Stealing Klimt

Ein Film für Kunstliebhaber: Jane Chablani und Autor Martin Smith verfolgen in ihrer Dokumentation den Weg des weltberühmten Jugendstil-Porträts „Adele Bloch-Bauer I“ von Gustav Klimt, das im Dritten Reich von den Nazis beschlagnahmt wurde und danach für Jahrzehnte in der Österreichischen Galerie in Wien zu sehen war. Ein spannender Film, der allerdings nur selten mehr als TV-Format besitzt.

Webseite: stardust-filmverleih.de

Großbritannien 2006
Regie: Jane Chablani
Buch: Martin Smith
88 Minuten
Verleih: Stardust
Start: 6.9.2007

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

Es ist neben Da Vincis „Mona Lisa“ und Munchs „Schrei“ wohl das berühmteste Kunstwerk der Welt: Gustav Klimts Porträt „Adele Bloch-Bauer I“, das im Volksmund unter „Die goldene Adele“ bekannt ist, da sich um das Modell auf dem Bild ein goldenes Mosaik rankt. Fast einhundert Jahre nach seiner Entstehung 1907, sorgt Klimts Meisterwerk gemeinsam mit vier weiteren seiner Gemälde für internationales Aufsehen in der Kunstszene, als die Bilder im Auktionshaus Christie’s für sagenhafte Summen an Privatkäufer gehen. Im Juni 2006 ersteigerte der amerikanische Kunstmäzen Ronald S. Lauder die „Goldene Adele“ für 135 Millionen Dollar.  

Die beiden Filmemacher Jane Chablani und Martin Smith erzählen von dem beschwerlichen Weg, den Klimts Werke in den letzten einhundert Jahren genommen haben. Sie beginnen zur Jahrhundertwende während der „Fin de Siècle“-Ära, wo sich in Wiener Salons jüdische Kunstliebhaber treffen und von den Werken ihrer Lieblinge schwärmen. Gustav Klimt, ein aufstrebender Jugendstilmaler, ist in aller Munde. Ein Freund von ihm, der Zuckerrohrfabrikant Ferdinand Bloch-Bauer, beauftragt ihn mit einem Porträt seiner Frau Adele, das schon bald das Interesse vieler Kunstfreunde weckt. Neben der „Goldenen Adele“ entstehen noch ein weiteres Porträt und drei Landschaftsmalereien.

Als der Zweite Weltkrieg ausbricht und Österreich von Deutschland annektiert wird, starten die Nazis eine der größten Kunstraubplünderungen der Geschichte und enteignen auch Familie Bloch-Bauer mitsamt ihrer Klimt-Werke. Der gescheiterte Künstler und Maler Adolf Hitler soll zu Kriegsbeginn im Besitz von 5000 hochkarätigen Werken sein. Kurz nach Kriegsende, einen Monat vor seinem Tod, verfasst der kinderlose Ferdinand Bloch-Bauer sein Testament, in dem er die Klimt-Bilder seinen Nichten und Neffen vermacht. Die mittlerweile in österreichischen Besitz übergegangenen Gemälde bleiben allerdings Staatseigentum, nur die restlichen (und weniger berühmten) Kunstwerke werden den Bloch-Bauers zurückerstattet.

Die spannende Dokumentation legt fortan ihren Fokus auf die mittlerweile 90-jährige und in den USA lebende Nichte Maria Altmann, die gegen die österreichische Regierung klagte und die Rückgabe der Bilder forderte. In Rückblenden und anhand von Interviews mit Kunstexperten und Anwälten, werden der Prozess und seine Umstände beleuchtet, der in den USA beginnt und 2006 vor einem österreichischen Schiedsgericht landet. Zwar kann die Dokumentation nur selten seinen teils mageren TV-Stil verlassen, dennoch dürften auch Kunstlaien Interesse an „Stealing Klimt“ entwickeln. Der Film ist nicht nur faktentreuer Tatsachenbericht, sondern auch eine feinfühlige Studie über den tatsächlichen Wert von gegenwärtig gehandelten Kunstobjekten. Dabei interessiert vor allem die Frage nach den Besitzansprüchen: Darf ein Staat seine Kunstwerke für mehrere Millionen an private Kunstliebhaber verkaufen? „Stealing Klimt“ liefert zwar nicht die Antwort, diskutiert dafür angenehm angeregt am Beispiel der „Goldenen Adele“.

