Sully

Die Filme von Tom Hanks sind nie wie eine Schachtel Pralinen: Man weiß immer, was man bekommt! Im Auftrag von Clint Eastwood gibt der Star mit dem grandiosen Jedermann-Charisma einmal mehr den Helden wider Willen. Erzählt wird die wahre Geschichte des Piloten Chelsey „Sully“ Sullenberger, dem im Januar 2009 mit seinem vollbesetzten Airbus eine Notwasserung auf dem Hudson River gelang. Das Husarenstück wurde von den Medien als Wunder gefeiert, die Behörden jedoch bezweifeln das Können des Piloten. In seinem mit 96 Minuten kürzesten Film seiner Karriere entwickelt der 86-jährige Eastwood ein souverän inszeniertes Drama mit Gänsehaut-Faktor, das trotz des bekannten Endes durchweg spannend ausfällt. Kein Wunder, bei einem Hanks in Hochform.

Webseite: www.warnerbros.de

USA 2016
Regie: Clint Eastwood
Darsteller: Tom Hanks, Aaron Eckhart, Laura Linney, Chris Bauer, Jamey Sheridan
Filmlänge: 96 Minuten
Verleih: Warner Bros. GmbH
Kinostart: 1.12.2016
 

FILMKRITIK:

35 Kinofilme hat Clint Eastwood bereits inszeniert, darunter Meisterwerke wie das Jazz-Epos „Bird“ oder die Oscar-Gewinner „Erbarmungslos“ und „Million Dollar Baby“. Politisch gibt sich der übercoole Ex-Cowboy gern als strammer Republikaner, zuletzt als glühender Trump-Fan. In seinen Filmen geht es oft anders zu, ein engagiertes Anti-Rassismus-Melodram wie „Gran Torino“ soll dem Regisseur erst einmal jemand nachmachen. Mit 86 Jahren (!) schildert der Hollywood-Veteran nun eine wahre Helden-Geschichte, die nach einer Verfilmung regelrecht schreit. Einem wackeren Piloten gelingt eine sensationelle Notladung auf einem Fluss. Für die Medien ein Held. Doch die Behörden haben Zweifel am Können des Piloten und zerren ihn vor einen Untersuchungsausschuss.
 
Es sollte ein ganz normaler Routineflug werden, als sich der Airbus 320 der US Airways am 15. Januar 2009 mit 155 Passagieren an Bord auf die Reise von New York nach Seattle machte. Dann kommt es drei Minuten nach dem Start vom Flughaften LaGuardia völlig überraschend zum massiven Vogelschlag: Wildgänse sorgen für den Totalausfall der beiden Triebwerke. Die Piloten melden „Mayday“. Der Fluglotse rät zur Rückkehr nach LaGuardia. Der erfahrene Captain Chesley „Sully“ Sullenberger indes bezweifelt, dass es der havarierte Flieger noch bis dort hin schafft. Was tun? Die Zeit drängt! In wenigen Minuten lässt sich in den Handbüchern keine Lösung für diesen seltenen Notfall finden. Mit atemberaubender Gelassenheit entscheidet sich der Pilot für eine Notwasserung auf dem Hudson River. Was für Laien plausibel klingt, gilt Experten als schier aussichtslos. Noch nie zuvor ist die Notlandung eines Passagierjets auf dem Wasser gelungen! Doch Sully sieht keine andere Alternative und geht das Risiko ein. Ganze drei Minuten und 28 Sekunden dauert es vom Notruf bis zur Landung im eisigen Fluss. Der kühne Coup gelingt, alle Passagiere und Crew-Mitglieder überleben fast unverletzt. Die Welt feiert das Husarenstück. Doch die Aufsichtsbehörde leitet überraschend eine Untersuchung ein. Am Flugsimulator gelingt acht von 15 Piloten tatsächlich knapp die sichere Landung auf dem Airport. Ein entscheidender Faktor wird von den Ermittlern allerdings übersehen.
 
Basierend auf Sullenbergs literarischen Erinnerungen („Highest Duty: My Search for What Really Matters“) erzählt Eastwood die Geschichte nicht chronologisch, sondern springt in der Zeitachse vor und zurück. Zudem schildert er die Geschehnisse aus unterschiedlichen Perspektiven: Aus Sicht des Cockpits; der Passagiere und Crew; der Fluglotsen sowie der Rettungskräfte. Durch diesen dramaturgischen Dreh wird man als Zuschauer gleich mehrfach Zeuge dieser spektakulären Notlandung, die Eastwood mit überzeugenden Spezialeffekten eindrucksvoll zu inszenieren versteht. Flugzeugabstürze hat es im Kino schon dutzendfach gegeben, am Himmel nichts Neues, möchte man meinen. Weil es sich hier um eine reale Beinahe-Katastrophe handelt, entsteht freilich ein ganz besonderer Kick. Da kommt nicht nur in der Kabine, sondern gleichfalls im Kino ziemlich Gänsehaut auf, als im Steilflug beide Triebwerk schlagartig ausfallen.  
 
Wie im fiktiven „Flight“ von Robert Zemeckis, droht dem verwegenen Piloten auch in dieser wahren Geschichte ein Untersuchungsverfahren. Für den erfahrenen Kapitän, der sich von den Medien nur widerwillig als Held feiern lassen will, geht es dabei nicht nur um seinen guten Ruf, sondern um die Lizenz. Hat der Profi mit über 20.000 Flugstunden tatsächlich im entscheidenden Moment ein falsche Entscheidung getroffen, wie man ihm vorwirft? Durfte er dieses enorme Risiko eingehen? Immerhin gelingt einigen seiner Kollegen am Flugsimulator in der Rekonstruktion eine sichere Landung. „Sully“ machen die Vorwürfe zu schaffen. Dass ein Barmann einen Drink nach ihm benennt und wildfremde Menschen ihn umarmen, ist da nur ein kleiner Trost. Doch schließlich entdeckt er jenen elementaren Fehler, den die Ermittler übersahen.
 
So packend die Actionszenen, so spannend fällt der Kampf des Captains um die Ehre aus. Die Nebenfiguren, Ehefrau und Kopilot inklusive, fallen dabei enttäuschend eindimensional auf. Umso eindrucksvoller gerät die Hauptfigur. Bei dessen Zeichnung bleibt das Psychogramm gleichfalls eher unterkomplex. Doch Hanks erzielt eben auch mit solch minimalen Drehbuch-Vorgaben ein maximales Ergebnis und präsentiert ein überragendes Porträt. „Sie suchen nach dem menschlichen Fehler? Dann machen Sie es menschlich!“, sagt er als Sully einmal zu den Ermittlern. Genau das tut er als Schauspieler so grandios wie einst James Stewart. Ein Schauspieler jenseits jeglichem Pralinenschachtel-Problem.
 
Dieter Oßwald