Tage des Zorns

Ein aufwändig inszenierter Thriller über die heikle Zeit des dänischen Widerstandes gegen die deutsche Besatzung. Während ein Großteil der Bevölkerung im Einklang mit der Regierung lange Zeit versucht, die Jahre der Besatzung durch Stillhalten zu überstehen, wagen wenige Gruppen den bewaffneten Widerstand. Dass die Männer und Frauen dabei oft nicht nur ihr Leben, sondern auch ihre Seele in Gefahr brachten, zeigt Ole Christian Madsen am Beispiel der beiden legendären Untergrundkämpfer Flame und Citron. Thure Lindhardt und Bond-Bösewicht Mads Mikkelsen spielen die beiden Männer mit fiebriger Intensität als glühende Antifaschisten und dennoch gebrochene Helden, weil die mitunter undurchsichtigen Mordaufträge sie vor ein immer größer werdendes moralisches Dilemma stellen. 

Webseite: www.tagedeszorns-derfilm.de

OT: Flammen & Citronen
Dänemark/Deutschland 2008
Regie: Ole Christian Madsen
Darsteller: Thure Lindhardt, Mads Mikkelsen, Peter Wygind, Stine Stengade, Christian Berkel, Hans Zischler
130 Minuten
Verleih: NFP im Vertrieb von Warner Bros.
Kinostart: 28.8.2008

PRESSESTIMMEN:

…auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

Kopenhagen im Jahre 1944. Die Besatzung der dänischen Metropole durch deutsche Truppen geht bereits ins vierte Jahr und noch immer regt sich kaum Widerstand in der Bevölkerung. Es gibt zwar kaum echte Sympathisanten der Nazi, die meisten Dänen hoffen aber, wie ihre Regierung, durch eine Politik des Stillhaltens den Krieg unbeschadet überstehen zu können. Doch mit der sich immer deutlicher abzeichnenden Niederlage der Deutschen im Zweiten Weltkrieg wächst auch bei Teilen der Bevölkerung der Wille zum Widerstand. Sehr zur Freude von Männern wie Flame (Thure Lindhardt) und Citron (Mads Mickelsen) die sich schon früh für den bewaffneten Kampf entschieden hatten. 

Flame, der seinen Spitzamen seinen auffällig roten Haaren verdankt, operiert als ehemaliger Soldat als Vollstrecker, während Citron selber noch niemals zur Waffe gegriffen hat und seinen Freund als Fahrer unterstützt. Bislang haben die beiden erfolgreich Jagd auch hochrangige Kollaborateure gemacht, doch sehnen sie den Tag herbei, an dem ihr Vorgesetzter Axel Winther (Peter Wygind), die Erlaubnis erteilt, auch Deutsche zu töten – allen voran den vielleicht gefährlichsten Nazi in Dänemark, den Gestapochef Hoffmann (Christian Berkel). Doch ausgerechnet als Winther endlich den ersten Auftrag erteilt, drei Deutsche zu erschießen, beginnt die Sache kompliziert zu werden. Zwei der drei Deutschen entpuppen sich im Nachhinein als Mitglieder des deutschen Widerstandes. 

Flame beginnt an Winthers Entscheidungen zu zweifeln, zumal dieser scheinbar eigenmächtig an der Führung in Stockholm vorbei handelt. Als Winther ihm den Auftrag gibt, die vermeintliche Doppelagentin Ketty Selmer (Stine Stengade) zu töten, eskaliert die Situation. Denn Kelly ist Flames heimliche Geliebte und die berichtet ihrem Freund von Winthers doppelbödigem Spiel. So mussten die drei Deutschen sterben, weil Winther die Spuren seiner eigenen lukrativen Geschäfte mit den Besatzern vertuschen wollte. Desillusioniert und orientierungslos beschließen Flame und Citron, künftig auf eigene Faust zu handeln, auch wenn die Zentrale in Stockholm sie entschieden vor den Konsequenzen der „Desertierung“ warnen. Ihr Ziel ist ein Mann, über dessen Verstrickung in die Verbrechen der Nazis keinerlei Zweifel besteht: Gestapochef Hoffmann. 

