Tag und Nacht

Moralurteile, Verklärungen und Klischees über Prostituierte gibt es zu Genüge. Sabine Derflinger schiebt all diese Bilder, die den Blick oft genug nur verstellen, beiseite und betrachtet das Sexgeschäft nüchtern als Dienstleistung. Die beiden Callgirls in „Tag und Nacht“ sind durchschnittliche junge Frauen, die sich durch nichts von ihren Kommilitoninnen unterscheiden – bis sie ihre Zweitexistenz beginnen. Der Film zeigt detailliert, welche emotionalen, psychischen und sozialen Folgen das für sie hat. Dabei scheinen viele Facetten auf, die Licht in die meist trüben Vorstellungen über Prostitution bringen. Und nebenbei wirft die österreichische Regisseurin einen Blick auf die normale Welt, in der es auch Prostitution gibt, nur dass sie da nicht so heißt.

Webseite: www.tagundnacht.wfilm.de

Österreich 2011
Regie: Sabine Derflinger
Buch: Sabine Derflinger, Eva Testor
Kamera: Eva Testor
Darsteller: Anna Rot, Magdalena Kronschläger, Adrian Topol, Martin Brambach, Phillipp Hochmair, Manuel Rubey
Länge: 101 Minuten
Verleih: W Film
Kinostart: 10. November 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Alles beginnt mit einem Witz. Schlechten Sex hätten sie doch sowieso. Warum sollten sie nicht eine Enschädigung dafür bekommen? So albern Lea (Anna Rot) und Hanna (Magdalena Kronschläger), zwei Wiener Studentinnen mit chronischen Geldproblemen, herum. Und ebenso spielerisch geraten sie dann tatsächlich an eine Escort-Agentur. Die beiden Freundinnen fotografieren sich in Dessous und mit aufreizenden Gesten, es wirkt alles wie ein harmloser Streich. Doch Lea und Hanna sind entschlossen, mit fremden Männern gegen Bezahlung ins Bett zu gehen. Es ist nicht nur das schnell verdiente Geld, das sie treibt. Vielleicht sind sie neugierig auf eine fremde Welt, vielleicht wollen sie sich sexuell ausprobieren und ein wenig Abenteuer in ihr Studentinnen-Leben bringen. Und wenn Lea einmal euphorisch zu ihrer Freundin sagt, dass „wir zwei Königinnen sind“, wird klar, dass auch Machtgefühle im Spiel sind. Sex gegen Bezahlung kann Spaß machen – das ist die mutigste Aussage, mit der der Film aufwartet.

Manche Feministin wird das empören, aber man kann Sabine Derflinger nicht vorwerfen, dass sie das Bild der ausgebeuteten Prostituierten umdeutet in eine selbstbestimmte weibliche Sexualität. Es ist in erster Linie ein Geschäft. Die Agentur, für die die beiden Frauen arbeiten, wirkt wie eine x-beliebige kleine Firma. Die Chefin ist keine Puffmutter, sondern geschäftstüchtige Beraterin, die Lea und Hanna sagt, worauf es ankommt („Bodylotion und Parfüm müssen von einer Marke sein“). Ihr Kompagnon ist kein Zuhälter, sondern jemand, der den Bürokram macht. Und die beiden Studentinnen arbeiten ihre Termine ab. Es kommt schon vor, dass sie es still genießen, begehrt zu werden, und manche Kunden sind ihnen sympathisch. Doch der Glaube, alles im Griff zu haben, erweist sich als Irrtum. Es sind nicht nur die langen Nächte, die Drogen und die dann doch oft anstrengenden Freier. Ohne dass die beiden es merken, wird ihre Zweitexistenz langsam zur Erstexistenz. An der Uni sieht man die beiden kaum noch, Hanna fällt durch eine Prüfung. Entscheidend aber ist, dass der emotionale Stress die Callgirls langsam, aber sicher mürbe macht. Denn am Ende ist es eben doch nicht ein Job wie jeder andere, da beim Sex Schranken fallen wie in keiner anderen sozialen Situation und Macht, Begierden und Grenzüberschreitungen bestimmend sind.

Lea und Hanna finden wohl auch deswegen nicht zurück, weil es in ihrem normalen Leben wenig Halt gibt. Lea scheint in einen Mann verliebt zu sein, doch der will nur Sex. Hanna empfindet mehr als Sympathie für einen Kommilitonen, kann sich aber nicht recht entscheiden. Dass das bürgerliche Leben mit seinen Liebesidealen weit entfernt ist, zeigt sich bei einer Hochzeit, während der Lea wie ein Fremdkörper wirkt. Dort wird deutlich, dass so eine Hochzeit mitunter auch nur ein Geschäft ist. „Nichts gelernt, aber gut geschieden“, beschreibt bei dem Fest eine ältere Dame ihre Lebensstrategie. Und ein Mann umwirbt Lea, indem er auf seine Gehaltsaussichten verweist. Auch eine Form des Tauschgeschäfts Sex gegen Geld. Dass in dieser Hinsicht die normale Welt und das Sex-Geschäft verschwimmen, offenbart sich am deutlichsten, als Hanna bei einem Termin auf jemanden trifft, den sie gut kennt. Es ist die traurigste Szene des Films. Derflinger kommt in vielerlei Hinsicht auf den Punkt. Auch beim Sex schaut sie nicht weg. Es gibt eine Reihe expliziter Szenen, bei denen der Regisseurin und ihrer Kamerafrau Eva Testor ein Kunststück gelingt, das zum Tonfall des Films passt. Eine unstilisierte Körperlichkeit ist da zu sehen, der Beischlaf als physisches Ereignis, das meist doch recht banal ist. Durchschnittlich eben.

Volker Mazassek

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