Staudamm

Das Thema Amoklauf ist einerseits schreckliche Realität. Andererseits löst es, nicht zuletzt durch die Berichterstattung in den Medien, eine morbide Faszination aus. Der junge deutsche Regisseur Thomas Sieben erliegt aber nicht der Versuchung, es zu sensationalisieren. Er nähert sich dem Massenmord an einer Schule behutsam und ohne falsche Psychologie. Friedrich Mücke zeigt in der Hauptrolle eine großartige Leistung, und auch Nachwuchstalent Liv Lisa Fries macht erneut auf sich aufmerksam.

Webseite: www.staudamm-film.de

Deutschland 2012
Regie: Thomas Sieben
Drehbuch: Thomas Sieben, Christian Lyra
Darsteller: Friedrich Mücke, Liv Lisa Fries, Dominic Raacke, Arnd Schimkat, Lucy Wirth
Länge: 88 Minuten
Verleih: mixtvision
Kinostart: 30.1.2014

PRESSESTIMMEN:

„Die exzellent geschriebene und genau beobachtete Aufarbeitung eines Amoklaufs – so intensiv, dass es einem fast den Atem raubt.“
Cinema

„Thomas Siebens STAUDAMM ist ein ruhiges, schönes Drama. Der eindringliche, aber nicht pathetische Film findet eine neue Perspektive auf ein vertrautes Thema. Das amerikanische Arthouse-Publikum wird positiv reagieren.”
The Hollywood Reporter

„Im bestem Sinne engagiertes Kino, packend und formal hochprofessionell umgesetzt.“
tip Berlin

„Ein wichtiger und richtiger Film!“
Zitty Berlin

FILMKRITIK:

Roman (Friedrich Mücke) ist Mitte Zwanzig und ziemlich ratlos, was er mit seinem Leben anfangen soll. Die größte Zeit des Tages verbringt er vor seinem Rechner und liest für einen Staatsanwalt (Dominic Raacke) Akten aus Tonaufnahmen ein. Menschliche Katastrophen verwandeln sich dabei in trockene Aktennotizen, das Leben findet draußen statt, Roman existiert wie in einer Blase. Die er gezwungen ist zu verlassen, als er in einen kleinen Ort fahren muss, um in der dortigen Polizeiwache einige Akten abzuholen. Es handelt sich um einen schrecklichen Fall: Ein unauffälliger Junge erschoss vor einem Jahr an seiner Schule viele Lehrer, Mitschüler und schließlich sich selbst. Roman versucht so gut es geht, sich das Geschehen vom Hals zu halten. Aber sein Aufenthalt verlängert sich unfreiwillig, und Roman lernt die Schülerin Laura (Liv Lisa Fries) kennen, die den Amoklauf miterlebt und ihn bisher nicht verarbeitet hat.

Was bringt einen jungen Menschen dazu, wahllos andere Menschen und sich selbst zu erschießen? Und wie sollen die Überlebenden jemals mit dem Erlebnis fertig werden? Vor einem Amoklauf steht die Gesellschaft nach wie vor ratlos. Vor allem, weil die Täter scheinbar ohne Vorwarnung ausrasten. Die Tat bleibt unbegreiflich – und macht eine künstlerische Bearbeitung sehr schwer. Meisterhaft gelang es dennoch Gus Van Sant, sich mit seinem Film „Elephant“ (2003) der Gedankenwelt der Attentäter zu nähern. Zehn Jahre später gehen Thomas Sieben und sein Co-Drehbuchautor und Produzent Christian Lyra einen anderen Weg. Sie zeigen einen Unbeteiligten, der sich widerstrebend mit dem Thema befassen muss. Erst durch seine wachsenden Gefühle für ein Mädchen, das das Grauen erlebte, setzt er sich wirklich damit auseinander.

Thomas Siebens Debütfilm von 2009 hieß „Distanz“. Distanziert geht er auch an diese hochemotionale Geschichte – und erreicht gerade dadurch eine hohe Dichte und Glaubwürdigkeit. Er verzichtet weitgehend auf den Einsatz von Musik und zeigt die Handlung bevorzugt aus der Halbtotalen. Erst im Verlauf der Geschichte löst er das Geschehen auch in näheren Einstellungen auf.

Interessante, eigenständige Perspektiven auf das Thema erreicht das Drehbuch vor allem durch seine Hauptfigur Roman. Er ist keineswegs ein Sympathieträger, sondern wirkt in seiner fast autistischen Verharrung fast wie ein Spiegelbild des Täters. Zwar verzichten die Filmemacher leider nicht auf herkömmliche Erzählstanzen, die den Blick auf das Geschehen verstellen und es in eine Coming-of-Age-Geschichte zwängen, die auch kritisch zu hinterfragen ist. Auch hätte man durchaus darauf verzichten können, durch einen dramaturgischen Trick doch noch den Täter selbst zu Wort kommen zu lassen. Aber die Verzahnung des Amoklaufs mit dem Porträt eines jungen Mannes, der daran scheitert, einen eigenen Lebensentwurf zu finden, wiegt diese Schwächen wieder auf. Die Attentäter handeln aus verschiedenen Motiven, sie lassen sich nicht über einen Kamm scheren. Aber sie sind auch ein Produkt unserer Gesellschaft und nicht einfach nur krank. Dies in einer packenden Spielhandlung aufgelöst zu haben, ist das Hauptverdienst von „Staudamm“.

Oliver Kaever