Il futuro – Eine Lumpengeschichte in Rom

Zwei Geschwister, die sich plötzlich als Waisen durch einen ungewohnten Alltag schlagen müssen, und ein inzwischen erblindeter B-Movie-Star (verkörpert von Rutger Hauer), der mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart lebt. Sie sind die Protagonisten in Alicia Schersons bisweilen unwirklicher, fast surrealer „Lumpengeschichte“, zu der der chilenische Schriftsteller Roberto Bolaño einst die Vorlage lieferte. Abwechselnd Coming-of-Age-Drama, Kleinganovenstück und erotischer Fiebertraum lässt sich der Film nur schwer einem Genre zuordnen. Vor allem bleibt er eine psychologische Projektionsfläche.

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Il futuro – Eine Lumpengeschichte in Rom
CHL/D/I/ESP 2013
Regie: Alicia Scherson
Drehbuch: Alicia Scherson nach dem Roman von Roberto Bolaño
Darsteller: Martina Martelli, Rutger Hauer, Luigi Ciardo, Nicolas Vaporidis, Alessandro Giallocosta
Laufzeit: 98 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 12.9.2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Am Anfang steht ein tragisches Ereignis, ein Trauma. Die beiden Geschwister Tomás (Luigi Ciardo) und Bianca (Martina Martelli) sind noch dabei, sich und ihre Identität zu finden, da reißt sie der Autounfall ihrer Eltern völlig aus der Bahn. Sowohl Vater als auch Mutter sterben im Wrack ihres gelben Fiat, der nach dem Unfall kaum mehr wiederzuerkennen ist. Von diesem Moment, der alles verändert, müssen sich die Geschwister plötzlich alleine im Alltag zurecht finden. Sie leben weiterhin in der alten Familienwohnung am Rande Roms – fortan als Waisen. Während Tomás lieber im Fitnessstudio aushilft statt zur Schule zu gehen, fällt es Bianca sichtlich schwer, Schlaf und Ruhe zu finden. Ständig sieht sie um sich herum ein helles, verstörendes Licht, von dem sie nicht weiß, ob es sich dabei um ein übernatürliches Phänomen oder eine psychische Erkrankung handelt.

Bereits der Einstieg in Alicia Schersons ungewöhnliche Familien- und Coming-of-Age-Geschichte mutet entrückt und surreal an. Mit der an alte Genrewerke angelehnten Eröffnungssequenz, in der das Auto der Eltern wie ein unheilvoller Bote wirkt und der Titel in großen Lettern die Leinwand ausfüllt, trifft „Il futuro“ einen merkwürdigen Ton zwischen Traum und Wirklichkeit. Es ist ein kunstvoller Schwebezustand, den Scherson im weiteren Verlauf sorgsam pflegt und perfektioniert. Zwischen scheinbar normalen Alltagsbeobachtungen aus dem Leben der Waisen – Tomás besucht das Fitnessstudio, Bianca fängt als Aushilfe in einem Friseurgeschäft an – mischen sich immer wieder Momente, die flüchtig betrachtet auch aus einem anderen Film stammen könnten.

Besonders auffällig werden diese Brüche, als Bianca zum ersten Mal das mit alten Erinnerungsstücken ausstaffierte Haus des erblindeten B-Movie-Stars Maciste (Rutger Hauer) betritt. Der Ex-Bodybuilder spielte einst in Sandalenfilmen der Cinecittà den Herkules oder Samson. Heute ist er ein alter Mann, der in der Nähe der jungen Bianca nur zu gerne von seinem Leben als Filmstar und Mister Universum erzählt. Biancas Freunde vermuten im Haus einen versteckten Safe, der ihre Geldsorgen lösen könnte. Mit ihr als Lockvogel und Komplizin wollen sie an Macistes Besitz. Dafür schläft sie sogar mit ihm, was sein Vertrauen zu ihr weiter festigt. Dabei ist das repräsentative Anwesen des früheren B-Movie-Darstellers genau wie Macistes Leben eine surreale Kulisse, die mal einem römischen Märchen und dann wieder einem Dario-Argento-Film gleicht. In beiden kann man sich wie in einem Labyrinth verlieren. Biancas meist nächtliche Besuche sind der atmosphärische Zuckerguss von Schersons nur schwer einzuordnender Geschichte, in der manchmal die Menge an Symbolik den Blick auf die Figuren verstellt.

