The Hate U Give

Der Bestseller von Angie Thomas wurde für die große Leinwand adaptiert. Darin kämpft eine afroamerikanische Teenagerin gegen Vorurteile, Polizeigewalt und Rassismus. „The Hate U Give“ setzt ein starkes Zeichen in einem aufgerüttelten Amerika.

Webseite: www.fox.de/the-hate-u-give

USA 2018
Regie: George Tillman Jr.
Darsteller: Amandla Stenberg, Regina Hall, Russell Hornsby, Anthony Mackie, Common
Länge: 133 Minuten
Verleih: 20th Century Fox
Kinostart: 24. Januar 2018

FILMKRITIK:

Die sechzehnjährige Teenagerin Starr (Amandla Stenberg) fühlt sich zwischen zwei Welten gefangen: Sie lebt in Garden Heights, einem Wohnviertel, in dem hauptsächlich afroamerikanische Familien leben. Durch den florierenden Drogenhandel ist die Kriminalitätsrate hoch, immer wieder kommt es zu Schießereien und Verletzten. Um ihre Kinder davor zu beschützen, gehen Starr und ihre Geschwister auf eine Privatschule. Hier bilden sie eine Minderheit. Obwohl sich Starr in beiden Milieus zuhause fühlt, nimmt ihre innere Zerrissenheit mit jedem Tag zu, bis es eines Tages zu einem dramatischen Ereignis kommt, das ihr Leben für immer verändern wird: Ihr Jugendschwarm Khalil (Algee Smith) wird vor ihren Augen von einem Polizisten erschossen – und Starr ist die wichtigste Zeugin. Doch sie zögert mit der Aussage. Sie will den Anführer der sogenannten „King Lords“ (Anhony Mackie) nicht gegen sich aufbringen, für den Khalil Drogen vertickt hat. Zur gleichen Zeit formiert sich eine Protestbewegung, die Khalils Tod nutzen will, um auf das Thema Polizeigewalt aufmerksam zu machen…
 
Das Thema Polizeigewalt gegen Afroamerikaner ist in den USA brandaktuell. 2017 wurden in den USA 987 Menschen durch Polizeikugeln getötet. 22 Prozent davon waren männliche Schwarze, obwohl gerade einmal sechs Prozent der US-amerikanischen Gesamtbevölkerung schwarz sind. Regelmäßig kochen die brutalen Auseinandersetzungen zwischen der Black Community und der Polizei hoch – befeuert von einem US-Präsidenten, der sich selbst schon vielfach als Rassist entlarvt hat. Filme wie Spike Lees „BlackKklansman“ und der Überraschungshit „Get Out“ haben so etwas wie Hochkonjunktur. Das Thema Rassismus war auf der Leinwand lange nicht mehr so aktuell wie dieser Tage. Da war es eigentlich auch schon lange an der Zeit, dass in einer solche Geschichte einmal eine jugendliche Figur im Mittelpunkt steht, denn gerade die heranwachsende Generation ist durch Fiktion in Filmen und Büchern hin und wieder noch formbar in ihrem Denken. „The Hate U Give“ war in den USA ein Bestseller und wählt exakt diese Herangehensweise, um sich mit der Thematik Ausgrenzung der Afroamerikaner in den USA auseinanderzusetzen. Zur Identifikationsfigur wird dabei eine sechzehnjährige Schülerin.
 
Dramen über Rassismus und Gewalt sind in ihrer Inszenierung oft entsprechend herb. Das lässt sich von „The Hate U Give“ nicht behaupten. Der von George Tillman Jr. („Notorious B.I.G.“) inszenierte Film erinnert optisch eher an einen klassischen Coming-of-Age-Film und ist vollgepackt mit modernen Rap- und RnB-Sounds, mit denen sich die Macher überdeutlich an eine eher jüngere Zielgruppe richten. Hinzu kommt mit Amandla Stenberg („Du neben mir“) eine Hauptdarstellerin, die sich durch ihr Mitwirken in „Die Tribute von Panem“ oder „The Darkest Minds“ bereits in klassischen Young-Adult-Produktionen bewiesen hat und mittlerweile einem breiteren Publikum bekannt ist als noch vor ein paar Jahren. Sie spielt die innere Zerrissenheit der Starr auf absolut nachvollziehbare Art und Weise und spiegelt hervorragend wider, wie sich Afroamerikaner fühlen müssen, wenn sie – wie Starr hier – permanent zwischen verschiedenen Freundeskreisen hin- und herpendeln müssen. Das geht bisweilen nicht ganz ohne Klischees: Auf einer Party etwa wird Starr von ihren schwarzen Freundinnen und Freunden ausgefragt, wie Partys von weißen Leuten so sind. Überhaupt zeichnet Drehbuchautorin Audrey Wells die beiden Milieus lange Zeit sehr einseitig und stellt die „kriminellen Schwarzen“ den „perfekten Weißen“ gegenüber. Daraus ergeben sich nicht immer ganz glückliche Entwicklungen.
 
Doch auch, wenn man dieses Befeuern von Klischees zunächst kritisieren kann, überzeugt „The Hate U Give“ in der zweiten Hälfte besonders, wenn die Macher ebenjene Vorurteile nämlich endlich unterwandern. Im Mittelpunkt der Erzählung steht nämlich vor allem die Botschaft, dass auch Menschen aus kriminellen Milieus Rechte haben – und um diese Message auszudrücken, braucht es eben jenes Milieu. Hinzu kommen mit fortlaufender Spieldauer zunehmend komplexe Dialoge über das Entlarven von Alltagsrassismus; etwa wenn sich Starr mit einem Cop unterhält, der selbst schwarz ist und die gleichen Vorurteile Schwarzen gegenüber hegt, wie seine weißen Kollegen. In „The Hate U Give“ brechen die Grenzen zwischen gut und böse irgendwann auf. Und auch, wenn viele Themen im Film eine noch intensivere Beleuchtung hätten erfahren dürfen, bleibt es am Ende das Wichtigste, dass der Zuschauer mit dem Gedanken entlassen wird, dass man nicht vom Äußeren auf das Innere einer Person urteilt.
 
Antje Wessels