Systemsprenger

Einen eindrucksvollen, intensiven Debütfilm zeigte Nora Fingscheidt im Wettbewerb der Berlinale und wurde dafür mit dem Alfred-Bauer-Preis ausgezeichnet. „Systemsprenger“ erzählt von der neunjährigen Benni, die durch ein früh erlittenes Trauma kaum zu bändigen ist, mit Folgen für alle Beteiligten, die die junge Helena Zengel in einer erstaunlichen Performance spürbar werden lässt.

Webseite: port-prince.de

Deutschland 2019
Regie & Buch: Nora Fingscheidt
Darsteller: Helena Zengel, Albrecht Schuch, Lisa Hagmeister, Gabriela Maria Schmeide, Melanie Straub
Länge: 119 Minuten
Verleih: port-au-prince Pictures
Kinostart: Herbst 2019

FILMKRITIK:

Benni (Nora Fingscheidt) ist neun, keineswegs dumm, aber oft nicht zu bändigen. Durch ein frühkindliches Trauma hasst sie es, im Gesicht berührt zu werden, eine Schwäche, die andere Kinder in der Schule oder den wechselnden Heimen, durch die Benni gereicht wird, auszunutzen verstehen. Kommt es zum Streit reicht eine Berührung und Bennis rastet aus. Die Sozialarbeiterin Frau Bafané (Gabriela Maria Schmeide) hat trotz allem große Sympathien für Benni, sieht, dass sie ein kluges Kind ist, doch langsam gehen ihr die Optionen aus. Kein Heim in der Region will Benni mehr aufnehmen, jede Möglichkeit scheint erschöpft, auch die an sich Beste, eine Rückkehr zur Mutter Bianca (Lisa Hagmeister), ist wenig aussichtsreich, denn die Mutter ist von ihrer Tochter komplett überfordert.
 
Der Weg in die geschlossene Anstalt scheint unausweichlich, doch der Sozialarbeiter Micha (Albrecht Schucht) erkennt sich in Benni wieder. Er war selbst einst auf dem Weg, sein Leben komplett zu verpfuschen und hat gerade so die Kurve bekommen. Er schlägt vor, mit Benni drei Wochen im Wald zu verbringen, in der Ruhe der Natur, ohne Fernsehen, ohne Ablenkung, ohne Irritationen. Zunächst gibt es zwar auch im Wald Streitigkeiten, doch dann scheint Benni echte Fortschritte zu machen. Kaum zurück in der Zivilisation kommt es jedoch sofort wieder zu einem Vorfall und nun ist auch Micha am Ende seiner Möglichkeiten angekommen, zu dem er Benni ins Herz geschlossen hat und die Nähe zu dem Kind zu groß wird.
 
Ohne die junge Hauptdarstellerin Helene Zengel wäre „Systemsprenger“ kaum vorstellbar. Kein Neuling ist die zehnjährige Zengel, einige Filme hat sie schon gedreht und weiß sich augenscheinlich vor eine Kamera zu bewegen. Dennoch bringt sie eine enorme Menge an anarchischer Energie mit, die die Extreme ihrer Figur schmerzhaft deutlich werden lassen. Von einem Moment zum nächsten kann sich Benni vom lieben, auch zuvorkommenden Kind in einen rasenden Vulkan verwandeln, der kaum zu bändigen ist und für sich und andere eine Gefahr darstellt.
 
Wie dieses Kind im wahrsten Sinne des Wortes das System sprengt schildert Nora Fingscheidt in ihrem Debütfilm auf absolut konsequente Weise. Was vor allem bedeutet, dass sie am Ende keine Lösung aus dem Hut zaubert. Was aber auch bedeutet, dass „Systemsprenger“ nach einer gewissen Zeit repetitiv wird, sich die Muster wiederholen, nach einem Moment der Ruhe unweigerlich ein neuer Ausbruch folgt. Hier merkt man überdeutlich, dass man es mit einem Debütfilm zu tun hat, dass Fingscheidt nicht recht weiß, wo und wie sie das Ende setzen kann.
 
Doch über die längste Zeit seiner fast zwei Stunden Dauer überzeugt „Systemsprenger“ als wuchtiges, intensives, sehenswertes Psychogramm, das beide Seiten schildert: Die von Benni, die an sich nichts Böses im Sinne hat, sondern nur nach Nähe und Zuverlässigkeit verlangt. Und auf der anderen Seite die Erwachsenen, ihre überforderte Mutter, die ihr eigenes Leben kaum im Griff hat, die Pflegemütter und Sozialarbeiter, die Bennis Intelligenz erkennen, aber nicht mehr wissen, was sie noch tun können.
 
Michael Meyns