: Schon die Landung der Raumkapsel in den ersten Szenen ist eine veritable Explosion, bei der einem Angst und Bange um die Leben der drei Kosmonauten wird. Nachdem man die Kapsel öffnete, zieht man zuerst Ansari mühsam heraus, gibt ihr Blumen und einen Apfel, mit dem sie sichtlich nichts anfangen weiß. Und die Kamera ist hautnah dabei – so hat man die Sojus-Landungen noch nie sehen können!

Ebenso ungesehen die Schrottsammler, die sich um die „Rüben“ genannten, abgestürzten Raketenstufen in der Steppe kümmern. Nicht ohne vorher ein zünftiges Picknick mit Wodka auf das gute Gelingen eingenommen zu haben. Es wirkt verrückt, wie sich die privatwirtschaftliche Demontage-Truppe zuerst aus einem ganz speziellen Teil des Hightech-Geräts Rakete einen Suppentopf bastelt und sich ihr Essen für die drei Tage Flexen und Sägen kocht. Derweil bereitet sich die ISS-Besatzung Tütennahrung und Anousheh wäscht sich die Haare! Damit nicht genug des vor-emanzipatorischen Rollenklischees: Die Millionärin und Ingenieurin saugt in einer der sehr inszeniert wirkenden ISS-Szenen eine der Kabinen.

Entmystifizierend auch die Situation am Boden: Der Glanz vergangener Raumfahrt-Zeiten blättert in Baikonur nicht nur von den Denkmälern ab. 1955 platzierte die Sowjetunion hier ihre Raketenbasis, ihr Kosmodrom mitten im Nichts. Heute ist Baikonur eine unfassbare Fundgrube alter Träume, Größe und Ästhetik. Frei stellt in den Bildern zusammen mit dem Kommentar vom Magnum-Fotografen Jonas Bendiksen den Niedergang des russischen Raumfahrtprogramms fest, bei dem alles verkauft wird, was sich irgendwie zu Dollar machen lässt. Da ist sie wieder, die eigentlich bodenständige Flickschusterei im All, die schon in Andrei Ujicas Dokz „Out of the Present“ (1999) fasziniert und irritiert hat. Auch in „Space Tourists“ erstaunen die beschränkten Mittel, mit denen mal ins All kommt: Die Kosmonauten klettern rostige Leitern zur Einstiegsluke hoch, im Cockpit baumelt ein Stofftier als Talisman.

Die Einzigartigkeit der von Anfang an hochwertigen Bilder von „Space Tourists“, die geradezu sensationellen Einblicke, die sich bescheiden in den Gesamtfilm einfügen, machen die Dokumentation nicht nur humorvoll erkenntnisreich sondern auch sympathisch. Den Schrottsammlern der Steppe wird genauso viel Aufmerksamkeit gewidmet wie den Helden der Raumfahrt. Christian Frei schuf aus – gut vorbereiteten und ausgewählten – Fundstücken einen Film, der wie das Gedicht von Arseny Tarkovsky zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen „Myriaden von Einzellern“ und „Myriaden von Sternen“ „eine Brücke, die zwei Welten vereint“, bildet. „Space Tourist“ zeichnet den alten Traum, zu den Planeten und Sternen zu reisen, nach. Der Blick geht dabei aber über diesen Horizont der erhabenen Gedanken über den Wert unseres Planeten, den man erst aus dem All schätzen lernt, hinaus.

Günter H. Jekubzik

Es sind Anfänge des Weltraumtourismus zu beobachten. Ob das einen Sinn ergibt, kann sich erst nach längerer Zeit herausstellen.

Anousheh Ansari, eine Amerikanerin iranischer Abstammung, hat in einer russischen Raumkapsel ab dem kasachischen Weltraumbahnhof Baikonur einen solchen Trip gebucht. Ganz arm darf man allerdings nicht sein. 20 Millionen Dollar kostet sie der zehn Tage dauernde Spaß. Schon als Kind, sagt Frau Ansari, habe sie den unbedingten Wunsch verspürt, einmal ins All vorzustoßen.

Für den Schweizer Dokumentarfilmer Christian Frei war diese Weltraumreise einer der Anlässe, die Flüge in den Kosmos und das Drumherum einmal filmisch näher zu betrachten: nämlich die (heute eher triste) Stadt Baikonur; die technische Konstruktion der riesigen Raketen; die sorgfältige Betreuung der Kosmonauten; den Start; die Andockung an die ISS (International Space Station); die eindrucksvolle Sicht auf die Erde; das Leben in der ISS; die Schrottsammler, die die herabgestürzten Brennstufen einsammeln und verwerten; die harte Art und Weise, wie die Weltraumfahrer vorbereitet werden – von der Schwerelosigkeit bis zum Überlebenstraining; die Bemühungen junger (rumänischer) Weltraumenthusiasten, die nach neuen (ökologischen) Möglichkeiten suchen – nicht zuletzt auch um einen der auf diesem Gebiet ausgelobten Preise zu gewinnen: und schließlich die Museumsstücke der frühen russischen Raumfahrtzeit.

Hochinteressante zum Teil verblüffende Bilder, viel Information, nie gesehene Einblicke, Ausgewogenheit zwischen ruhigen, sogar idyllischen und spannenden Passagen, ein Dokument, das in formal beachtlicher Weise Unübliches bietet und das Nachdenken darüber durchaus anregt.

Thomas Engel