Take Shelter

2011 war ein starkes Jahr für das unabhängige US-amerikanische Kino. Das zeigte sich vor allem in Cannes, wo "Drive" mit dem Regiepreis und "The Tree of Life" mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurden. Jetzt kommt mit "Take Shelter" der dritte US-Film in unsere Kinos, der an der Croisette die Kritiker begeisterte. Er erhielt dort den Grand Prix der Critics Week und den Preis der internationalen Filmkritik in Cannes. Noch etwas verbindet die zweite Regie-Arbeit von Nachwuchs-Talent Jeff Nichols mit "The Tree of Life": in beiden Filmen zeigt Hauptdarstellerin Jessica Chastain, warum sie zu den aufregendsten aufstrebenden Schauspielerinnen der USA gehört.

Webseite: www.takeshelter-film.de

USA 2011
Regie, Buch: Jeff Nichols
Darsteller: Michael Shannon, Jessica Chastain, Tova Stewart, Shea Whigham, Katy Mixon
Länge: 120 Minuten
Verleih: Ascote Elite
Kinostart: 22. März 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Auf den ersten Blick lebt Curtis LaForche (Michael Shannon) den amerikanischen Traum. Aber die Idylle trügt. Seine Ehe mit der bildschönen Samantha (Jessica Chastain), die süße Tochter, das riesige Haus, der gut bezahlte Job – all das ist in seiner Vorstellung bedroht von riesigen Tornados, die sich beständig am Horizont zusammenbrauen. Anfangs plagen ihn nur nachts diese schrecklichen Albträume, aber bald hat er auch tagsüber Visionen von gigantischen Vogelschwärmen und Monsterblitzen, die über den Himmel zucken. Anstatt mit Samantha zu sprechen, ergreift Curtis eigene Maßnahmen: Er beginnt, den Tornado-Schutzraum im Garten auszubauen und nimmt dafür einen riskanten Kredit auf.

"Take Shelter" ist kein metaphysischer Psycho-Thriller; Regisseur Jeff Nichols lässt keinen Zweifel daran, ob die aufziehenden Stürme Wahn oder Wirklichkeit entspringen. Sie existieren in Curtis’ Kopf, sonst nirgends. Diese deutliche Klarstellung verhindert, dass die Geschichte sich in die alibihafte Spannungssteigerung eines Genrefilms flüchten kann. "Take Shelter" folgt vielmehr einem Mann auf seinem unaufhaltsamen Weg in den Abgrund der Psychose. Und das mit einer erschreckenden Konsequenz und beeindruckenden formalen Mitteln. Nichols erzählt die Geschichte streng aus der Sicht der Hauptfigur. Anfangs werden deren Träume noch deutlich als solche gekennzeichnet, aber im Verlauf des Films treten die Visionen immer unvermittelter auf. Gesteigert wird die Intensität des Geschehens noch dadurch, dass Curtis um seinen Zustand weiß. Wie sich herausstellt, leidet seine Mutter an Schizophrenie. Curtis besorgt sich Bücher über Geisteskrankheit, er besucht eine Therapeutin. Verzweifelt versucht er, die Kontrolle über sein Leben zu behalten, während sie ihm doch immer mehr entgleitet. Denn obwohl er sich der Wahnhaftigkeit seiner Visionen bewusst ist, kann Curtis sich ihrer Gewalt nicht entziehen und muss zwanghaft so handeln, als seien sie real. Nichols setzt zu ihrer Visualisierung aufwändige Spezialeffekte ein, die direkt einem Film von Roland Emmerich entsprungen sein könnten. Hier allerdings erhält die CGI eine neue, intensive Qualität, eben weil sie innere Vorgänge sichtbar macht und nicht einem auf das reine Spektakel fixierten Blockbuster dient.

"Take Shelter" fesselt als bestürzende Studie einer seelischen Störung und der Flüchtigkeit des Glücks. Doch auch eine metaphorische Ebene drängt sich geradezu auf. Jeff Nichols erzählt mit seinem Film von einem Land, das durch die Anschläge vom 11. September 2001, durch Immobilien- und Wirtschaftskrise sowie politische Spaltung und Lähmung zunehmend mit der Diskrepanz aus der Selbstwahrnehmung als "God’s own Country" und der bitteren Realität des beständigen Niedergangs zu kämpfen hat. In diesem Sinn gelingt Nichols auch das erschütternde Bild des Zustands der USA.

Oliver Kaever

Eine Kleinstadt in Ohio. Curtis LaForche, der in einer Sandgewinnungs-Firma als Teamleiter arbeitet, und seine Frau und Samantha sind ein glückliches Paar – noch. Ihre kleine Tochter Hannah allerdings ist taub. Dennoch kämpfen sich die drei durch, auch wenn Samantha auf dem Flohmarkt noch ein wenig Geld dazuverdienen muss.

Curtis’ Mutter musste mit etwa 35 Jahren wegen Schizophrenie in eine Heilanstalt eingewiesen werden.

Seit einiger Zeit hat Curtis Albträume. Darin sieht er die kleine Hannah gefährdet, meint dann wieder, sein eigener Hund hätte ihn angefallen, sieht einen gewaltigen Sturm heraufziehen. Mehr als einmal.

Hat er die Krankheit seiner Mutter geerbt? Oder sind seine Visionen und Wahnvorstellungen nichts anderes als die Fähigkeit, Kommendes vorauszusehen? Er behält alles für sich, fühlt sich aber krank. Für Samantha, die die Verhaltensänderungen miterlebt, ist das nicht einfach.

Die Furcht vor einem großen Sturm wird so intensiv, dass er mit einem Kredit einen Schutzbunker baut und bei einem Essen mit Freunden – seinen besten Kumpel hat er bereits verlassen – ausfällig wird.

Wieder einmal tritt bei ihm der Wahn auf. Daraufhin zwingt er die Familie in den Bunker. Und siehe da: Tatsächlich bricht ein schwerer Sturm los. Curtis ist am Ende. Die Liebe seiner Samantha rettet ihn.

Wie die Wahnvorstellungen oder aber schlimme Vorausahnungen Curtis schleichend befallen; wie er dagegen ankämpft; wie seine Familie darunter leidet; wie er bei den Kollegen und Freunden außer sich gerät . . .

. . . und wie Michael Shannon diesen Zwischenbereich inmitten von Krankheit und Gesundheit spielerisch durchgehend nuanciert bewältigt, das ist schon psychologisch interessant und obendrein eine darstellerische Leistung. Ob es Krankheit ist oder visionäres Vermögen, wird nicht klar.

Jessica Chastain bestätigt mit leisem aber glaubhaftem Auftreten, dass mit Durchhalten und Liebe die größten Probleme gemeistert werden können.

In Cannes gab es den Grand Prix Critics Week sowie den FIPRESCI, außerdem fünf Nominierungen für die Film Independent Spirit Awards.

Thomas Engel