The Future

Filme über Paare, die mit Mitte 30 in eine Krise geraten, braucht kein Mensch mehr. Außer diesen Film hier: Miranda Julys „The Future“, eine verzweifelte und komische Betrachtung moderner Lebensverhältnise, die mehr erfasst als die Alltagsprobleme junger Paare in Zeiten der Individualisierung. Buchstäblich sehenswert wird „The Future“ wegen der eigenwilligen Bildsprache der US-amerikanischen Regisseurin, Künstlerin und Schriftstellerin, in der sich Performance-Elemente, Magie und traditionelles filmisches Erzählen zu einem oft verblüffenden Ganzen verbinden.

Webseite: www.alamodefilm.de

Deutschland / USA 2011
Buch und Regie: Miranda July
Kamera: Nikolai von Graevenitz
Darsteller: Miranda July, Hamish Linklater, David Warshofsky, Isabella Acres, Joe Putterlik
Länge: 91 Minuten
Verleih: Alamode Film, Vertrieb: Filmagentinnen
Kinostart: 27. Oktober 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Dies ist die Geschichte von Sophie (Miranda July) und Jason (Hamish Linklater), einer Kinderballettlehrerin und einem PC-Doktor, die merken, dass sie auf der Stelle treten in ihrer Beziehung und in ihrem Leben. Doch kaum sind die beiden Hauptpersonen bei einer nachmittägliche Plauderei auf dem Sofa eingeführt worden, kommt eine Katze ins Spiel, und irgendwann taucht unweigerlich die Frage auf, ob nicht diese Katze, von der meist nur die in Form und Größe variierenden Pfoten zu sehen sind, die tragischste Figur in diesem Film ist. Früh biegt Miranda July vom üblichen Pfad der Nabelschau ab, auf dem sich Beziehungsfilme oft bewegen. Lange Paar-Dialoge bleiben einem erspart. July überlässt in wenigen markanten Momenten der Katze das Reden. Sophie und Jason wollen das kranke Tier in vier Wochen zu sich nehmen, wenn es aus der Klinik kommt. Dann braucht es Rund-um-die-Uhr-Betreuung, und bis dahin haben die beiden ratlosen Partner Zeit, sich neu zu sortieren.

Eine sprechende Katze – so was kann schnell schiefgehen, wenn es nur als bunter Effekt eingesetzt wird. Hier ist das nicht so. Denn der Grundton des Films ist geprägt von der Seltsamkeit des Lebens, in dem man immer wieder mit absonderlichen Dingen konfrontiert wird und zurechtkommen muss. Und in eine Welt voller Merkwürdigkeiten passt natürlich auch eine sprechende Katze. Außerdem hat das krächzende Tier wichtige Funktionen. Es ist der weise, wenn auch nicht allwissende Erzähler, und vielleicht ist es die Liebe selbst, die krank in der Klinik liegt und darauf hofft, dass jemand sie holt und pflegt. Nicht nur die Katze zeigt Julys kreativen Ehrgeiz, Liebe, Sehnsucht, Freiheit und Verzweiflung anders sichtbar zu machen, als man es aus dem Gefühlskino kennt, wobei sie auf ihren Erfahrungsschatz als Performance-Künstlerin zurückgreifen kann. So begegnet einem immer wieder ein kriechendes T-Shirt, das sich Sophie schließlich in einer wunderbaren Verrenkungsszene wie eine neue, vielleicht erwachsene Haut anzieht. Kurz, aber perfekt ist Sophies verunglückter Powackler, den sie beim Üben für einen Tanz hinlegt, mit dem sie zur YouTube-Berühmtheit werden will. Jason hält derweil im Handumdrehen die Zeit an und ruft irgendwann verzweifelt den Mond zur Hilfe, der auch prompt antwortet. In diesem Film glaubt man das alles gern.

Über die Zeit entwickelt July viele Szenen. Man könnte sagen: Sie betrachtet die Paarkrisen der Mittdreißiger als Zeitproblem, als Gefühl, dass mit dem unerbittlichen Verrinnen der Jahre bald bestimmte Optionen verschwinden, dass es nun gilt, Lebensentscheidungen zu treffen und den Stand-by-Modus zu verlassen. Nicht von ungefähr gehört zu Sophies und Jasons Auszeit, aufs Internet, dieser gefräßigen Zeitfressmaschine, zu verzichten. Und in einer alptraumhaften Zeitrafferszene sieht Sophie, wie ihre Freundinnen schwanger werden und Kinder bekommen, die alsbald die Tanzschule besuchen, in der Sophie immer noch wie versteinert am Tresen sitzt. Was das Älterwerden an Fragen aufwirft, war auch in „Du und ich und alle, die wir kennen“, dem in Cannes ausgezeichneten Debüt der Regisseurin aus dem Jahr 2005, ein Thema. Schon damals trat ihr Stilwillen zutage, der an Todd Solondz erinnerte, auch er eher ein Exot im Filmgeschäft. Mit „The Future“ ist July nun einen Schritt weitergegangen in ihrer ästhetischen Entwicklung. Der Filmtitel ist im Übrigen weniger verheißungsvoll, als er klingt. Die Zukunft steht hier nicht für Fortschritt und offene Horizonte, sondern für eine Bedrohung, die es zu meistern gilt. So ändern sich die Zeiten.

Volker Mazassek

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