Stille Seelen

Wie erzählt man von der russischen Seele? Vielleicht mit einem Roadmovie, das sich durch die Weite des Landes bewegt und von angeblich uralten Ritualen erzählt, von Tod und Traurigkeit, von stiller Melancholie und rasender Lebenslust – und dessen Geschichte gleichzeitig ein Traum sein könnte, eine Fantasie. Der russische Regisseur Aleksei Fedorchenko bewegt sich mit seinem zweiten Film zwischen den Welten und gewann damit den Preis für die beste Kamera und den Preis der internationalen Filmkritik in Venedig 2011.

Webseite: www.filmkinotext.de

Russland 2010
Originaltitel: Owsjanski
Regie: Aleksei Fedorchenko
Buch: Denos Osokin
Darsteller: Igor Sergeyev, Yuri Tsurilo, Yuliya Aug, Viktor Sukhorukov
Verleih: Film Kino Text
Kinostart: 15. November 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Junggeselle Aist (Igor Sergeyev) ist selbsternannter Chronist des Volksstammes der Merja, der vor Jahrhunderten von anderen slawischen Stämmen assimiliert wurde. Er will verhindern, dass ihre Geschichte, Gebräuche und Gewohnheiten verschwinden. Sex zum Beispiel hat für die Merya angeblich allerhöchste Bedeutung, fast wie ein heidnischer Ritus. So ist Aist sofort dabei, als ihn sein Chef Miron (Yuri Tsurilo) bittet, ihm dabei zu helfen, seine verstorbene Frau nach den Traditionen der Merja zu verabschieden. Dazu müssen sie ihren Leichnam am Ufer des heiligen Oka-Flusses verbrennen. Die beiden Männer machen sich auf eine Reise, in der Vergangenheit und Gegenwart, Tradition und Moderne, Traum und Wirklichkeit ineinanderfließen. Eine Reise, von der sie nie zurückkehren werden.

Das Spiel mit Realität, Fiktion und dem Dazwischen begann Aleksei Fedorchenko mit seinem Debüt, der Mockumentary „First on the Moon“, die eine angebliche Mondlandung eines sowjetischen Kosmonauten schon in den 30er-Jahren „dokumentierte“. In „Stille Seelen“ erfindet Fedorchenko eine Mythenwelt für ein finno-ugrisches Volk, das es zwar tatsächlich gab, das zuletzt aber um 1100 erwähnt wurde und von dem heute außer seinem ursprünglichen Siedlungsgebiet nur noch wenig bekannt ist. Im Film aber scheinen ihre merkwürdigen Rituale fortzuleben: Bräuten werden bunte Bänder in die Schamhaare gebunden, die der Bräutigam dann lösen muss und an einen Baum hängt; in langen Gesprächen, die auch „rauchen“ genannt werden, berichten sich die Männer gegenseitig ausschweifend von ihren sexuellen Erfahrungen; die Leichname ihrer Liebsten reiben die Merja mit Wodka ab. All diese Gebräuche werden in „Stille Seelen“ ausführlich dokumentiert, während gleichzeitig der Schleier des Traums darüber liegt.

Letztlich geht es Fedorchenko natürlich nicht um einen obskuren Volksstamm. Über den Umweg des fiktionalisierten Mythos‘ gelingt ihm vielmehr ein tiefer Einblick in die russische Seele. Der Hang zur Lust am Leiden und zu einer tiefen Schwermut, die andererseits wieder getragen ist von Sinnlichkeit und Lebenslust, setzt Fedorchenko in Bilder um. Die Geschichte spielt im Herbst, Natur und Städte liegen in bleiernem Grau, werden von Nebel umwabert und manchmal fasst verschluckt, es regnet ständig. Und doch findet die Kamera eine schwebende Schönheit in dieser Tristesse. Wie ein Mantel legt sich der Nebel über die langen Einstellungen, die nie um Aufmerksamkeit buhlen, sondern den Zuschauer eher ganz sanft anrühren. Die Geschichte vom nahenden Untergang einer Kultur sorgt für eine tiefe Melancholie, die die Erzählung unterfüttert. „Wenn etwas gehen muss, dann muss das so sein“, sagt Aist, der auch als Erzähler fungiert, am Ende. Es ist die Einsicht, den Gang der Dinge nicht ändern zu können, und sich trotz großer Traurigkeit damit zu arrangieren. Vieleicht spricht er so direkt aus der russischen Seele.

Oliver Kaever

Miron hat seine Frau verloren, die er leidenschaftlich liebte. Sie war noch jung, in voller Frauenblüte, kein Alter zum Sterben. Miron bleibt still, aber unendlich traurig. Ins Leichenhaus will er Tanja auf keinen Fall geben, die Sitten seines ugurisch-russischen Volkes sehen besondere letzte Riten vor.

Er bittet seinen Freund Aist, ihm zu helfen. Die Männer schmücken den nackten Körper der Toten, reinigen ihn, betten ihn. Alles ruhig, wortlos, würdig.

An einem entfernten Strand soll die Leiche auf einem sorgfältig errichteten Holzstoß verbrannt und dann dem Wasser übergeben werden. Es hat seinen Sinn: Vom Wasser kommt alles. Totale Stille auch hier.

Es ist kalt und dunkel draußen. Der Himmel ist grau. Die Bilder spiegeln Mirons Seelenzustand. Soll es ein Trost sein, dass die beiden Männer auf der Heimfahrt auf zwei sich sexuell anbietende Prostituierte treffen? Wohl kaum.

Auf der Fahrt erzählt Miron: von Tanja; vom Ursprung und von der Vergangenheit seines Volkes; von dessen ungewisser Zukunft; von seiner Sehnsucht nach seiner Frau; vom intensiven Liebesleben der beiden. Auch Aist kommt kurz zu Wort; er hat nicht viel Gutes zu berichten.

Wie wird es mit Miron mit dieser inneren und äußeren Leere weitergehen? Er weiß es nicht.

Ein poetischer, gefühlsechter, schwermütiger, berührender Film. Ein russischer Regisseur, dem außergewöhnliche Empfindungen eingegeben sind, der mit seinem Volk verbunden ist, der „seine“ Landschaft durchfährt, der auf stille noble Weise seiner Trauer Ausdruck verleiht.

Alles endet, die Liebe aber nicht, sagt Miron.

Ein schöner, trauriger, friedlicher, auf jeden Fall außergewöhnlicher Film. (Man denkt unwillkürlich über den Tod, vielleicht sogar über den eigenen, nach.)

Thomas Engel