The Circle

„Es ist immer gut etwas zu wissen, aber noch besser ist es alles zu wissen!“ Mit diesem Motto führt Eamon Bailey (Tom Hanks) THE CIRCLE, ein allmächtiges Internet-Unternehmen, dessen Gesicht und Visionär er ist. Es spricht insbesondere junge Leute an und weiß sie an eine Community zu binden, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. Dave Eggers Aufsehen erregender Bestsellerroman und Abrechnung mit dem Internet-Zeitalter hat James Ponsoldt für die Kinoleinwand adaptiert und wirft dabei ganz erstaunliche philosophische Fragen auf.

Webseite: www.wearethecircle.de

USA 2016
Regie: James Ponsoldt
Buch: James Ponsoldt nach dem Roman von Dave Eggers
Darsteller: Emma Watson, Tom Hanks, Ellar Coltrane, Glenne Headly, Bill Paxton, Karen Gillan, Nate Corddry
Länge: 110 Minuten
Verleih: Universum
Kinostart: 14. September

FILMKRITIK:

Die 24-jährige Mae Holland (Emma Watson) ist überglücklich, als sie beim „Circle“ für einen Job vorsprechen darf. Den hat ihr Annie besorgt, die hier eine schwindelerregende Karriere hingelegt hat und nun auch ihre Freundin von ihrem bisher sinnlosen Dasein erlösen will. Und tatsächlich macht Mae eine gute Figur, ihr jugendlicher Enthusiasmus, ihre Kenntnis über die Firma und dass sie deren Lebensphilosophie teilt, kommt gut an und so hat sie schon bald einen eigenen Arbeitsplatz mit einem Monitor auf dem immer oben rechts eine Zahl aufleuchtet, die zukünftig ihr Leben bestimmen wird. Über 80% zeigt dieser Participation Rank an, nicht schlecht für einen Newcomer, doch Mae merkt bald, dass sich diese Zahl nicht nur aus beruflichen Erfolgen, sondern auch aus ihren Aktivitäten im sozialen Umfeld speist. Damit sieht es noch nicht so gut aus, denn obwohl der CIRCLE versucht, mit verschwenderischen Partys, innovativen Kulturangeboten und allerlei Vergünstigungen ein Arbeitsumfeld zu schaffen, dass die Angestellten gar nicht erst verlassen wollen, zieht es Mae am Wochenende nach Hause zu ihrem schwer erkrankten Vater.
 
Ihre Arbeitswoche endet in der Regel mit einer Lecture von Firmenchef Eamon Bailey, höchst eloquente Vorträge, wie wir sie von Steve Jobs kennen, jung, dynamisch innovativ und absolut enthusiastisch. „Würden sie ein Verbrechen begehen, wenn man Ihnen dabei zuschauen kann?“ fragt er seine jugendliche Gemeinde und wirbt für die absolute Transparenz. Mit kleinen Minikameras soll das komplette Leben der Bürger aufgezeichnet und live online gestellt werden. Mae meldet sich als Freiwillige zu diesem Versuch und wird damit über Nacht zum Superstar der Firma, erlebt aber auch die Schattenseite dieser neuen Transparenz.
 
Im Grunde thematisiert James Ponsoldt hier den Konflikt zwischen öffentlicher Transparenz und Privatsphäre, doch wählt er dazu einen interessanten Ansatz. THE CIRCLE ist eine Metapher für all die uns bekannten Internet-Riesen à la Google, Amazon und Facebook, und ihre Mitglieder sind bereit, für die Vorzüge des Unternehmens persönliche Daten öffentlich zu machen und ihre Identität der gemeinsamen Sache zu opfern. Während in früheren Dystopien es meist ein totalitäres System war, was seinem Volk die totale Überwachung auferlegte, sind es nun die User selbst, die dies freiwillig tun und dabei einen so eminenten sozialen Druck entwickeln, dass alle mitmachen müssen. Verweigerer werden so automatisch zu Feinden des Systems und auch Mae merkt bald, dass hier etwas nicht stimmt.
 
Ponsold kritisiert hier nicht die machtsüchtigen Firmenstrategen, sondern zeigt vielmehr, dass – wie immer in der Wissenschaft – neue Erfindungen ebenso gebraucht wie missbraucht werden können. Am Ende steht die philosophische Frage: Ist die technische Errungenschaft selbst zu kritisieren oder nur deren missbräuchliche Verwendung.
 
