Siddhartha (WA)

Wenn ein Film aus dem Jahr 1972 wieder ins Kino kommt, dann lautet die wichtigste Frage: Was macht dieses Werk so außergewöhnlich, dass es auch nach 40 Jahren ein anspruchsvolles Publikum faszinieren kann?
Hier ist die mögliche Erklärung: In Siddhartas Geschichte spiegelt sich eine zeitlose Grundhaltung. Es geht um menschliche Sehnsüchte und ihre Erfüllung. Das ist an sich schon ziemlich wunderbar. Doch dieser Film leistet mehr, als die Lektüre des Romans von Hermann Hesse zu bebildern. Er öffnet den Blick zum kontemplativen Umgang mit dem Alltag und für traumschöne Bilder aus einer zeitlos exotischen Welt – als märchenhafte, meditative Reise ins Kino-Nirwana. Nicht nur für Spät-Hippies, sondern für alle, die Hermann Hesse, seine Bücher und die magisch mystische Verbindung zwischen Orient und Okzident zu schätzen wissen.

Webseite: www.siddhartha-derfilm.de

USA 1972
Drehbuch und Regie: Conrad Rooks
nach dem gleichnamigen Roman von Hermann Hesse
Kamera: Sven Nykvist
Musik: Hemant Kumar
Darsteller: Shashin Kapoor, Simi Garewal, Romesh Sharma, Pincho Kapoor, Zul Vellani, Amrik Singh, Shanti Hiranand, Kunal Kapoor
89 Minuten
Verleih: Movienet Film
Kinostart: 9. August 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Siddharta“, einer der bekanntesten Romane von Hermann Hesse, spielt in Indien und erzählt die Geschichte eines Mannes, der ein Leben lang ein Suchender bleibt, bis er im Alter zu Weisheit und innerer Harmonie gelangt. In Siddharta kann sich jeder wieder finden: Aus dem jungen Rebellen, der seine Eltern verlässt, wird ein Asket, der sich bald enttäuscht von der Religion abwendet und dem Materialismus ergibt. Er entdeckt mit der Kurtisane Kamala die Freuden der Liebe und wird ein reicher, angesehener Kaufmann. Doch er bleibt unglücklich. Am Ende gibt Siddharta alles auf und wird zum armen Fährmann. Das karge Leben am Fluss im Einklang mit der Natur beschert ihm schließlich den Frieden, den er immer gesucht hat.

Das Buch erschien vor 90 Jahren, und Hermann Hesse starb vor 50 Jahren, am 9. August 1962 – das doppelte Jubiläum ist also eine gute Gelegenheit, den Film wiederaufzuführen, der in Deutschland erst 1997, ganze 25 Jahre nach der Premiere, gezeigt wurde. Die Verfilmung hält sich inhaltlich eng an die Vorlage, optisch und stilistisch zeigt sich Conrad Rooks als durchaus kreativer Gestalter einer einprägsamen Bildsprache. Die verdankt er einem genialen Kameramann: Sven Nykvist gewann immerhin zweimal den Oscar und hat nicht nur mit Ingmar Bergman gearbeitet, sondern auch mit vielen Größen des Indipendent Films, von Woody Allen bis Lasse Hallström. So wie Hermann Hesse die westlich geprägte Philosophie mit indischer Heilslehre und Elementen verschiedener Religionen verknüpft, findet Conrad Rooks gemeinsam mit Sven Nykvist eine ruhige, strenge Bildsprache zwischen europäischen und orientalisch geprägten Sehgewohnheiten. Das wirkt manchmal etwas starr und beinahe manieriert, vor allem in den Dialogen. Doch die wunderbar fotografierten Originalaufnahmen aus Indien, die ein Land zeigen, in dem Vergangenheit und Gegenwart zu zeitloser Gelassenheit zusammenfließen, entschädigen ebenso dafür wie die sensibel komponierten Einstellungen mit den indischen Darstellern, allen voran Shashi Kapoor (Siddharta) und Simi Garewal (Kamala). Sie tragen durch ihr poetisches Spiel und mit ihrer exotischen Schönheit wesentlich zur romantischen Stimmung bei. Bis hinein in die seinerzeit für indische Verhältnisse sehr mutigen Nacktaufnahmen sind die Bilder ruhig, geschmackvoll und anmutig, und schnell überträgt sich die meditative Stimmung auf das Publikum.

Am Ende wird alles gut – so lautet eine der ebenso schlichten wie wahren Aussagen des Films. Hör auf zu suchen, denn das, was du suchst, bist du schon … Akzeptiere dich selbst, dann wirst du inneren Frieden finden … Was sich heute wie Karriereberatung oder Verhaltenstherapie anhört, ist nichts anderes als die Grundlage einer optimistisch geprägten Existenzphilosophie, die auf positivem Denken beruht. Jeder hört es gerne, dass man sich über Niederlagen, Katastrophen und Verluste weiterentwickelt und dass es immer eine neue Chance gibt, solange man lebt und das genießt, was man hat, statt sich Sorgen zu machen. Nicht nur ganz junge Menschen begeistern sich für diese Gedanken, und das schon seit vielen Jahren. Zu den ersten Fans, die über Hermann Hesse die Weisheit und Gelassenheit durch innere Einkehr suchten, gehörten die Beatles, die mit ihrem Engagement in und für Indien den Weg für Meditation und asiatische Lebensphilosophien in die westliche Welt ebneten. Je unruhiger, ungerechter und komplizierter die Welt erscheint, desto wichtiger wird die Sehnsucht nach Stille, Harmonie und nach einfachen Lösungen für schwierige Probleme. So scheint es. Und stimmt es nicht? Wird nicht tatsächlich alles ganz einfach, wenn man sich aufs Wesentliche besinnt? – Hermann Hesse hat das früh erkannt.

So mystisch, poetisch und klar wie sein Roman ist dieser Film über die Möglichkeit des kleinen Glücks in einer großen Welt.

Gaby Sikorski