The Angel’s Share

In dem warmherzigen Sozialmärchen „The Angel’s Share” landen arbeitslose Jugendliche aus dem schottischen Glasgow durch einen verwegenen Coup in der Welt des Whiskys auf der besseren Seite des Lebens. Meisterregisseur Ken Loach, der unermüdliche Chronist des Widerstands, zeigt sich damit erneut von seiner beschwingten Seite: humorvoll, witzig, unsentimental und mit frecher Lebendigkeit. Der erfrischende Optimismus dieses hinreißenden Feel-Good-Movies wirkt ansteckend und ermutigend. Vor allem Laiendarsteller und Hauptfigur Paul Brannigan überzeugt durch sein enormes dramaturgisches Potential.

Webseite: www.prokino.de

Großbritannien, Frankreich, Belgien, Italien 2012
Regie: Ken Loach
Drehbuch: Paul Laverty
Darsteller: Paul Brannigan, Siobhan Reilly, John Henshaw, Gary Maitland, William Ruane, Jasmine Riggins, Charles Maclean, Roger Allam, Scott Kyle.
Länge: 101 Minuten
Verleih: Prokino
Kinostart: 18.10.2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Robbie (Paul Brannigan) steht nicht zum ersten Mal vor dem Haftrichter. Der arbeitslose Jugendliche aus Glasgow muss eine längere Gefängnisstrafe befürchten. Da seine Freundin Leonie (Siobhan Reilly) jedoch hochschwanger ist und die Vaterschaft seinem Leben eine entscheidende Wendung geben könnte, drückt der Richter ein letztes Mal ein Auge zu. Er verurteilt ihn zu 300 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Dabei gerät das ehemalige Gangmitglied an den engagierten Sozialarbeiter Harry (John Henshaw) und eine Clique aufgeweckter Underdogs.

Damit beginnt das Blatt sich für ihn langsam zu wenden. Ein Ausflug mit dem Bewährungshelfer in die Welt der Whisky-Branche öffnet ungeahnte Möglichkeiten. Während der gutmütige Betreuer nach und nach Robbies Talent als potentieller Whisky-„Sommelier“ erkennt und fördert, plant der angehende Familienvater mit seinen wilden Resozialisierungs-Kandidaten Albert (Gary Maitland), Mo (Jasmin Riggins) und Rhino (William Ruane) bereits einen letzten, verwegenen Coup.

Denn während einer Whisky-Verkostung in Edinburgh erfährt er, dass für einen exquisiten, sagenhaften Sammlerwhisky aus der bereits geschlossenen Destille am Dornoch Firth wahre Unsummen gezahlt werden. Das letzte Fass davon steht demnächst zur Versteigerung an. Der Ort der Auktion ist freilich streng geheim. Eine unwiderstehliche Versuchung für den cleveren Robbie. Als interessierter Whisky-Club getarnt, trampt das Quartett im braven Schottenrock in die Highlands.

„The Angels‘ Share“, der Anteil der Engel, ein Begriff aus dem Vokabular der Whisky-Branche. Er bezieht sich auf die zwei Prozent des schottischen Nationalgetränks, die sich im Laufe der jahrzehntelangen Lagerung sprichwörtlich in Luft auflösen. Ken Loach wählt ihn augenzwinkernd als Titel für sein warmherziges Sozialmärchen und trotzdem spannendes Heist-Movie um einen Whisky-Raubzug. Mit kämpferischen Geist und unerschütterlichen Humor befasst sich der Meister des britischen Sozialrealismus mit dem Los der kleinen Leute.

Immer wieder prangert der 76jährige Engländer in packenden, Partei ergreifenden Erzählungen Entrechtung, Ausgrenzung und Ausbeutung an. Sein undogmatischer Humanismus ist einmalig. Mit geradezu dokumentarischer Genauigkeit folgt Loach seinen mit sich und dem Leben ringenden Leinwandhelden, ihrem Kampf, der immer auch ein Kampf um Würde ist. Damit gibt er denjenigen ihre Geschichte zurück, die sonst kaum eine haben. Dabei gelingt es ihm stets, den für das britische Kino typischen Galgenhumor beizubehalten, den Witz und die Schlagfertigkeit der Underdogs

Seit vier Jahrzehnten steht der britische Regisseur konsequent für seine Überzeugungen ein. Trotzdem wird der scheue, graue, immer ein wenig zerknittert wirkende Buchhaltertyp mit der dicken Brille seit Anfang der neunziger Jahre mit Auszeichnungen überhäuft. Seine durchaus konventionelle Erzählweise prägt seinen eigenen naturalistischen Stil. Denn die filmischen Gestaltungsmittel stehen bei Loach immer ausschließlich im Dienst seiner Geschichte. Typisch für seine Filme sind daher Aufnahmen an Originalschauplätzen. Und so genießt der Zuschauer auch diesmal authentische Atmosphäre, nicht zuletzt durch die pittoresken Whisky-Destillen aus den schottischen Highlands.

