Am langen Hals der Giraffe entlang bewegt sich Lea Hartlaubs Essayfilm „SR“ durch die Menschheitsgeschichte, streift vielfältige Themen von Kolonialherrschaft über Tourismus bis zur Intifada und lässt durch diese mäandernde Narration einen kaleidoskopartigen Blick auf unsere Welt entstehen. Ein spannendes erzählerisches Experiment, das Aufmerksamkeit verlangt, aber auch reichhaltig belohnt.
Über den Film
Originaltitel
SR
Deutscher Titel
SR
Produktionsland
DEU
Filmdauer
103 min
Produktionsjahr
2024
Regisseur
Hartlaub, Lea
Verleih
Real Fiction
Starttermin
19.03.2026
Mit einer Totale beginnt Lea Hartlaubs Film „SR“, in der Ferne sind Berge zu erkennen, ganz oben rechts ein kleines Stück Himmel, vor allem aber sehr viel Wald, durch das vielstimmige Tschirpen und Piepen auf der Tonspur als Dschungel zu erahnen. Irgendwann merkt man, dass sich im Unterholz etwas bewegt, lassen sich erst eine, dann mehrere Giraffen erkennen, deren lange Hälse geradeso aus den Bäumen ragen.
Dieses mächtige Tier, das sich gleichermaßen tapsig und doch elegant bewegt, wird sich als Leitmotiv eines Films herausstellen, der sich quer über die Erde bewegt, assoziativ seinen Spuren folgt und seine vielen Themen lose aber doch pointiert umkreist.
Starre Tableaus hat Lea Hartlaub gefilmt, die neben der Regie selbst die Kamera und den Schnitt an ihrem Film übernahm. Abgesehen von dem oft markant eingesetzten Ton, ist der Voice Over Kommentar, der einzige wichtige Aspekt, den die Autorin nicht selbst übernahm. Dieser wird eingesprochen von Dorothee Elmiger, aktuelle Preisträgerin des Deutschen Buchpreises, die mit sonorer, betont unemotionaler Stimme über die Zusammenhänge informiert, die die Bilder andeuten.
In Afrika geht es etwa um die Bedeutung der Giraffe und anderer Tiere für die Jagd, früher, aber auch heute. Vom amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt ist da die Rede, der einst mit einer Jagdpartie tausende Tiere erlegte, weit mehr als für die damals so beliebte Zusammenstellung einer Galerie mit ausgestopften Tieren nötig war. Anlass zum Thema Taxidermie zu wechseln, der Kunst des Ausstopfens von Tierkadavern, die in Privatsammlungen aber auch Museen beliebte Objekte sind, aber auch Teil der oft exotisierenden, verkürzten Darstellung fremder Länder. Dazu gehörten einst auch die Kolonialausstellungen, die sich gerade im Deutschen Reich großer Beliebtheit erfreuten.
In der Gegenwart wiederum ist die Safari wichtige Einnahmequelle vieler Länder in Afrika, wer sich die Reise nicht leisten kann oder will, findet aber auch etwa in Texas Wildparks, in denen nicht zuletzt Giraffen zu bestaunen sind. Und so geht es um die Welt, ist von den frühen Expeditionen chinesischer Entdecker nach Afrika die Rede, von der Frage, die in Israel offenbar intensiv diskutiert wird, ob Giraffenfleisch koscher sei, sind Felszeichnungen von Giraffen ebenso zu sehen, wie amerikanische Militärbasen im Niger und vieles andere.
In seiner assoziativen Form, in der den meist neutralen Bildern erst durch einen fast dauerhaften Kommentar ein Zusammenhang gegeben wird, erinnert Lea Hartlaubs Film an Georg Friedls legendären Essayfilm „Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?“ Der hatte gegenüber „SR“ jedoch den Vorteil, dass sein Thema begrenzter war, wohingegen Hartlaub bei ihren Wanderungen über Kontinente und durch die Geschichte, so viel anreißt, dass ihre Erzählung immer wieder auszufransen droht, Aspekte angeschnitten werden, die nicht weiter vertieft werden, manche Assoziation ins Leere läuft.
Wie ein Urwald wuchert „SR“ in viele Richtungen, wird neben der bisweilen etwas zu eintönigen Erzählerstimme jedoch nicht zuletzt durch die markanten Bilder zusammengehalten, die die Welt fast wie in einem Diorama einfängt. Ein ambitionierter, reichhaltiger Film ist Lea Hartlaub gelungen, der viel Aufmerksamkeit verlangt, sie aber am Ende auch mit erstaunlichen Ideen und Verknüpfungen belohnt.
Michael Meyns