David Siems

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Österreich ist neutral. Im Staatsvertrag mit den Alliierten des Zweiten Weltkrieges wurde dies 1955 festgelegt. Trotzdem suchten die USA und ihre Verbündeten, das Land auf die westliche Seite zu ziehen. Das ist einer der Gründe, warum die Aufarbeitung der Nazizeit und ihrer Verbrechen in Österreich nur halbherzig geschah.

Zum Teil räumt dieser Dokumentarfilm damit auf. Er zeigt, ein wie hoher Prozentsatz der Bevölkerung für den „Anschluss“ war, wie die Judenverfolgung vor sich ging, wie diejenigen jüdischen Österreicher, die bis 1939 das Land nicht verlassen konnten, gedemütigt, ausgeraubt und getötet wurden, wie hoch beispielsweise die Anzahl der SS-Angehörigen oder der KZ-Wächter im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung war. Jedenfalls blühte auch in diesem Land der Antisemitismus. Schließlich kam Hitler aus Wien.

Die Nazis waren Kunsträuber ersten Ranges. Sie beschlagnahmten willkürlich und vollständig das Eigentum der Juden, verscherbelten einen Großteil, behielten jedoch tausende wertvoller Kunstwerke in ihrem Besitz. Wegen der sehr lückenhaften Vergangenheitsbewältigung ließ sich der österreichische Staat mit der Wiedergutmachung sowie der Rückgabe der in seinem Besitz verbliebenen gestohlenen Kunstwerke Zeit, viel Zeit. Erst 1998 gab es nach einem Skandal wegen zweier Bilder von Egon Schiele ein sogenanntes Restitutionsgesetz.

Hier wird die Geschichte von fünf Bildern des berühmten Jugendstil-Malers Gustav Klimt geschildert. Darunter befindet sich ein Portrait von Adele Bloch-Bauer, eines der heute weltweit finanziell wertvollsten Bilder überhaupt. Ferdinand Bloch-Bauer, einem jüdischen Unternehmer, dem Ehemann der früh verstorbenen Adele, wurde es in den dreißiger Jahren geraubt. Es kam mit vier anderen Gemälden Klimts („Adele Bloch-Bauer II“, „Apfelbaum I“, „Buchenwald-Birkenwald“ und „Häuser in Unterach am Attersee“) aufgrund einer missverständlichen Verfügung Adeles in eine österreichische Galerie.

Jahrelang kämpfte Maria Altmann, eine heute 90jährige Nichte von Ferdinand Bloch-Bauer und eine der rechtmäßigen Erben der auf 300 Millionen Dollar geschätzten Bilder, um ihr Recht. Erst als der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten befand, für den anhängigen Prozess seien amerikanische Gerichte sehr wohl zuständig und Maria Altmann mit ihren Anwälten recht bekam, ließ Österreich sich auf einen Schiedsspruch ein, der ebenfalls zugunsten der Klimt-Erben ausging. Auf das Vorkaufsrecht für die Gemälde verzichtete Wien 2006, angeblich weil der Preis zu hoch war. Die Gemälde wurden versteigert. Leider ist nur eines davon öffentlich zugänglich. Die übrigen gingen anonym an private Eigentümer. Ein letzten Endes schlechter Ausgang der ganzen desolaten Angelegenheit.

Der Film ist ein Musterbeispiel geschichtlicher Darstellung. Er zeigt am Einzelbeispiel ausführlich auf, was vielen an Unrecht geschah. Er weist auch erschütternde Bilder auf. Und er beweist einmal mehr, aus welch unvorstellbaren Verbrechern das Nazi-Pack bestand. Ein Muss für jeden historisch Interessierten.

Thomas Engel