Staub auf unseren Herzen

Auf den ersten Blick wirkt Hanna Dooses „Staub auf unseren Herzen“ wie eine typische Befindlichkeitsanalyse im Berliner In-Bezirk Prenzlauer Berg. Vor allem dank des brillanten Schauspielerduos Susanne Lothar und Stephanie Stremler wird aus dem Mutter-Tochter-Konflikt jedoch ein packender, hellsichtiger Film. Das ist nicht immer leicht zu ertragen, aber ausgesprochen gut.

Webseite: www.movienetfilm.de

Deutschland 2012
Regie: Hanna Doose
Buch: Hanna Doose
Darsteller: Susanne Lothar, Stephanie Stremler, Michael Kind, Oskar Bökelmann, Florian Locyke
Länge: 91 Minuten
Verleih: Movienet
Kinostart: 17. Januar 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Kathi (Stephanie Stremler) ist 30, lebt mit ihrem kleinen, hyperaktiven Kind in einer winzigen Wohnung im Prenzlauer Berg und ist Schauspielerin. Zumindest versucht sie es, rennt von Casting zu Casting und findet doch nicht recht den Weg zum Erfolg. Dementsprechend ist sie finanziell abhängig von ihrer Mutter Chris (Susanne Lothar), die als Karriere-Coach arbeitet. Die Abhängigkeit Kathis beschränkt sich allerdings nicht nur auf das finanzielle, sondern vor allem auf das emotionale: Sei es der Kauf eines Kleides, die Farbe der Wand in der Wohnung, die Chris Kathi direkt unter der eigenen gekauft hat oder die Erziehung ihres Sohns: Chris bevormundet Kathi und lässt ihr keinen Raum zur Entwicklung.

Zu allem Überfluss ist auch noch Wolfgang (Michael Kind) zurück nach Berlin gezogen, Kathis Vater, der kurz nach der Geburt des zweiten Kindes wegen einer Affäre von Chris vor die Tür gesetzt wurde. Glück mit Männern hat auch Kathi nicht wirklich: Der Vater ihres Kindes ist abwesend, die Zudringlichkeiten eines Regisseur lässt sie vor allem wegen der Hoffnung auf eine Rolle über sich ergehen und auch der Puppenspieler Fabian (Florian Loycke) wirkt wie ein windiger Hund, der sich nicht festlegen will.

„Staub auf unseren Herzen“ war ein Experiment. Kein fertiges Drehbuch stand am Anfang der Dreharbeiten, sondern ein loses Treatment, das Autorin und Regisseurin Hanna Doose im Lauf der Dreharbeiten immer wieder überarbeitet hat. Über ein Jahr zogen sich die Dreharbeiten hin, an 22 Tagen trafen sich Team und Schauspieler und entwickelten anhand von mehr oder weniger losen Vorgaben Figuren und Geschichte. Allein dass das Endergebnis – das gleichzeitig Dooses Abschlussarbeit an der Filmhochschule dffb darstellt – wie aus einem Guss wirkt ist bemerkenswert. Und es ist gerade die improvisierte Note, das Unfertige, Rohe, dass sich sowohl in Bildgestaltung, als auch in Geschichte und Darstellung zeigt, die „Staub auf unseren Herzen“ besonders machen.

Es ist beileibe nicht immer leicht zu ertragen, wenn Susanne Lothar und Stephanie Stremler als ungleiches Mutter-Tochter-Paar aneinander geraten, wenn Chris auf subtile Weise ihre Macht ausspielt und Kathi dies mit nur geringem Widerstand über sich ergehen lässt. Die Ernsthaftigkeit dieser Szenen kontrastiert mit dem Humor der Casting-Szenen, in denen es mit all den „Lass es aus dir heraus“ und „Ich kann so nicht spielen“ Plattitüden genau so zugeht, wie man sich das als Außenstehender vorstellt.

Es ist diese Authentizität, mit der die Gefahr umschifft wird, einfach nur einen weiteren Film über die Befindlichkeiten in prekären Situationen lebender Künstlerseelen im Prenzlauer Berg zu drehen. Auch wenn der Schauplatz unübersehbar Berlin ist, spielt er kaum eine Rolle: „Staub auf unseren Herzen“ wird ganz von seinen Schauspielern dominiert, die sich in der bemerkenswert souveränen Regieleistung von Hanna Doose in einem Maß entfalten können, wie man es nicht oft sieht. Bleibt nur zu hoffen, dass es der Regisseurin auch in weiteren Filmen gelingt auf ähnlich lose, improvisierte Weise zu arbeiten. Auf das Ergebnis darf man gespannt sein.

Michael Meyns

Neueste Zahlen belegen, dass in Deutschland über 50 Prozent der Ehen geschieden werden. Von einer solchen Berliner „Familie“ ist auch in diesem Film die Rede.

Chris ist die Mutter. Ihr Mann Wolfgang hatte sich, während sie schwanger war, einer anderen zugewandt. Chris hat ihm das niemals verziehen.

Kathi ist die Tochter. Sie hat einen kleinen Sohn. Doch sie hat noch etwas, nämlich psychische Probleme. Sie ist Schauspielerin – ohne Engagement. Und sie ist offenbar vom Leben und mit ihrem Kind überfordert.

Wolfgang ist nach langen Jahren nach Berlin zurückgekehrt und versucht Chris wieder für sich zu gewinnen. Vergeblich. Auch das Verhältnis zu Kathi und deren kleinerem Bruder Gabriel ist getrübt. Immerhin werden sich Wolfgang und Gabriel in Zukunft ein wenig zusammentun.

Am irreparabelsten ist die Beziehung zwischen Mutter und Tochter – obwohl die beiden sich eigentlich lieben. Zu sehr will Chris Kathi bevormunden, was nicht zu machen ist, auch wenn es aus Sorge geschieht. Kathi hat noch keinen Weg und keine Sicherheit gefunden.

Die Familie ist letzten Endes kaputt. Ein kleiner Lichtschein taucht für Kathi auf – weil sie mit dem sympathischen Puppenspieler Fabian einen endgültigen Weg eingeschlagen zu haben scheint.

Ein psychologisches, wehmütig-depressives, ein wenig Hoffnung durchscheinen lassendes, durchschnittliches, gut gespieltes Kammerspiel. Neben der jungen Katrin Stremler als psychologisch gestresste Kathi und Michael Kind als ungetreuer Vater auf fast verlorenem Posten schneidet bei weitem Suzanne Lothar als treusorgende aber zu resolute Mutter Chris am besten ab. Traurig, dass sie vor einigen Monaten gestorben ist.

Thomas Engel