Stille Reserven

In der Zukunft ist selbst der Tod ein Geschäft: Wer mit Schulden stirbt und keine Todesversicherung abgeschlossen hat, der wird künstlich am Leben gehalten und ausgebeutet. Dies ist der spannende Ansatz von Valentin Hitz dystopischer Zukunftsvision, die vor allem des Konzepts und starken Looks wegen überzeugt, inhaltlich aber bald zu stottern beginnt.

Webseite: www.camino-film.com

Österreich/ Deutschland 2016
Regie & Buch: Valentin Hitz
Darsteller: Clemens Schick, Lena Lauzemis, Marion Mitterhammer, Daniel Olbrychski, Marcus Signer, Jascka Lämmert, Simon Schwarz, Stipe Erceg
Länge: 96 Minuten
Verleih: Camino Filmverleih
Kinostart: 20. April 2017

FILMKRITIK:

Wien, die nahe Zukunft. Konzerne haben endgültig die Macht übernommen und beuten die Menschen bis nach ihrem Tod aus. Wer droht, in dieser Gesellschaft mit Schulden zu sterben, wird künstlich am Leben erhalten, zwecks Ausbeutung der Organe, bis seine Schulden beglichen sind. Allein eine so genannte Todesversicherung bewahrt vor diesem schrecklichen Schicksal. Vincent Baumann (Clems Schick) arbeitet als Versicherungsvertreter und hat bislang noch jedem potentiellen Kunden eine Todesversicherung verkaufen können und damit seinem Unternehmen zu mehr Profit verholfen.

Doch nun ist er an einen schwierigen Kunden geraten, den Unternehmer Wladimir Sokulow (Daniel Olbrychski), der sich standhaft weigert, zu unterschreiben. Womit er auch Vincents Karriere in Bedrängnis bringt, denn ohne regelmäßige Vertragsabschlüsse könnte der bald degradiert werden. Doch Vincent hat eine Idee: Über Wladimirs Tochter Lisa (Lena Lauzemis), die in einem Nachtclub als Sängerin auftritt, hofft er, an den Vater heranzukommen. Doch Lisa erweist sich als Mitglied einer Rebellengruppe, die plant, in die Geriatrie einzudringen, in der die lebenden Toten vom System ausgebeutet werden. Je länger und intensiver er mit Lisa Kontakt hat, um so mehr begreift auch Vincent, das er bisher dabei geholfen hat, ein totalitäres System zu unterstützen.

In der Regel kostet Science-Fiction viel Geld, Geld, dass in einem kleinen Filmland wie Österreich noch schwerer zu bekommen ist als etwa in Deutschland. Welchen eindrucksvollen Look Valentin Hitz trotz offensichtlich reduzierter Mittel hier zusammen mit seinen Mitstreitern geschaffen hat, ist aller Ehren wert. Futuristische Architektur in Wien und Berlin liefert die Hintergründe, stilisierte Kostüme den Vordergrund, die monochromen Bilder, in die sich nur gelegentlich eine Farbe verirrt, tun ihr übriges, um die glaubwürdige Atmosphäre einer dystopischen Welt entstehen zu lassen.

Und auch die Fragen, die in „Stille Reserven“ verhandelt werden, sind spannend: Was ist der Mensch wert? Wie weit kann das kapitalistische System der Gewinnmaximierung noch getrieben werden? Wie weit kann die ständige (Selbst-) Optimierung noch gehen, bevor eine einst demokratische Gesellschaft sich zum Ausbeutungssystem verwandelt? Relevante Fragen, die jedoch kaum mehr als angerissen werden und in einer zunehmend schematischen Geschichte verhandelt werden. Wie so oft, gerade im nicht gerade Genre-affinen und -erfahrenen deutschsprachigen Kino, erweist sich auch „Stille Reserven“ als im Ansatz origineller Film, der diesen Ansatz jedoch nicht überzeugend weiterzudenken vermag. Allzu bekannt wirken die Versatzstücke, derer sich Hitz bedient, allzu offensichtlich die – meist amerikanischen – Vorbilder, an denen er sich anlehnt, die er zitiert, aber dann doch nicht erreichen kann. Für eine ganze Weile macht es Spaß, dem Entstehen einer dystopischen Welt zuzusehen, doch mit zunehmender Dauer erweist sich „Stille Reserven“ dann doch inhaltlich als zu dünn, um als dystopische Science-Fiction wirklich überzeugen zu können.
 
Michael Meyns