Still Life

Erst im letzten Moment in den Wettbewerb eingeladen, gewann der jüngste Film von Jia Zhang-ke im vergangenen Jahr den Goldenen Löwen in Venedig. Auch wenn sich sein Film, der sich auf vielfältige Weise mit den Folgen des Baus des Drei Schluchten Damms beschäftigt, stilistisch und erzählerisch nicht wesentlich von vorhergehenden Arbeiten Jia Zhang-kes unterscheidet, zeigt er doch emblematisch die großen Qualitäten dieses Regisseurs.

Webseite: www.still-life-derfilm.de

Sanxia Haoren
China 2006
Regie: Jia Zhang-ke
Darsteller: Tao Zhao, Sanming Han, Zhubin Li, Hong Wei Wan, Haiyu Xiang, Lin Zhou
108 Minuten, Format 1:1,85
Verleih: Delphi
Kinostart: neu 4.10.2007

PRESSESTIMMEN:

 

"Still Life", vor einem Jahr in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, ist gewiss der spektakulärste Film aus dem "neuen" China, der in letzter Zeit den Weg in den Westen gefunden hat.
Der Spiegel

Vor dem Hintergrund des größten Staudamm-Projekts der Welt am Jangtse-Fluss in China, dem über eine Million Menschen weichen mussten, suchen ein Tagelöhner und eine besser gestellte Frau nach ihren jeweiligen Ehepartnern. Die Erlebnisse der Figuren aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten vermitteln Einblicke in die extrem widersprüchliche Lage der Menschen in der aufstrebenden Wirtschaftsmacht. Die ruhige, sorgfältige Kameraarbeit, deren ästhetischer Reiz in starkem Kontrast zum Elend der einfachen Bevölkerung steht, schafft einprägsame Bilder von metaphorischer Qualität, große Panoramen der Zerstörung ebenso wie phänomenologisch genaue Beobachtungen. – Sehenswert.
film-dienst

Das Erzähltempo von "Still Life" ist langsam. dramatische Höhepunkte sind nicht zu entdecken. Trotzdem wird jeder, der dem Werk von Regisseur Jia Zhang-Ke eine Chance gibt, tief berührt sein.
Brigitte

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FILMKRITIK: 

Still Life macht es einem nicht leicht. Zu wenig passiert vordergründig, zu enigmatisch erscheint die Erzählweise, die Jia Zhang-ke im Laufe seiner Karriere immer weiter verfeinert hat. Einfache emotionale Verbindungen zu seinen Figuren lässt er nicht entstehen, auf jedwede Psychologisierung wird verzichtet, selbst einfachste Handlungen bleiben vage bis an den Rand der Unverständlichkeit. Dass Jia stets Laiendarsteller einsetzt, die dementsprechend auch keine Rolle verkörpern, sondern sich mehr oder weniger regungslos durch die Szenerie bewegen, macht es nicht einfacher. Nur wenn man sich vollständig auf die Erzählweise Jias einlässt, wenn man nicht erwartet von seinen Filmen berieselt zu werden, sondern willens ist, sie mit höchster Aufmerksamkeit zu verfolgen, auf kleinste Details zu achten und vor allem die vielen Lücken in Erzählung und Charakterisierung mit eigenen Erfahrungen zu füllen, kann diese Art Kino seine große Qualität entfalten.

Hauptfigur ist der Bergmann Han, der nach 16 Jahren in seine Heimat zurückkehrt, um seine ehemalige Frau und vor allem die inzwischen erwachsene gemeinsame Tochter zu finden. Doch er muss feststellen, dass der ständig steigende Stausee die Orte seiner Kindheit im Wasser begraben hat, dass von seiner Vergangenheit auch physisch nichts mehr zurückgeblieben ist.

Diese Geschichte von Verlust und der Suche nach einem Familienangehörigen wird in der Figur der Krankenschwester Shen variiert und gespiegelt. Sie kommt aus der Fremde zurück an den Damm, um ihren Mann zu finden, der zwei Jahre zuvor spurlos verschwunden ist. Bisweilen berühren sich die beiden Erzählebenen, vor allem aber sind es zwei Variationen der selben Grundthemen: Zeit und Vergänglichkeit.

Es ist überaus bemerkenswert, dass es Jia Zheng-ke gelungen ist eine noch nicht einmal besonders unterschwellige Kritik am ungebremsten Fortschrittsglauben der kommunistischen Machthaber, in seinen Film zu integrieren. Immer wieder zeigen dokumentarisch anmutende Bilder die Folgen des Dammbaus. Häuser werden in mühseliger Arbeit dem Erdboden gleichgemacht, Familien ziehen notgedrungen aus ihrer Heimat fort, eine melancholische Stimmung durchzieht den gesamten Film, der die Nützlichkeit des Damms in ganz anderem Licht erscheinen lässt. Gerade in einer Zeit, in der der ehemals so subversive, kritische Zhang Yimou immer mehr zum obrigkeitshörigen Staatsregisseur geworden ist, dessen bombastische Epen wie zuletzt Curse of the Golden Flower kaum verhohlene Propaganda sind, überrascht die feine Kritik Jias um so mehr. Im Gegensatz zu manchen anderen Regisseuren, die nach kritischen Filmen mit Arbeitsverbot belegt wurden, blieb Jia ein solches Schicksal bislang erspart. Bleibt nur zu hoffen, das Still Life nicht der letzte Film dieses außerordentlichen Regisseurs bleibt, der seinen Weg in die deutschen Kinos findet.

Michael Meyns