Der Name Rutger Hauer ist sicherlich eine der Trümpfe, über die „Il futuro“ verfügt und die Scherson richtig auszuspielen weiß. Hinter der Figur des Maciste verbirgt sich dabei in Teilen auch Hauers eigene Biografie. Ihm, dem mit „Blade Runner“ der internationale Durchbruch gelang und der bis heute wie ein Rastloser Film um Film dreht, scheint die Rolle auf den Leib geschrieben. Seine physische Präsenz wirkt wie ein Magnet, von dem sich Bianca auf eine besondere Art angezogen fühlt. Die nach Beschreibung Schersons „aus Resten billiger Filme und Romane“ aufgebaute Geschichte funktioniert letztlich, weil Hauer sie mit Leben und Seele erfüllt. Gleichzeitig betont er deren Pulp-Charakter, ihre verdrehten und immer leicht skurrilen Untertöne, die wiederum selbst aus einem von Marcistes charmant trashigen B-Movies stammen könnten.

Marcus Wessel

Rom. Bianca und Tomas verlieren durch einen Autounfall ihre Eltern. Die Jugendfürsorge prüft, ob die beiden allein bestehen können. Das ist der Fall. Bianca fängt in einem Frisörsalon an, Tomas muss noch zur Schule, schwänzt diese aber öfters.

Tomas bringt zwei „Freunde“ mit. Die vier leben jetzt eine Zeitlang zusammen. Dann die Idee: Ein alter, blind gewordener Schauspieler soll ausgeraubt werden. Früher war er ein Held, glänzte als Bodybuilder und Martial-Arts-Spezialist. Er spielte offenbar oft die Filmrolle des „Maciste“ und wird deshalb auch heute noch so genannt. Geld muss also da sein.

Bianca geht die Sache an. Sie schläft mit „Maciste“, bekommt dafür Geld. Sie fängt an, die Villa nach dem Tresor auszuspionieren. Das dauert. Tomas‘ „Freunde“ werden langsam ungeduldig.

Biancas Auffassung wandelt sich. Sie gewöhnt sich an den Alten. Sie liebkost ihn sogar manchmal, pflegt ihn, wenn es ihm nicht gut geht, beginnt ihn zu lieben.

Keine Rede mehr davon, dass sie ihn verraten oder ausrauben wird.

Die „Freunde“ werden entlassen.

Langsam reift das Bewusstsein Biancas, und langsam reift auch die Dramaturgie des Films. Diese Parallelität ist sehr gut getroffen.

Das Leben der vier „Freunde“, Spaßvögel und potentiellen Räuber wird ebenfalls plausibel geschildert – ihre originellen Fragespiele zum Beispiel, die Bianca mit „Maciste“ im Bett fortsetzt.

Ein paar Mal lässt der Regisseur das Mädchen an der Cinecittà vorbei spazieren, sicherlich ein Bekenntnis zum Kino. Schöne Bilder fehlen nicht.

Psychologisch das Wichtigste: Biancas Wandlung von der „Kriminellen“ zur Liebenden.

Rutger Hauer beeindruckt als „Maciste“. Höchst interessant die Ausschnitte aus früheren „Maciste“- und „Hercules“-Filmen. Manuela Martelli als Bianca ist eine Entdeckung: hübsch und darstellerisch ausgezeichnet. Mehr kann kein Mensch verlangen.

Thomas Engel