Auch wenn Regisseur Ole Christian Madsen den Film als packenden Genre-Thriller inszeniert, so steht doch neben der spannenden Agentengeschichte die Aufarbeitung der dänischen Vergangenheit in den Jahren der deutschen Besatzung im Mittelpunkt – festgemacht an der wahren Geschichte zweier Männer, die trotz ihres Heldenstatus gebrochen sind. Thure Lindhardt und Bond-Bösewicht Mads Mikkelsen spielen die beiden Männer mit fiebriger Intensität als glühende Antifaschisten, deren idealistisches Tun aber zunehmend von Zweifeln belastet wird. Zweifel, was die Integrität ihrer Auftraggeber betrifft, aber auch die berechtigte Sorge darüber, dass das Morden sie selber als Menschen verändert. 

Am deutlichsten wird dies im Umgang mit ihren Frauen. So gibt es bei beiden Männern Momente, in denen ihre Frauen berechtigte Angst haben müssen, von ihnen getötet zu werden. Unschuldig, das macht der Film unmissverständlich deutlich, kommt keiner aus dieser Zeit heraus. Damit ist er ganz nah an den Überlegungen, die Paul Verhoeven bei „Black Book“ über das widersprüchliche Verhalten seiner niederländischen Landsleute während der deutschen Okkupation angestellt hat. Doch während Verhoevens Film zu sehr Kolportage-Kino betreibt, bleibt das dänische Pendant wesentlich ernsthafter bei der Sache. Über zwei Stunden dauert das Drama, und keine Minute kommt dabei Langeweile auf, so geschickt sind hier Genre-Kino und Geschichte miteinander verwoben. Getragen von dem exzellenten Ensemble gerät diese Geschichtslektion zum faszinierenden Kinoereignis. 

Bei unseren nordischen Nachbarn ging die Rechnung bereits auf: Im gerade einmal 4 Millionen Einwohner zählenden Dänemark avancierte die deutsch-dänische Produktion mit mehr als 500. 000 Zuschauer nach nur drei Wochen zum veritablen Kinohit. 

 

Norbert Raffelsiefen

Die Vergangenheitsbewältigung war in den letzten Jahren eines der Lieblingsthemen deutscher Filmemacher, vor allem das Dritte Reich und seine schillernden Persönlichkeiten fanden sich des Öfteren auf hiesigen Leinwänden wieder. Wie passend, dass Regisseur Ole Christian Madsen nun die wahre Geschichte zweier dänischer Nationalhelden und Kriegsgegner festhält, die im Studio Babelsberg gedreht wurde und als dänisch-deutsche Koproduktion zu einem großen Teil mit deutschen Filmfördergeldern finanziert wurde. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte wird also fortgesetzt. Aus gutem Grund, denn „Flame & Citron“ beschränkt sich in seiner Erzählweise nicht nur auf die dänische Seite, sondern steht im ständigen Kontext zur Seite der Besatzer – den deutschen Nationalsozialisten. 

Die Geschichte setzt ein im Sommer 1944. Die Mehrheit der dänischen Bevölkerung duldet still schweigend die Belagerung der Deutschen und hofft auf ein baldiges Kriegsende. Im Untergrund regt sich dennoch Widerstand. Der 23-jährige Rotschopf Flame (Thure Lindhardt) und sein zehn Jahre älterer Partner Citron (Mads Mikkelsen) liquidieren kaltblütig dänische Kollaborateure, die von ihrem vermeintlich regierungstreuen Auftraggeber Winther (Peter Mygind) ausgewählt werden. Doch nicht alles läuft nach Plan. Als die Ermordung des Chefs der deutschen Abwehr, Gilbert (Hanns Zischler), fehlschlägt, beginnen die beiden Killer, an ihren Taten zu zweifeln. Für noch mehr emotionale Verwirrung sorgt die zwielichtige Ketty (Stine Stengade), eine überraschend gutmütige femme fatale, die unerwartet in das Leben von Flame tritt und schließlich ins Visier des Widerstands gerät.

