Sushi in Suhl

Anfang der 70er Jahre – als Sushi selbst in der Bundesrepublik noch eine Rarität war – stellte ein japanisches Restaurant in der DDR eine geradezu unerhörte Novität dar. Doch sie gab es wirklich: Im thüringischen Suhl etablierte der Gastronom Rolf Anschütz sein Restaurant – eine Geschichte, die nun in amüsanter, bisweilen etwas harmlos-ostalgischer Manier Stoff fürs Kino geworden ist mit Uwe Steimle in der Hauptrolle.

Webseite: www.sushi-in-suhl.de

Deutschland 2012
Regie: Carsten Fiebeler
Buch: Jens F. Otto
Darsteller: Uwe Steimle, Julia Richter, Ina Paule Klink, Gen Seto, Deborah Kaufmann, Thorsten Merten, Michael Kind
Länge: 107 Minuten
Verleih: Movienet
Kinostart: 18. Oktober 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Irgendwann hat Rolf Anschütz (Uwe Steimle) genug von Klößen und Rostbraten. Beim Blättern in einem Bildband über die Küchen der Welt stößt er auf Japan – und ist gefesselt. Für seine Freunde aus dem Dorf kocht er, besser: improvisiert er japanisches Essen. Und lässt es dabei nicht bewenden. Aus Judo-Mänteln werden Kiminos, eine Blumenvase muss als Sake-Karaffe herhalten und Stuhl- und Tischbeine dran glauben. Möglichst stilecht soll es zugehen, wobei stilecht für Anschütz weniger bedeutet, es so zu machen wie die Japaner, als so, wie er glaubt, dass es die Japaner machen. Wie dem auch sei, seine Gäste sind begeistert, nur sein Vorgesetzter in der HO – der Handelsorganisation, die in der durchorganisierten DDR alle zur Gastronomie gehörenden Bereiche bestimmt – ist von seinem experimentierfreudigen Mitarbeiter alles andere als begeistert.

Das ändert sich erst, als in der DDR lebende Japaner das Restaurant entdecken: Den Anfang macht Dr. Hayashi (Gen Seto), der Anschütz gleich mit echter Soja-Sauce versorgt und bald seine japanischen Freunde ins abgelegene Suhl führt. Dass lässt auch die System-Bonzen aufhorchen, denn die DDR ist verzweifelt darum bemüht, Beziehungen zu Japan aufzubauen. Und so entwickelt sich Anschütz-San zum Mittler zwischen Ost und West. „Du kochst für den Weltfrieden“ wird ihm bestätigt, was Anschütz bald zu Kopf steigt und seine Ehe mit Ingrid (Julia Richter) belastet. Anschütz muss sich entscheiden, was ihm wichtiger ist.

Eine kaum glaubliche Geschichte erzählt „Sushi in Suhl“, die sich tatsächlich so zugetragen hat – nun, zumindest ansatzweise. Dass Anschütz’ Entwicklung zum gefragten Japan-Koch in der Fiktion deutlich schneller und reibungsloser verläuft als in der Realität ist eine vollkommen akzeptable Verkürzung. Welch harmloses, verklärtes Bild des DDR-Systems Carsten Fiebeler nach einem Drehbuch von Jens F. Otto inszeniert, steht da schon auf einem anderen Blatt. Zwar war Anschütz allen Berichten nach tatsächlich ein vollkommen unpolitischer Mensch, der einfach nur Spaß am kochen hatte. Doch die Tollpatschigkeit, mit der die DDR-Bürokratie, die alles kontrollieren wollenden Vorstände der HO hier geschildert werden, lässt die DDR etwas zu sehr wie einen zwar etwas anstrengenden, aber letztlich doch harmlos vertrottelten Staat erscheinen.

Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen, bietet die Geschichte eines Mannes, der sich in einer Nische einen Traum erfüllen will, doch mehr als genug Stoff für einen Film. Doch gerade die Selbstaufgabe, mit der Anschütz agiert und die ihn letztlich die Familie kostet, bleibt unterentwickelt. Als Erzähler des Films fungiert zwar Anschütz Sohn, doch eine wirkliche Rolle spielt der Junge nicht. Und auch die Ehefrau bleibt seltsam blass. Irgendwann ist sie weg, aber für den Film und Anschütz’ Wesen hat das keine Bedeutung.

So kann man sich in erster Linie an der absurden Geschichte eines japanischen Restaurants im tiefsten Thüringen erfreuen, wo vor dem Essen gemeinsam gebadet wird – natürlich nackt und japanische Traditionen vollkommen missverstehend –, der Sushi anfangs nicht stilecht in Seetang, sondern in Spinat gerollt und auch sonst kräftig improvisiert wird. Nicht zuletzt der Spaß, mit der die Akteure offensichtlich am Werk waren, macht „Sushi in Suhl“ zu einem unterhaltsamen Blick auf eine etwas andere Seite der DDR.

Michael Meyns

Rolf Anschütz war in der ehemaligen DDR ein Unikum. Er betrieb mit seiner Frau Ingrid im thüringischen Suhl die Gaststätte Waffenschmied. Die Ehefrau war für die thüringischen Gerichte zuständig, Klöße und Gulasch, er für die – japanischen unter anderem Sushi. Japanisches Essen, japanische Zubereitung, japanisches Ritual, japanisches Ambiente, das war anfangs sein Tic. Doch daraus wurde eine DDR- und SED-Ausnahme, wurden im Verlaufe von 20 Jahren nahezu zwei Millionen Besucher, wurden lange Wartezeiten, um überhaupt in das Restaurant zugelassen zu werden, wurde eine in der DDR einmalige Erscheinung.

Das Tollste an der Sache: Das in diesem Film Geschilderte beruht absolut auf Tatsachen.

Betrieb im „Waffenschmied“. Die HOler sind da, wollen alles prüfen. Es gibt Maikäfersuppe. Der Erfolg ist nicht sehr groß. Aber Anschütz lässt sich nicht unterkriegen. Seine Japan-Idee probiert er zuerst mit Freunden aus. Dann wird die anfängliche Spinnerei immer weiter ausgebaut: mit Tee und Sake, mit Kostümen und Tänzen, mit Dekoration und der Sprache. Als der Staat sich dessen bewusst wird, dass das Geschäft blüht, werden Westimporte und Devisen für das nötige Material genehmigt. Ein langer Japan-Besuch, DDR-Orden, ein japanischer Orden. Doch Anschütz drängt es zurück in die Heimat.

Eines ging dabei kaputt: seine Ehe mit Ingrid. Und nach dem Mauerfall war zumindest der Trubel vorbei. Heute ist der Waffenschmied verlassen.

Die Macher haben nach langen Recherchen und mit viel Arbeit bis ins Kleinste alles nachgebaut und nachempfunden. Das ist schon eine beachtliche Arbeit. Am Anfang läuft der Film allerdings sehr zäh und mit nicht sehr hohem, „komischem“ Niveau an. Dann aber wird es wirklich zunehmend besser und unterhaltsamer. Vieles wirkt zudem ironisiert und persifliert: die DDR-Bürokratie, die Geschäftigkeit der Bonzen, ihr Zweifel, was zu geschehen habe, die SED-Propaganda-Sprüche, die Kommentierung der Lieferungen des westlichen Klassenfeindes. Hoffentlich war das Absicht!

Gespielt wird übrigens gut: von Uwe Steimle als Anschütz, von Julia Richter als Ingrid, von Deborah Kaufmann als HO-Direktorin, von Thorsten Merten und Michael Kind als HO-Bezirks- und Kreiszuständige, von Ernst Georg Schwill als Freund von Rolf Anschütz.

Eine „DDR“-Komödie – hoffentlich auch als Persiflage gemeint.

Thomas Engel