Staub

„Es bleibt immer ein Rest“ – in seinem jüngsten Dokumentarfilm wendet sich Hartmut Bitomsky (REICHSAUTOBAHN, DER VW KOMPLEX, B-52) dem Staub zu. Der Produktion, Beschaffenheit, Farbe, Erforschung, Bedeutung und vor allem der Bekämpfung von Staub. Während er das flüchtige Material in allen seinen Erscheinungsformen zeigt, berichten Biologen, Chemiker, Weltraumwissenschaftler, Künstler und Hausfrauen über ihre Arbeit mit dem Staub und ihr Verhältnis zum Staub. Dabei entsteht nach und nach ein nahezu philosophisches Porträt eines faszinierenden Stoffes.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Deutschland/Schweiz, 2007
Buch + Regie: Hartmut Bitomsky
Kamera: Kolja Raschke
Schnitt: Theo Bromin
Sprecher: Hartmut Bitomsky
Länge: 90 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 21. Februar 2008

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

STAUB beginnt mit einem Sandsturm aus Victor Sjöströms Stummfilm THE WIND (1927) und endet mit Bildern von Flüchtlingstreks in der amerikanischen „Dust Bowl“. Millionen Farmer aus Texas, New Mexico, Oklahoma, Colorado und Kansas verloren in den 30er Jahren ihre Lebensgrundlage, als aus Prärie zuerst Landwirtschaft und dann eine unwirtliche Staubwüste wurde. Gigantische Staubstürme und Arbeitslosigkeit waren die Folge. Dazwischen behandelt STAUB die unterschiedlichsten Aspekte des feinsten aller sichtbaren Materialien. Der tägliche Kampf gegen den Staub findet ebenso Raum wie die Wanderwege des Staubs, seine wissenschaftliche Nutzbarkeit, die Bedrohung der Gesundheit durch Feinstäube, Asbest und Uran, die gigantische Staubproduktion im Kohlebergbau, die Ästhetik von Wollmäusen und Pigmenten, und der Traum vom staubfreien „Reinraum“.

Die einzelnen Szenen, von denen manche nicht mal eine Minute dauern, umkreisen den Staub, meandern hierhin und dorthin, wiederholen und variieren ihr Thema. Die Reihenfolge, in der Bitomsky einzelne Aspekte betrachtet, folgt einer assoziativen, manchmal inhaltlichen, oft poetischen Logik. Auf die Katastrophe der Dust Bowl folgt ein Exkurs über die wunderbaren Farben und geheimnisvollen Wanderwege des Saharastaubs, darauf der Besuch in einer Granatwerfer-Testanlage, die Wüstenbedingungen reproduziert. Der rote Pigmentstaub der Farbproduktion findet sich in der Folgeszene auf einer grünen Kehrschaufel wieder. Die Selbstreinigungskraft der Pflanzen wird mit der unermüdlichen Hausfrau konfrontiert, die sogar das Innere des Fernsehers putzt.

Eine besondere Vorliebe zeigt Bitomsky (der sich in seinen bisherigen Filmen unter anderem mit der Reichsautobahn und der B-52 beschäftigte) für Bilder aus dem militärisch-industriellen Komplex, seien es drachenartige wasserspeiende Monsterbagger zum Braunkohletagebau, unter weißem Staub wie eingeschneit wirkende Kalkwerke, Uran-Munition oder Weltraumwissenschaftler, die die Funktion einer TOF SIMS erklären. Seine Begeisterung für Maschinen und wissenschaftliche Prozesse ist deutlich zu spüren. Vor allem aber interessiert Bitomsky sich für die unterschiedlichsten Arbeiten, die Leute so machen. Die filigrane Reinigung von Museumsstücken ist für ihn ebenso faszinierend wie die Analyse von Feinstaub oder die Produktion von Farben. Und immer wieder wird geputzt.

Bitomsky erzählt ruhig und sachlich. Seine Interviewpartner berichten eloquent und fachkundig, was sie gerade tun, klar komponierte Bilder zeigen Alltag, es gibt nur  wenige, langsame Schwenks und keine Musik. Jede Szene und die trocken-philosophischen Kommentare, die Bitomsky mit seiner tiefen Stimme hier und da einstreut, fügen dem Phänomen Staub nach und nach weiter Facetten hinzu. Bis das Bild einer faszinierenden Substanz entsteht, die alles mit allem verknüpft. Die vom Menschen produziert und vom Menschen – vergeblich – bekämpft wird. Die schön sein kann, bedrohlich, nervig, aufschlussreich und unverzichtbar. Die am Anfang der Erdgeschichte steht und am Ende übrigbleiben wird. 

Hendrike Bake