Tango Pasion

Nicht erst seit Berlin zur zunehmend internationalen Stadt wird, erfreut sich der Tango in der Hauptstadt großer Beliebtheit. Manche Tänzer folgen dabei eher den Traditionen, andere versuchen etwas Neues, Eigenes zu schaffen. Der Konflikt zwischen diesen unterschiedlichen Ansätzen ist einer der interessantesten Aspekte von Kordula Hildebrandts „Tango Pasion“, einer Hommage an den Tango in Berlin.

Webseite: www.tango-film.de

Deutschland 2015 – Dokumentation
Regie, Buch: Kordula Hildebrandt
Länge: 87 Minuten
Verleih: Kinostar
Kinostart: 17. September 2015
 

FILMKRITIK:

In den wilden 20er Jahren erlebte der Tango in Berlin seine erste Blüte, danach war es lange Zeit Still um die Musik, den Tanz, ja, das Lebensgefühl aus Argentinien. Bis dann Anfang der 80er Jahre neue Tanzbegeisterte ihre Liebe zum Tango entdeckten. Und wie das in Deutschland dann so passiert: Wenn man etwas macht, will man es gleich richtig, also zumindest semi-professionell machen. Die ersten Tangotänzer zog es nach Argentinien, wo sie bei den Experten lernten. Tanzschulen begannen Tangokurse anzubieten, immer mehr Lokale veranstalteten Tangoabende – und heute kann man in Berlin praktisch jeden Abend irgendwo Tango tanzen.
 
Was nun die Faszination des Tangos ausmacht, versucht die in Berlin lebende Regisseurin Kordula Hildebrandt in ihrer Dokumentation „Tango Pasion“ auszuloten, für die sie etliche jüngere und ältere Vertreter der Tangoszene vor die Kamera geholt hat. Zum einen zum Tanzen: In zahlreichen Tanzszenen zeigen Paare ihr Können, teils an ungewöhnlichen Orten, in S-Bahnstationen oder mondänen Räumen inszeniert. So schön diese Szenen für sich genommen auch sind führen sie jedoch auch dazu, dass der eigentliche Gegenstand der ohnehin nur 87 Minuten langen Dokumentation bisweilen etwas knapp abgehandelt wird.
 
Einen strukturierten Film über den Tango, seine Geschichte und Gegenwart sollte man ohnehin nicht erwarten, statt dessen eine lose Sammlung von Gesprächen mit Menschen, die dem Tango auf die ein oder andere Weise verbunden sind. Hersteller von Gitarren oder Akkordeons kommen zu Wort, Musiker und Tanzlehrer, die mit oft wässrigen Augen von ihren ersten Erfahrungen mit dem Tango berichten, von Besuchen in Argentinien und vor allem Buenos Aires, der Heimat des Tangos, auch wenn die Finnen das bestreiten, wie man letztes Jahr in der Dokumentation „Mittsommernachtstango“ erleben konnte.
 
Was die losen Gespräche zusammenhält, ist die Frage nach einem wie auch immer gearteten Berliner Tango, also einer typischen Form, die sich in Berlin entwickelt hat. Ein Exil-Argentinier behauptet da gar, dass in zwei, drei Jahrzehnten Berlin Buenos Aires den Rang ablaufen könnte, andere Beobachter stellen grundsätzlich den Wunsch nach neuen Formen des Tangos in Frage. Besonders in diesen Momenten wird „Tango Pasion“ zu mehr als einer hübsch bebilderten Wohlfühldokumentation, denn hier bohrt die Regisseurin ganz subtil in zwei spannenden Aspekten: Zum einen der Frage nach dem „richtigen“ Tango, den manche Traditionalisten nur in der klassischen, seit Jahrzehnten festgelegten Form sehen wollen, andere dagegen in neuen Schrittfolgen, einer wie auch immer aussehenden Veränderung.Zum anderen in der besonderen Eigenart der Deutschen, die eben oft nicht nur – wie es der in Berlin lebende chilenische Autor und Musiker Jorge Aravena Llanca so treffend formuliert – aus bloßer Freude Tango tanzen, sondern gleich besonders gut tanzen wollen – und das stehe dem Vergnügen oft im Wege.

Ob die deutsche Psyche einem wirklichen Verstehen des Tangos entgegensteht, ob vielleicht gerade das Versprechen einer so sprichwörtlich südländischen Betätigung, die gern mit Klischees wie „feurig“ und „emotional“ beschrieben wird, den Tango für die ebenso sprichwörtlich oft als unterkühlt geltenden Deutschen so interessant macht? Diese durchaus kritischen Fragen stehen immer im Raum und machen „Tango Pasion“ in vielen Momenten zu mehr als einer verklärenden Hommage an einen Trend.
 
Michael Meyns