Eine weitere Besonderheit: Das chronologische Drehen. Es entlastet die Darsteller. Ihnen wird so nicht abverlangt, dauernd in der Handlung hin- und herspringen. Stattdessen durchleben sie die Geschichte von Tag zu Tag, wie ihre Figuren. Ganz wie im richtigen Leben erfahren die Akteure jedoch nicht, wie es weitergeht. Loach gibt ihnen nie das komplette Drehbuch zu lesen, sondern immer nur die nächsten Szenen. Denn sie sollen sich der Handlung ganz ausliefern. Seine nuancenreiche Tragikomödie voller Witz, Humor und leisen sozialkritischen Tönen, die mit bewundernswertem Respekt und großer Sympathie ihre Figuren dennoch nie mißbraucht, schöpft ihr komisches Potential auch aus aufmerksamer Beobachtung von Widersprüchen.

Amüsant und spannend handelt sie von der Kraft schlitzohriger Leichtigkeit ebenso wie von der großherzigen zweiten Chance für einen Neuanfang. Das Setting knüpft nahtlos an Loachs klassische working-class-Filme „Riff-Raff“, „Raining Stones“ oder auch das Alkoholikerdrama „My Name Is Joe“ an. Erneut setzt der Altmeister, wie bereits bei „Kes“ und „Sweet Sixteen“, mutig Laiendarsteller als Hauptfiguren ein. Und landet dadurch mit Paul Brannigan, einem ehemaligen Gangmitglied, einen absoluten Glücksgriff. Als Robbie entfaltet der 25jährige Schotte aus Glasgow enormes dramaturgisches Potential. Seine verblüffende Aura gelebter Erfahrung verleiht ihm natürliches Charisma. Kein Wunder, dass er für seinen nächsten Film „Under the Skin“ bereits neben Scarlett Johansson vor der Kamera steht. „Ken Loach hat mein Leben verändert, weil er mir eine Chance gegeben hat“, erklärte Paul Brannigan beim Filmfest in Cannes somit nicht zu unrecht. Vielleicht ist der sensible Chronist Ken Loach selbst doch der beste Sozialarbeiter von allen.

Luitgard Koch

Er ist er ewige „angry young man“ des britischen Films. Doch der unermüdliche Gesellschaftskritiker Ken Laoch („My Name is Joe“) kann nicht nur grimmig. Mit seiner heiteren Komödie über einen geläuterten Schläger und drei Kleinkriminelle, die ihre Liebe zur Kunst des Whisky-Machens entdecken und nach einem raffiniertem Plan den sündhaft teuren Inhalt eines seltenen Fässchens stibitzen, verzauberte der Altmeister das Cannes-Publikum auf unwiderstehlich charmante Weise. Sympathische Verlierer in einer smarten Story auf leichfüßige Weise serviert – was will man als Zuschauer mehr? Allenfalls ein Gläschen guten Whisky danach…

„Hier spricht Gott!“ hallt es zornig über den nächtlichen Bahnsteig. Für den sichtlich torkelnden Albert die Rettung in letzter Minute. Kaum hat er es aus dem Gleisbett geschafft, rattert schon der Zug vorbei. Der genervte Stationsaufseher kennt freilich keinen Spaß, Trunkenbold Albert landet vor Gericht und wird zu gemeinnütziger Arbeit verdonnert. Den Kleinganoven Mo und Rhino blüht dasselbe Schicksal. Und auch Robbie, ein brutaler Schläger, bekommt statt Knast eine allerletzte Bewährungschance, die er seiner hochschwangeren Freundin verdankt. Das Quartett meldet sich eher widerwillig zum Arbeitseinsatz bei Harry, einem resoluten Aufseher, der sich als gutmütiger Chef entpuppen wird. Als das Kind von Robbie geboren wird, bringt Harry ihn persönlich in die Klinik, schützt ihn vor der feindseligen Verwandtschaft der Mutter und bewahrt ihn vor einer großen Dummheit. Später begeistert er seine vier Schützlinge für seine große Leidenschaft, die Kunst des Whisky-Machens. Vor allem Robbie erweist sich echtes Naturtalent mit grandiosen Geschmacksnerven. Dieses feine Näschen fällt auch dem professionellen Whisky-Sammler Thaddeus sofort auf, der Robbie und seine Kumpels bei einem Verkostungsseminar im fernen Edinburg erlebt.

