Sturm

Bereits auf der diesjährigen Berlinale erntete Hans-Christian Schmid viel Lob und Bewunderung für sein engagiertes Polit-Drama „Sturm“. Die Geschichte liefert einen Einblick in die Arbeit des Den Haager Kriegsverbrechertribunals, das noch heute die Gräueltaten und Massaker des letzten Balkankrieges verhandelt. Schmid bedient sich dabei der Mittel des Suspense-Kinos und eines zugleich fast dokumentarischen Erzählstils. Im Mittelpunkt seines Films stehen zwei überaus starke, mutige Frauen, die jede auf ihre Weise der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen wollen.

Webseite: www.sturm-der-film.de

OT: Storm
Deutschland/Dänemark/Niederlande 2009
Regie: Hans-Christian Schmid
Drehbuch: Hans-Christian Schmid, Bernd Lange
Kamera: Bogumil Godfrejów
Musik: The Notwist
Darsteller. Kerry Fox, Anamaria Marinca, Stephen Dillane, Alexander Fehling, Drazen Kuhn, Rolf Lassgård, Kresimir Mikic
Laufzeit 105 Minuten
Kinostart: 10.9.2009
Verleih: Piffl Medien
 

PRESSESTIMMEN:

Ein fast dokumentarisch anmutendes Porträt zweier Frauen, die sich entschieden haben zu kämpfen, mit ohnmächtiger Wut. Hans-Christian Schmid, unterstützt von zwei anbetungswürdigen Darstellerinnen, erzählt die Geschichte wie einen Thriller, ohne Moralpredigten, spannend und trotzdem seltsam nah am Leben.
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Als im Juli 2008 mit Radovan Karadžiæ einer der meist gesuchtesten, mutmaßlichen Kriegsverbrecher des früheren Jugoslawiens endlich gefasst und an das Den Haager Tribunal ausgeliefert wurde, da rückten die begangenen Gräueltaten und Grausamkeiten während des Bosnienkrieges schlagartig wieder in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit. Viele Taten sind auch heute, rund 15 Jahre danach, weder aufgeklärt, noch wurden wirklich alle Verantwortlichen von damals zur Rechenschaft gezogen. Viele können sich noch immer auf den Schutz alter Weggefährten und einflussreicher Seilschaften verlassen. Dass nicht zuletzt auch politische Motive bei der Suche nach möglichen Kriegsverbrechen eine überaus bedeutsame Rolle spielen, ist längst kein Geheimnis mehr.

In diesem Spannungsfeld zwischen moralischem Anspruch und handfesten politischen Interessen bewegt sich Hans-Christian Schmids „Sturm“. Der Film wirft einen Blick hinter die Kulissen des Den Haager Kriegsverbrechertribunals und beleuchtet die Arbeit der dort tätigen Ankläger. Die engagierte Juristin Hannah Maynard (Kerry Fox) ist eine von ihnen. Gerade führt sie einen Prozess gegen Goran Duric (Drazen Kuhn), einen einst hochrangigen Befehlshaber der jugoslawischen Armee. Dieser soll den Befehl zur Deportation und Ermordung bosnischer Muslime erteilt haben. Weil sich jedoch ein wichtiger Augenzeuge in Widersprüche verstrickt, droht der Prozess zu Platzen. Auch ein Ortstermin in Bosnien bringt aus Sicht der Anklage nicht die erhoffte Wende. Stattdessen nimmt sich der Zeuge nur kurze Zeit später in seinem Hotelzimmer das Leben.

Aus dieser für Hannah scheinbar ausweglosen Lage entwickeln Schmid und sein Co-Autor Bernd Lange ein ambitioniertes Drama mit dezenten Anklängen an klassische Paranoia-Thriller. So wird Hannah bei ihren Nachforschungen vor Ort immer wieder von Unbekannten beobachtet, verfolgt und manchmal sogar direkt bedroht. Als sie schließlich auf Mira (Anamaria Marinca) trifft, die Schwester des Hauptbelastungszeugen, spürt sie intuitiv, dass die junge Frau ein schreckliches Geheimnis mit sich herumträgt. An diesem Punkt wechselt der Film abermals die Tonlage, in dem er plötzlich Miras Schicksal in den Mittelpunkt der Erzählung rückt. Interessant ist, dass Schmid bei der Schilderung der Kriegsverbrechen gänzlich auf Rückblenden verzichtet und stattdessen ausschließlich Mira in ihren eigenen Worten von den Geschehnissen erzählen lässt. Der Ansatz macht deutlich, dass „Sturm“ letztlich nicht so sehr den Krieg sondern vielmehr dessen Spätfolgen behandelt.

Schmids erste englischsprachige Produktion ist jedoch mehr als nur eine schauspielerisch überzeugende Bestandsaufnahme seelischer Narben und Verletzungen. Gerade zum Ende hin scheut „Sturm“ nicht davor zurück, eindeutig Stellung zu beziehen und dabei auch als politisches Statement wahrgenommen zu werden. Es zeigt sich, dass Hannahs Engagement sogar in den eigenen Reihen auf Widerstand stößt. Dem vorsitzenden Richter ist an einem möglichst schnellen, geräuschlosen Prozessverlauf gelegen. Der Wunsch nach Gerechtigkeit erweist sich in diesem Zusammenhang bisweilen als hinderlich. Schmid rekonstruiert die Arbeit der Ankläger und Diplomaten bis in kleinste interne Abläufe. Dabei erscheint das Tribunal zunehmend wie ein straff organisierter, hermetisch abgeschotteter Kosmos, der ganz unterschiedliche Interessen und Eitelkeiten beherbergt. Es ist eine kalte, einsame Welt, die sich dort zwischen gläsernen Lobbys, anonymen Hotelzimmern und uniformen Konferenzräumen abzeichnet und in der sich Hannah tagtäglich bewegt – die Hand zur Faust geballt.

Marcus Wessel

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