Tagebuch eines Skandals

Für Dame Judi Dench ist es seit „Iris“ die zweite Zusammenarbeit mit Regisseur Richard Eyre – und erneut spielt die britische Bühnenlegende eine zwischen verschiedenen Gefühls- und Geisteszuständen hin- und hergerissene Frau. Dench ist Barbara Covett, eine Lehrerin ohne nennenswerten Bekanntenkreis, die zufällig Wind vom Verhältnis einer jungen Kollegin (Cate Blanchett) mit einem 15-jährigen Schüler bekommt. Niemand schöpft Verdacht – bis Covett eines Tages ihre Wissensbombe platzen lässt. Im Sinne einer spannenden Psychotragödie ist das konsequent – und von den Damen Dench und Blanchett zudem meisterhaft gespielt.

Webseite: www.tagebuch-eines-skandals.de

OT: Notes on a scandal
GB 2006
Regie: Richard Eyre
Darsteller: Judi Dench, Cate Blanchett, Bill Nighy, Andrew Simpson, Phil Davis
92 Minuten
Verleih: Fox
Start: 22.2.2007

PRESSESTIMMEN:

Ein packender Psychokrieg zwischen Suspense und Melodram – und ein Schauspiel-Duell de luxe.
Cinema

Dem Film geht es weniger um reißerischen Thrill als um die Durchdringung der Charaktere, deren Not und Einsamkeit, aber auch Hoffnungen bedrückend erfahrbar werden. Stimmig in Atmosphäre und in der Besetzung bis in die kleinsten Nebenfiguren, wird er von zwei großartigen Hauptdarstellerinnen getragen, wobei ihm das Kunststück gelingt, auch für die vom Leben enttäuschte, verzweifelte Erpresserin ein gewisses Maß an Sympathie zu wecken. – Sehenswert.
film-dienst

FILMKRITIK:

Sie ist erfahren, sie ist vertrauensselig – und trotzdem eine einsame Frau. Judi Dench spielt in Richard Eyres („Iris“, „Stage Beauty“) neuem Spielfilm die allein lebende Barbara Covett. Längst hat diese sich damit abgefunden, eine Einzelgängerin zu sein. Ihre Gefühle vertraut die streng und distanziert dreinblickende Geschichtslehrerin regelmäßig einem Tagebuch an. Als die neue Kollegin Sheba Hart (Cate Blanchett) sie eines Tages zum Sonntagsessen mit ihrer Familie einlädt, macht sich Covett bereits Hoffnung auf den Beginn einer wunderbaren neuen Freundschaft. Beim Besuch aber zeigt sich, dass die beiden unterschiedlichen Frauen ganz anderen Welten angehören. Hier die trotz ungewöhnlicher Familienbiografie in einer lockeren und liberalen Atmosphäre lebende Sheba mit ihrem älteren Mann (Bill Nighy), einem frechen Mädchen und einem Jungen mit Down-Syndrom, dort die konservativen Verhaltensmustern verhaftete Barbara Covett, die im Schulalltag mit Strenge durchzugreifen weiß (was allerdings nicht mit Akzeptanz zu verwechseln ist). Konfrontiert mit dem bunten und quirligen, seitens der Kinder auch ungezogenen Treiben im Haus der Harts kann sie sich den ein oder anderen schnippischen Kommentar nicht verkneifen.

Kurz darauf wird Covett in der auf dem 2001 veröffentlichten Roman von Zoe Heller basierenden Verfilmung Zeugin eines skandalösen Verhältnisses ihrer jungen Kollegin mit dem 15-jährigen Schüler Steven Connolly – Andrew Simpson spielt ihn als Mischung eines bewusst die Grenzen auslotenden und doch auch wieder unschuldigen Schuljungen. Covett verspricht, Stillschweigen zu wahren, warnt aber vor einer Fortsetzung der Beziehung. Sheba ist da ganz ihrer Meinung, zögert den dafür notwendigen Schlussstrich aber hinaus – und lässt die Freundin ausgerechnet in jenem Moment alleine, als die den Tod ihrer geliebten Katze betrauert. Covett fühlt sich verletzt und verraten – und lässt ihr kompromittierendes Wissen als Gerücht an die Öffentlichkeit. Der Skandal ist perfekt, Sheba als Lehrkraft wie auch als Ehefrau und Mutter erledigt.

