Strange River

„Und es war Sommer. Das erste Mal im Leben…“, fast so wie von Peter Maffay vor einem halben Jahrhundert besungen, ergeht es Teenie Dídac. Der junge Spanier reist mit ziemlich heftigem Liebeskummer im Herzen mit der Familie zum gemeinsamen Fahrradurlaub entlang der Donau. Das Auftauchen eines geheimnisvollen Unbekannten sorgt für willkommene Ablenkung. Oder ist dieser Fremde nur ein Produkt pubertärer Fantasie? Das Coming-of.Age-Drama überzeugt durch psychologische Präzision und eine poetische Bildsprache von betörender Art. Gedreht auf gutem alten 16mm-Material, sorgen die visuellen Welten entlang der Donau-Wellen für einen hypnotisierenden Leinwandsog mit meditativer Wirkung

 

Über den Film

Originaltitel

Estrany riu

Deutscher Titel

Strange River

Produktionsland

ESP,DEU

Filmdauer

103 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Muxart, Jaume Claret

Verleih

Verleih N.N.

Starttermin

01.01.1970

 

Am Anfang ist der Wald. Bäume, Äste, Stämme und Blätter rauschen verschwommen an der Kamera entlang. Die visuelle Ouvertüre gibt den Stil vor für dieses Coming-of-Age-Drama, das eine katalanische Familie beim Rad-Urlaub entlang der Donau begleitet. Die Eltern schwelgen in Erinnerungen an ihre Jugend. Mama Monika (Nausicaa Bonnín) nutzt die Muse, um sich auf ihre Rolle in Hölderlins „Tod Empedokles“ vorzubereiten. Der sechzehnjährige Dídac (Jan Monter) wird von den beiden kleineren Brüdern in Beschlag genommen. Dabei hätte der Teenager lieber seine Ruhe, trauert er doch einer unerwiderten Liebe hinterher. Papa Albert (Jordi Oriol) gibt sich fürsorglich. Beim Vater-Sohn-Gespräch am Ufer erzählt der Architekt vom eigenen Liebeskummer zu Jugendzeiten. Dass sich sein Sohn in einen anderen Jungen verguckt hat, ist überhaupt kein Thema. Dass er mit diesem Gerard beim Dorffest getanzt und geknutscht hat, findet der Vater ganz normal. Dem Sohn ist die Sache eher peinlich. Er will sowieso nicht in irgendwelche Schubladen gesteckt werden.

 

Seinen Herzschmerz-Frust tobt der junge Spanier mit Arbeitsverweigerung beim Zeltaufbau oder rasantem Radeln aus. Und dann taucht plötzlich, wie aus dem Nichts, ein mysteriöser Junge (Francesco Wenz) auf. Erst zieht er im Fluss seine Bahnen. Später steht er an Land. Je öfter der Fremde auftaucht, desto mehr zieht er den Teenager in seinen Bann. Aber ist er tatsächlich real? Oder ist alles nur Einbildung? Eine Projektion des eigenen Begehrens? Und was die Mutter mit diesem rätselhaften Gespenst zu tun? 

 

Als die Familie bei ihrer Donau-Tour eine Rast einlegt, weil der Vater in Ulm die Hochschule für Gestaltung besichtigen will, kommt unerwartet neuer Flirt-Schwung auf. Plötzlich taucht der Fremde auf, die beiden Jungs tanzen vergnügt durch die Uni, um sich später lange in den Armen zu liegen und verträumt in die Wolken zu starren. Der Flirt geht weiter, als das Duo ein kleines Boot kapert und heftig verknallt über die Donau schippert oder schmachtend in der Schleuse wartet. Erneut bleibt freilich die Frage: Alles nur geträumt? 

 

Es passiert nicht viel in diesem Coming-of-Age-Drama, das Drehbuch passt auf den berühmten Bierdeckel – und selbst da bliebe noch reichlich freier Platz. Doch der Weg ist das Ziel. Das Teenager-Leben ist ein langer, ruhiger Fluss. Wer sich auf die meditative Erzählweise einlässt, wird mit einem assoziativen Kinotrip der besonderen Art belohnt: Das visuelle Konzept sorgt mit traumwandlerisch schönen Bildern für einen regelrechten Leinwandsog. Als teilnehmender Beobachter ist die Kamera bei dieser sommerlichen Odyssee stets mittendrin, statt nur dabei. Das unaufgeregte Tempo des Films passt zur Lethargie des jungen Helden. Gedreht auf gutem alten 16mm-Material, sorgen die visuellen Welten entlang der Donau-Wellen für einen hypnotisierenden Leinwandsog mit meditativer Wirkung.

 

Der 27-jährige Jaume Claret Muxart wurde mit seinem Kinodebüt nicht nur nach Venedig, San Sebastian und Wien eingeladen, sondern zudem für stolze acht Gaudí Awards nominiert. Kein ganz so schlechter Coup für eine Kinokarriere. Auf die weiteren Werke des Katalanen kann man gespannt sein. Dieses rigorose Coming-of-Age-Drama hat allemal Klassiker-Qualitäten. 

 

Dieter Oßwald

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