Storm und der verbotene Brief

Wie könnte spannendes Kino für Kinder und Jugendliche ohne Zauberer oder Fantasywesen aussehen? Die niederländische „Storm und der verbotene Brief“ gibt eine Antwort. Ausgehend von der Reformation und den seinerzeit verbotenen Schriften Martin Luthers erzählt der Film, wie ein Brief mit brisantem Inhalt in die Hände eines 12-jährigen Jungen fällt. Auf der Flucht vor einem gerissenen Inquisitor und den Spitzel der Kirche versucht dieser, seinen verhafteten Vater zu retten.

Webseite: storm-derfilm.de

OT: Letters van Vuur
NL 2017
Regie: Dennis Bots
Drehbuch: Karin van Holst Pellekaan
Darsteller: Davy Gomez, Juna de Leeuw, Yorick van Wageningen, Angela Schijf, Maarten Heijmans, Peter van den Begin
Laufzeit: 105 Minuten
Verleih: farbfilm verleih
Kinostart: 23.3.2017

FILMKRITIK:

Europa zu Beginn des 16. Jahrhunderts: Ganz offen attackieren Martin Luther und die Reformation den Deutungs- und Herrschaftsanspruch der katholischen Kirche. In ihren Schriften üben sie beharrlich Kritik am Ablasshandel und an der weit verbreiteten Käuflichkeit kirchlicher Ämter. Schnell werden sie dadurch zu Feinden des Klerus. Aber dank des Buchdrucks verbreiten sich ihre Gedanken schon bald über Ländergrenzen hinweg. Ein Brief Martin Luthers erreicht schließlich die belgische Handelsstadt Antwerpen und dort die Druckerei des bislang gesetzestreuen Klaas (Yorick van Wageningen). Als sich der Familienvater entschließt, den Brief zu drucken, gerät er in das Visier des gerissenen Inquisitors (Peter van den Begin). Während Klaas verhaftet wird, bleibt seinem Sohn Storm (Davy Gomez) nur die Flucht. Im letzten Augenblick gelingt es dem Jungen noch, die Druckplatte des verbotenen Luther-Briefs vor dem Zugriff des Inquisitors zu schützen. Storm flieht mit der Druckplatte in die Katakomben der Stadt.
 
Schon die ersten Szenen, die Luther beim Verfassen seines Briefes zeigen, funktionieren als Zeitreise in das in unserer Vorstellung meist dunkle Mittelalter. Tatsächlich waren Angst, falsche Frömmigkeit und Aberglauben weit verbreitet. „Storm und der verbotene Brief“ lässt uns an diesem dunklen Kapital europäischer Geschichte unmittelbar teilhaben. Indem der Film den in etwa gleichaltrigen Storm erst zum Hauptdarsteller und später zu einem durchaus mutigen Helden macht, begegnet er seinem jungen Publikum auf Augenhöhe. Storm ist sogleich Identifikationsfigur und Sympathieträger, wobei die Geschichte mit dem Waisenmädchen Marieke (Juna de Leeuw) später noch eine zweite Heldin präsentiert. Der Blick auf die Welt der Erwachsenen fällt dagegen deutlich ambivalenter aus. So stehen dem Mut von Storms Vater der kühle Machtanspruch der katholischen Kirche und die Skrupellosigkeit des Inquisitors gegenüber. Vor dessen Handlanger scheint niemand sicher zu sein, was der Plot gleich mehrmals für nicht ganz unerwartete Wendungen nutzt.
 
Mit den Mitteln des Abenteuerfilms erschafft Regisseur Dennis Bots detailreiches Historien-Kino, das trotz fiktiver Charaktere und einer klassischen „Auf der Flucht“-Handlung – Storm muss schließlich seinen Vater vor der Hinrichtung retten und dabei seinen Verfolgern entkommen – wissenswerte Hintergründe über die Zeit der Reformation in eine unterhaltsame, spannende Dramaturgie verpackt. Dem Film gelingt es, Interesse für die damaligen Zeitenwende zu wecken. Selbst wenn vieles lediglich angerissen wird, um von der eigentlichen Story um Storm nicht abzulenken, bekommen die jungen Kinozuschauer einen Eindruck vom oftmals beschwerlichen Alltag der Menschen im Mittelalter. Das Drehbuch findet die richtige Ansprache, in dem es klugerweise jede Form eines didaktischen, religiösen Geschichtsunterrichts vermeidet. Und dennoch hat der Film viel bis heute (leider) Hochaktuelles über das Verhältnis von Autoritäten und Volk, über autoritäre, undemokratische Verhältnisse und fundamentalistische Weltbilder zu sagen. Gerade die vergangenen Monaten haben gezeigt, dass wir Menschen offenbar dazu neigen, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen.
 
„Storm und der verbotene Brief“ ist weder ein Werbeclip der protestantischen Kirche noch ein Möchtegern-„Harry Potter“ ohne Fantasy-Überbau. Stattdessen bietet er starke Identifikationsfiguren und eine geradlinige, auf Kinder und Jugendliche zugeschnittene Handlung, die fesselnd und temporeich einen Ausschnitt unserer Geschichte betrachtet. Und mit Storm-Darsteller Davy Gomez könnte das europäische Kino ganz nebenbei seinen neuen Kinderstar gefunden haben.
 
Marcus Wessel