Ob Covett eifersüchtig auf die freundliche und voller Natürlichkeit steckende Kollegin im Kreis einer lebendigen Familie ist oder sich der Frust über ein Leben als einsame Jungfer bei ihr Bahn bricht – das Wissen um die verbotene Beziehung verleiht ihr unschätzbare Macht. Der Zuschauer weiß das ebenso wie die immer wieder als Erzählerin aus dem Off Auszüge aus ihrem Tagebuch vortragende Covett. In ihren Kommentaren malt sie sich auch aus, wie die Beziehung zu Sheba aussehen könnte. Sie weiß, dass dies nur ein Traum bleiben wird.

Absehbar hingegen ist der sich abzeichnende Albtraum für Sheba. So sehr das böse Ende dieser verhängnisvollen Affäre vorgezeichnet ist, so gekonnt versteht es Richard Eyre, die psychologische Schlinge immer weiter zuzuziehen. Insbesondere der repetitive, wie ein unaufhaltsamer Sog wirkende Soundtrack von Philipp Glass verstärkt das unvermeidliche Delirium und lässt einem kalte Schauer über den Rücken laufen. So harmlos die Figur Barbara Covett auch wirkt und so wenig sich Eyre auf die Zeichnung eines psychologischen Porträts einlässt, so verleiht Judi Dench ihr doch etwas geradezu Unheimliches, Monströses. Ihrem starken Auftritt steht Cate Blanchett mit ihrer Darstellung einer auf verbotenen Liebespfaden wandelnden Frau in nichts entgegen.

Thomas Volkmann

 

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Eine Schule in England. Sheba Hart und Barbara Covett sind dort Lehrerinnen. Sheba ist mit einem älteren Mann verheiratet, hat einen Sohn mit Downsyndrom und die hübsche Tochter Polly. Das Familienleben ist o. k., die Ehe etwas ausgeleiert.

Barbara lebt allein mit ihrer Katze. Sie ist eine Pädagogin vom alten Schlag, nicht beliebt, aber durchsetzungsfähig. Zu allem gibt sie bissige Kommentare ab. Sie führt ein Tagebuch. Sie ist ein Drachen, sagt: Kinder seien wie Tiere. Früher habe man an der Schule Zigaretten konfiszieren müssen, heute Messer und Crack. So sehe der Fortschritt aus.

Barbara findet Gefallen an Sheba. Sie möchte die jüngere Kollegin zur Freundin. Sie verbirgt geschickt, dass sie lesbisch ist, dass sie schon eine frühere Freundin auf dem Gewissen hat, dass sie sich alt, allein und verlassen fühlt, dass sie auf Sheba Besitzansprüche geltend machen will.

Da trifft es sich gut, dass Sheba sich dazu hinreißen lässt, mit dem 16jährigen Schüler Steven ein Verhältnis anzufangen. Anfangs wehrt sie sich dagegen, dann aber ist sie leidenschaftlich dabei.

Barbara bekommt dies mit. Jetzt hat sie Sheba in der Hand, kann sie erpressen. Zuerst versucht sie die intime Annäherung im Guten, aber als dies nicht klappt, weil Sheba sowohl ihrer Familie als auch Steven gerecht werden muss, wird Barbara zur Rächerin, zum Judas, zur Hexe, zur Furie. Aus den „Gefährtinnen mit Seelenverwandtschaft“ werden Gegnerinnen.

Sheba ist bloßgestellt, gilt nun als Kriminelle. Zehn Monate Haft wird sie verbüßen müssen. Doch ihr Mann Richard will sie wieder aufnehmen. Barbara sucht sich unterdessen schon ein neues Opfer.

Ein Drama über Traum und Realität, über ein „verführerisches Geheimnis“, über eine erkaltete Ehe, über eine lockende Versuchung, über eine unaufhaltsame Verstrickung ins Tragische. Von scharfen und witzigen (Tagebuch-)Kommentaren und Dialogen ist das begleitet, dominiert von einer interessant-lebendigen Handlung, einer durchgehend stimmigen Dramaturgie und einer beachtenswerten Regieleistung.

Höhepunkte sind die darstellerischen Leistungen von Judy Dench und Cate Blanchett. Die Dench beherrscht ihre Maske, hat Mut zur Hässlichkeit, agiert präzise, argumentiert messerscharf und gibt eine perfekte Barbara.

Cate Blanchett spielt ebenso gut die Leidenschaftliche, die zwischen Pflicht und Lust Schwankende, die zur Freundschaft Gezwungene, die verzweifelte Verratene, aber auch die aparte Schöne. Die beiden bereiten dem Zuschauer einen künstlerischen Genuss.

Thomas Engel