Ole Christian Madsen inszeniert sein Helden-Drama ohne falsches Pathos, dafür aber mit den Mitteln eines gelungenen Spionage-Thrillers. Verschachtelt in der Erzählweise, rekonstruiert er die Geschichte eines dänischen Mythos um zwei Persönlichkeiten, die in ihrem eigenen Handeln irgendwann den Irrsinn des Krieges entdecken. Gefangen in einer Spirale der Gewalt, müssen die Helden erfahren, dass sie nicht einmal ihren eigenen Leuten vertrauen können, sogar Gestapo-Chef Hoffmann (Christian Berkel) ist nicht mehr als klares Feindbild auszumachen. So konzentriert sich „Flame & Citron“ auf die undurchsichtigen Aspekte der psychologischen Kriegsführung, in der Doppelagenten und Kollaborateure gleichzeitig zu Verbündeten und Feinden werden. 

Kameramann Jørgen Johansson taucht seine Bilder dabei stets in bedrohlich-dunkle Schatten, die mit Originalaufnahmen aus der deutschen Besatzungszeit abgewechselt werden. Die Rolle von Mads Mikkelsen – dessen Gesicht seit seiner Rolle als Bösewicht im letzten James-Bond-Film „Casino Royale“ eine Spur bekannter geworden sein dürfte – steht hier auffällig im Schatten von Thure Lindhardt („Was nützt die Liebe in Gedanken“), der den jungen Flame mit kühler Zurückhaltung aber höchster Entschlossenheit spielt. Die Komplexität ihrer beiden Charaktere spiegelt dabei den Krieg wider, der – wie jeder Krieg – fanatisch und zum Scheitern verurteilt ist und dennoch seine Helden feiert.

David Siems 

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Erste Hälfte der 40er Jahre. Die Deutschen halten Dänemark besetzt. Zwar arrangieren sich die Dänen zunächst einigermaßen mit den Nazis, doch mit zunehmenden deutschen Niederlagen wächst auch der Widerstand. Partisanengruppen bilden sich.

Flame (mit richtigem Namen Bent Faurschou-Hviid, den Spitznamen erhielt er wegen seiner roten Haare) und Citron (mit richtigem Namen Jörgen Haagen Schmith, den Spitznamen erhielt er, weil er früher bei Citroen gearbeitet hatte) gehören einer Widerstandszelle an. Ihre Aufgabe: die Liquidierung dänischer Spitzel und Nazi-Sympathisanten. Mehrere Verdächtige werden aus dem Weg geräumt. Der Killer ist Flame. Er ist ein erbitterter Gegner der nazistischen Ideologie. Er macht die Feinde kaltblütig nieder. Citron, der Familienvater, bringt es anscheinend nicht übers Herz, jemanden zu töten. Er agiert als Chauffeur.

Dann wollen Flame und Citron mehr. Auch bedrohliche Deutsche müssten beseitigt werden, der gebildete Horst Ernst Gilbert z.B. und der Gestapo-Chef Hoffmann. Ihr Vorgesetzter Winther verbietet dies allerdings. Warum? Ist er nicht sauber?

Flame trifft auf die schöne Ketty. Er verliebt sich in sie. Eine gefährliche Angelegenheit, denn Ketty ist Doppelagentin. Wird sie, als das Spiel ihr zu heiß wird und es dem Kriegsende zugeht, an dem sicherlich abgerechnet werden wird, gar zur Verräterin?

Flame und Citron jedenfalls zahlen für ihr „Heldentum“ einen hohen Preis. Der eine für seinen Anti-Nationalsozialismus, der andere für seinen Patriotismus, seine Gegnerschaft zur deutschen Besatzung.

Der Film ist in mehr als in einer Hinsicht bemerkenswert. Zunächst einmal durch die Tatsache, dass es sich um wahre Begebenheiten und historische Personen handelt; dann durch einen konsequenten, sehr eigenwillig-nüchternen film noir-Stil; weiter durch die Spannung, die mit dem sich durch die ganze Handlung ziehenden situations- und zeitbedingten Misstrauen erzeugt wird; und durch die an jedem Beteiligten aufgeworfenen Problematik dieses Films, nämlich die Frage: wie sich in solchen Kriegswirren verhalten – nur konsequent moralisch, nach allen Seiten offen oder so schlau wie möglich; schließlich durch eine fähige Regie, aber auch durch die beeindruckende schauspielerische Darstellung, vor allem seitens Bent Faurschou-Hviids (Flame) und Jörgen Haagen Schmiths (Citron).

Alles in allem ein sehenswerter Beitrag zur Historie.

Thomas Engel