Thaddeus weilt wegen der anstehenden Versteigerung einer sündhaft teuren Whisky-Rarität in Schottland. Als die finanzklammen Kleinganoven vom astronomischen Wert der hochprozentigen Seltenheit erfahren, können sie der Versuchung nicht widerstehen. Mit Schottenröckchen ausgestattet und wild entschlossen reisen sie zu der einsam gelegenen Destillerie in die Highlands. Ihr raffiniert ausbaldowerter Raubzug à la Riffifi gelingt. Die fette Beute muss freilich erst noch über einige Hürden gebracht werden. Drohende Verluste durch Transportschäden können glücklicherweise durch die spontane Entdeckung kapitalistischer Marktgesetze wieder wettgemacht werden.

Neben den Menschen aus kleinen Verhältnissen, seinem traditionellen Lieblingsobjekt, interessiert Loach sich diesmal auch für das „Wasser des Lebens“, wie der Whisky in der schottisch-gälischen Sprache einst bei seiner Erfindung anno 1736 getauft wurde. Poetisch korrekt gibt sich deshalb der hübsche Filmtitel: „Angel’s Share“ bezeichnet das Verdunsten des Alkohols aus den Fässern: Der zwangsläufige Verlust von gut 2 Prozent des hochprozentigen Inhalts wird als „Anteil der Engel“ deklariert. Für sein kleines „Whisky für Anfänger“-Seminar führt Loach seine Helden sowie sein Publikum in eine Destillerie, um dort die Herstellung zu demonstrieren oder er lässt einen schnauzbärtigen Whisky-Meister von den wahren Geschmacksgeheimnissen der goldgelben Spirituose schwärmen.

Bei allem Prosit auf solch sinnlichen Alkohol-Genuss der gehobenen Art vergessen Loach und sein langjähriger Drehbuchautor Paul Laverty ihre Kino-Wurzeln des Sozialdramas nicht. Wie üblich stammen ihre Helden aus der Arbeiterklasse. Sie sind seit Generationen in verbitterte Familienstreitereien verstrickt, deren Ursache keiner der Beteiligten mehr kennt. Oder sie geraten, perspektivlos und ohne Bildung, immer wieder auf die schiefe Bahn. Wie der aggressive Held hier eine üble Schlägerei anzettelt und Wochen später bei einer Täter-Opfer-Begegnung als ganz erbärmliches Würstchen erscheint, gehört zu den wohl eindrucksvollsten Bildern, die über asoziales Verhalten und stumpfsinnige Gewalt je auf der Leinwand zu erleben waren.

Nach dem ersten Drittel Drama und Sozialkritik stellt Loach die Weichen gekonnt auf Komödie. Mit reichlich Sinn für Situationskomik ausgestattet, lässt er seine sympathischen Verlierer den kühnen Whisky-Coup planen und unerschrocken einfädeln. Als trotteliger Sidekick sorgt Albert regelmäßig für die nötigen Spaßeinlagen. Er kennt weder Mona Lisa noch Einstein und entpuppt sich beim Transport der wertvollen Beute als echte Flasche. Doch selbst ein vermeintlicher Versager wie er verfügt hier über ganz spezielle Talente.

Wie bei jedem Loach sind die glaubwürdigen Schauspieler die halbe Miete. Hauptdarsteller Paul Brannigan wurde diesmal direkt von der Straße rekrutiert – mehr Wahrhaftigkeit geht kaum. Aber auch in Sachen Charisma und Können könnte dieser Held getrost in der Champions League von Hollywood spielen.

So hübsch und harmlos diese unterhaltsame Komödie daherkommt, besitzt sie doch hochprozentige Gesellschaftskritik. Johnny Walker geht – Ken Loach kommt!

Dieter Oßwald
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