Synonymes

Als Fremder in Paris. Eintauchen in der französischen Metropole, seine eigene Identität ablegen. Das versuchte einst Nadav Lapid, der aus seinen Erlebnissen seinen semiautobiographischen Film „Synonymes“ entwickelte, für den er auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde.

Webseite: grandfilm.de/synonymes/

Israel/ Frankreich/ Deutschland 2019
Regie: Nadav Lapid
Buch: Nadav Lapid, Haïm Lapid.
Darsteller: Tom Mercier, Quentin Dolmaire, Louise Chevillotte, Uri Hayik, Léa Drucker
Länge: 123 Minuten
Verleih: Grandfilm
Kinostart: 5. September 2019

FILMKRITIK:

Hektisch und verwackelt ist die Kamera am Anfang von „Synonymes“, zeigt häufiger das nasse Pflaster von Paris, als die Gebäude der Straßen, durch die Yoav (Tom Mercier) mit schnellem Schritt geht, eher hetzt. Es wirkt wie eine Flucht und das ist es auch. Sein Land hat er hinter sich gelassen, hat Israel nach dem Militärdienst verlassen und ist, vor allem dem Mythos Paris als Hauptstadt der Kultur wegen, nach Frankreich gekommen.
 
In einer leeren Wohnung findet er Unterschlupf, als er badet wird ihm sein ganzer Besitz gestohlen, nackt rennt er durchs Treppenhaus, bricht in der Badewanne zusammen – und wird von einem jungen, bourgeoisen Paar gerettet. Emile (Quentin Dolmaire) und Caroline (Louise Chevilotte) sind das Klischee des Pariser Künstlerpaar: Dank dem reichen Vater wohnen sie in einem mondänen Appartement, Emile schreibt an einem Roman und trinkt viel Rotwein, Caroline spielt die Oboe. Fasziniert von Yoav, von seinem wilden Geist, seinem nackten Körper, geben sie ihm Geld und Kleidung, vor allem einen senffarbenen Mantel, den Yoav kaum einmal ablegen wird.
 
„Ich bin aus Israel geflohen“ gesteht Yoav Emile eines Tages, dort sei es schrecklich, brutal, verlogen und noch vieles anderes. „Kein Land kann all das auf einmal sein“ meint Emile dazu  und deutet schon das Problem an, dass Yoav erst langsam realisieren wird. So sehr er sich von seinem Land, den Erinnerungen an den Militärdienst und dem vorherrschenden Machismo lösen will, so wenig kann er seine Heimat hinter sich lassen.
 
Bei der israelischen Botschaft bekommt er einen Job als Sicherheitsbeamter, den er nach wenigen Tagen verliert, als er Wartende ohne Kontrolle in die Botschaft lässt und „Es gibt keine Grenzen!“ skandiert. Ein anderer Israeli, Yaron (Uri Hayik), sieht überall Antisemitismus, den er durch Provokationen geradezu heraufbeschwören will. Schließlich will sich Yoav einbürgern lassen, will Franzose werden und nimmt an einem Integrationskurs teil. Mit der Folge, dass er nicht die martialische israelische Hymne singen muss, sondern die ebenso blutrünstige französische.
 
Kein gutes Haar am israelischen Militarismus lässt Nadav Lapid in seinem dritten Spielfilm, der wie eine Charakterstudie wirkt, aber durch und durch politisch ist. In losen Szenen, die durch die spektakuläre Performance des Newcomers Tom Mercier zusammengehalten werden, zeigt Lapid, wie Yoav seine Vergangenheit radikal hinter sich lassen und eine neue Identität finden will. Hebräisch zu sprechen verweigert er so gut es geht, französisch bringt er sich mit einem Wörterbuch selber bei, benutzt dabei aber oft altmodische Wörter, die weniger der französischen Gegenwart entspringen, als einem Klischee kultureller Größe.
 
Wie überhaupt vieles in „Synonymes“ Klischee ist, ganz bewusst. In den kurzen Rückblenden nach Israel wirken die Soldaten und Offiziere wie Abziehbilder, vor allem aber scheint das junge Paar Emile und Caroline eher dem französischen Kino als der Realität entsprungen. Ein Ideal verkörpern sie für Yoav, das Bild von einem liberalen, sexuell libertären Leben, das er anstrebt, ohne es jemals erreichen zu können. Denn nach und nach realisiert er, dass diese Bild nur ein Klischee ist, dass auch die französische Identität, nach der er strebt, mit dunklen Flecken behaftet ist. Am Ende, so scheint es Lapid anzudeuten, ist man immer ein Fremder in der Welt, ist es unmöglich, dem Gefängnis zu entkommen, in das man unweigerlich ohne eigenes Zutun geboren wird.
 
Michael Meyns