The Deep

Eine Heldengeschichte mit einem äußerst widerspenstigen Helden erzählt der isländische Regisseur Baltasar Kormákur in seinem neuen Film „The Deep“. Erstaunlicherweise ist die Geschichte vom Fischer Gulli, der sechs Stunden im eiskalten Meer des Nordatlantik überlebte, tatsächlich wahr, doch Kormákurs Film ist mehr als eine schlichte Rekonstruktion eines Schiffsunglück.

Webseite: www.mfa-film.de

Island 2012
Regie: Baltasar Kormákur
Buch: Jon Atli Jonasson, Baltasar Kormákur
Darsteller: Ólafur Darri Ólafsson, Jóhann G. Jóhannsson, Theodór Júlíusson, Björn Thors, Walter Grímsson
Länge: 95 Minuten
Verleih: MFA
Kinostart: 27. Juni 2013

PRESSESTIMMEN:

"Ein ungewöhnlich berührender Film, inspiriert von einem wahren Fall."
STERN

FILMKRITIK:

1984. Auf den vor der isländischen Südküste gelegenen Westmännerinseln bereitet sich eine Schiffsbesatzung auf die Ausfahrt vor. Am Abend zuvor hatten sie noch gefeiert und getrunken, nun verabschieden sie sich von Frau, Kindern und Eltern und fahren hinaus aufs Meer. Zunächst läuft alles normal, die ersten Netze voller Fisch werden problemlos gefangen, doch dann verfängt sich das Schleppnetz in einem Felsen – und das Boot kentert binnen Minuten. Drei der Besatzungsmitglieder sind sofort tot, drei können sich auf dem im Wasser treibenden Bug retten. Bald sind zwei weitere Seemänner ertrunken und nur noch der recht pummelige Gulli (Ólafur Darri Ólafsson) ist am Leben.

Kaum 25 Minuten sind zu diesem Zeitpunkt vergangen, in groben Strichen hat Baltasar Kormákur das Leben auf der vom Fischfang geprägten kleinen Insel gezeichnet, Charaktere entworfen, die nun schon fast alle tot sind. Stammt man aus Island, wird man wissen was kommt, die wundersame Rettung Gullis (im wirklichen Leben Guðlaugur Friðþórsson) ist dort eine Legende. Schaut man „The Deep“ ohne Vorwissen, fragt man sich in diesem Moment, was denn nun noch kommen soll bzw. kann. Eine ganze Menge, denn nachdem er im ersten Drittel eine eher konventionelle, stringente Geschichte erzählt hat, dreht Baltasar Kormákur im Rest seines Films erst richtig auf.

Mit Ólafur Darri Ólafsson hat er den idealen Hauptdarsteller gecastet, der mit seiner etwas behäbigen Art so gar nichts heldenhaftes an sich hat, der sich fast schlafwandlerisch bewegt und bei allem was folgt ein Getriebener ist. Im kalten Wasser des Nordatlantik paddelt er vor sich hin, den fernen Lichtern entgegen, die seine Rettung bedeuten würden. Was ihn am Leben hält ist weniger der Gedanke ans eigene Überleben, als der Wunsch, den Familien seiner toten Kameraden Trost zu spenden. Es ist dieser selbstlose Heroismus, den Kormákur betont, der aus dem wundersamen Überleben Gullis eine so anrührende Geschichte macht.

Wenn Gulli da endlich Land erreicht hat, gegen die tosende Brandung kämpft, schließlich auch noch Barfuss ein Lavafeld durchquert und plötzlich zwei Ponys vor sich stehen sieht, deutet „The Deep“ mystische Dimensionen an. Und doch ist die Geschichte wahr, wurde Gulli nach seiner Rettung von Forschern in Reykjavik und London eingehend untersucht – ohne Ergebnis. Angeblich ähnelt sein Körperfett dem einer Robbe, was ihn unempfindlich gegen Kälte macht, doch eine wirklich überzeugende wissenschaftliche Erklärung wurde nicht gefunden.

In seiner zwischen magischem Realismus und dokumentarischer Rekonstruktion changierenden Erzählweise gelingt es Baltasar Kormákur eine Heldengeschichte zu erzählen, bei der der designierte Held eher Zuschauer als Akteur ist. Dass sich ein Einzelner nicht über die Masse stellt, auch wenn er ohne Frage etwas besonders durchlebt hat, erzählt dann auch viel über das Selbstverständnis Islands. Lange Jahre hielt die kleine, abgelegene Insel an einem Gesellschaftsvertrag fest, der die Allgemeinheit in den Mittelpunkt stellte und nicht das Individuum. Die Folgen der Finanzkrise, die Island so schwer trafen wie wenige andere Länder Europas, bedeuteten einen radikalen Wandel. Und so deutet Karmáker in seinem bemerkenswerten Film auch an, dass das Island von 1984 nicht nur knapp 30 Jahre zurückliegt, sondern in seiner besonderen Weltsicht nur noch in mystischer Vergangenheit existiert.

Michael Meyns

Island, die Vulkaninsel. Die Menschen leben weitgehend von der Fischerei. Meist ist es eisig und dunkel, wenn sie losfahren. Heute ist wieder so ein Tag. Gulli, Palli, Jon, Hannes und die anderen starten mit dem nicht mehr ganz neuen Kahn „Breki“ in See. Lange geht alles gut. Der neue Koch sorgt gut für die Mannschaft, die mehrere Tage unterwegs sein wird. Gullis Vater ist für den Motorraum zuständig.

Dann das Unglück. Die Breki sinkt. Eine Zeit lang können zwei oder drei noch durchhalten, dann ist es aus. Wassertemperatur 5 Grad, Lufttemperatur 3 Grad.

Als einziger lebt Gulli noch. Er ist etwas übergewichtig. Sein Fett rettet ihn. Auf eine völlig unnatürliche Weise gelingt es ihm, im bitterkalten Nordatlantik fünf bis sechs Stunden zu schwimmen. In Reykjavik und sogar in London wird bei gründlichen Untersuchungen festgestellt, dass dies noch nie möglich war. Gullis Körpertemperatur lag unter 35 Grad.
Das Erstaunlichste: Es handelt sich um eine wahre Begebenheit.

Halla beispielsweise, die ihren Mann Palli verlor, hat zwei kleine Kinder. Eine Katastrophe.
Ein Wunder ist es schon, was Gulli da geschafft hat. Wunderbar ist jedoch auch, womit Regisseur und Ko-Autor Baltasar Kormakur diesen Film gestaltet hat: mit der Darstellung der harten Arbeit auf dem Boot; mit der realistischen nächtlichen Kameraarbeit; mit dem aufwühlenden Soundtrack; mit dem Aufzeigen der harten körperlichen Qualen Gullis; mit den langen Stunden des Schwimmens, in denen Stationen des Lebens an Gulli vorüberziehen und in denen er zu Gott betet; mit der Hoffnungslosigkeit, als vorüberfahrende Schiffe den Schwimmenden nicht bemerken; mit dem kaum zu begehenden Lava-Strand; mit der Bescheidenheit Gullis, als er zum Helden hochstilisiert wird; mit Gullis anrührendem, Trost (und angedeutete Zukunft) spendendem Besuch bei Halla und den Kindern; mit dem normalen Weiterleben danach; und vor allem mit dem großartigen Schauspieler Olafur Darri Olafsson, als Gulli, der für seine Rolle wie geschaffen ist.

Thomas Engel