Kalle Somnitz
 

Gierige, unheimliche Datenkraken sind Internetfirmen wie Google oder Facebook, aber ist es nicht auch sehr praktisch, wie sie Daten vernetzen und nützliche Informationen präsentieren? Zwischen diesen argumentativen Polen bewegt sich James Ponsoldts „The Circle“, der Dave Eggers gleichnamigen Bestseller penibel verfilmt, dabei aber übersieht, das manche Bilder auf der Intimität des Papiers besser funktionieren, als wenn man sie für die Leinwand explizit bebildert.
 
The Circle, der Kreis heißt das Internet-Unternehmen, das hier im Mittelpunkt steht. Ein treffendes Bild für die Vernetzung, die in der realen Welt durch Firmenzusammenschlüsse immer weiter voran schreitet und es im besten – oder im schlechtesten – Fall, gar nicht mehr nötig macht, sich aus dem Kreis der Gleichgesinnten zu entfernen. Wenn das Unternehmen sich dann auch noch Gutmenschentum auf die Fahne geschrieben hat, soziale Projekte unterstützt und seinen Mitarbeitern wunderbare Arbeitsbedingungen schafft, dann ist doch alles in Ordnung. Oder?
 
In diese heile Welt taucht Mae (Emma Watson) als Surrogat des Zuschauers ein, als sie zu Beginn von „The Circle“ in das kalifornische Silicon Valley zieht und einen neuen Job beginnt. Sie soll die Zufriedenheit der Kunden überprüfen, sitzt dazu vor anfangs zwei Monitoren, aus denen bald drei, vier, fünf werden und schreibt Mails. Ihre Motivation ist ein persönliches Punktesystem, das ihre Leistung bewertet, aber auch ihre soziale Interaktion in der Firma: Je häufiger sie sich an Veranstaltungen beteiligt, Fotos postet, die anderen Mitglieder an ihrem Leben teilhaben lässt, um so höher ist ihre Punktzahl.
 
Dieses Hamsterrad hält der allmächtige Firmengründer Bailey (Tom Hanks) mit immer neuen Errungenschaften am Laufen, die auf dem ersten Blick nur Vorteile bieten: Als Mae etwa einmal beim Kanufahren fast ertrinkt und nur durch Überwachungskameras gerettet wird, kommt Bailey auf die Idee, Mae selbst eine Kamera ans Revers zu heften, so das jeder stets weiß wo sie ist. Diese vollständige Offenheit, ja, Offenbarung ihres Lebens hat auch noch andere Folgen, denn wer würde angesichts des Wissens, dauerhaft überwacht zu werden, schlechtes oder gar kriminelles tun?
 
Eine gute Idee eigentlich, aber natürlich nicht wirklich. Nach diesem Muster steigert James Ponsoldt in seinem wenig subtilen Drama „The Circle“ die Frage nach der zunehmenden Macht der Internetriesen immer weiter. Penibel führt er erst die Vorteile der immer weitergehenden Vernetzung auf, um anschließend die Nachteile, Probleme, fragwürdigen Folgen aufzuzeigen. Höchst dogmatisch und schematisch ist das, vor allem als dramatischer Film wenig überzeugend. Was vor allem daran liegt, dass die Hauptfigur Mae lange Zeit allzu naiv durch die Welt ihres Unternehmens läuft, sich manipulieren und für die Ziele von Bailey einspannen lässt, die noch nicht mal sinister zu nennen sind, bis sie dann doch endlich das annimmt, was man als Vernunft verstehen soll.
 
Vielleicht liegt genau hier das Problem von „The Circle“ als Film, noch viel mehr aber im Umgang mit den mächtigen Bossen des Silicon Valley: Man kann nicht ernsthaft behaupten, dass der inzwischen verstorbene Apple-Chef Steve Jobs, der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg oder Larry Page, der den Konzern Alphabet Inc. leitet, zu dem Google gehört, kriminelle Absichten hatten oder haben, aber die zunehmende Vernetzung und Offenlegung von Privatem in Frage zu stellen, kann man jedoch sehr wohl. Diese offenen Türen rennt James Polandt mit „The Circle“ ein, mehr allerdings nicht.
 
Michael Meyns