The Lady – Ein geteiltes Herz

Man kennt Aung San Suu Kyi vor allem als unerschrockene Kämpferin für Frieden in ihrer Heimat Burma; die ergreifende, tragische Liebesgeschichte hinter der Politik ist dagegen weniger bekannt. Mit Michelle Yeoh in der Hauptrolle inszeniert Luc Besson in „The Lady“ einen packenden Film über eine Frau, die vor der unmöglichen Wahl zwischen Familie und Heimatland steht.

Webseite: www.thelady-film.de

Frankreich/Großbritannien 2011
Regie: Luc Besson
Buch: Rebecca Frayn
Darsteller: Michelle Yeoh, David Thewlis, Jonathan Raggett, Jonathan Woodhouse, Susan Wooldridge
Länge: 127 Minuten
Verleih: Universum
Kinostart: 5.4.2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Es ist eine dieser Geschichten, die so unglaublich sind, dass man sie nicht erfinden kann: Als Tochter von Aung San, der als Vater des modernen Burmas gilt, wurde Aung San Suu Kyi die Politik quasi in die Wiege gelegt. Nach der Ermordung ihres Vaters und der darauf folgenden Machtergreifung des Militärs wuchs Aung San in Indien auf, ging später nach England, wo sie den Oxford-Professor Michael Aris heiratete und zwei Kinder bekam. Ungefähr hier setzt die Erzählung von Luc Bessons Film ein: 1988 erfährt Aung San (Michelle Yeoh), das ihre inzwischen wieder in Burma lebende Mutter erkrankt ist und reist zum ersten Mal seit Jahrzehnten in ihre Heimat zurück. Erschreckt muss sie feststellen, mit welcher Brutalität das Militärregime gegen Demonstranten vorgeht, die demokratische Reformen verlangen. Als Tochter eines Freiheitskämpfers steht Aung San schnell im Mittelpunkt, wird vom Geheimdienst bespitzelt und zunehmend, anfangs ganz unfreiwillig, in die Richtung gedrängt, die ihr zukünftiges Leben bestimmen wird. Der Bitte, sich der Friedensbewegung anzuschließen kann und will sich Aung San nicht entziehen und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Für die anstehenden Wahlen betreibt Aung San intensiven Wahlkampf, der schließlich zum überwältigenden Erfolg führt. Doch das Militär erkennt die Wahl nicht an und verhängt die erste von zahlreichen Ausgangssperren. Gefangen zwischen der Liebe zu ihrer Familie und dem Pflichtbewusstsein gegenüber ihrem Heimatland, entscheidet sich Aung San, in Burma zu bleiben. Die kommenden Jahre sind ein ständiger Kampf um Visa, Besuchsmöglichkeiten für Mann und Kinder, abgebrochene Telefonate, geprägt vom Versuch des Regimes, sie von der Außenwelt abzutrennen. Das eigentliche Drama aber beginnt, als Aung San erfährt, dass ihr Mann im fernen England an Krebs erkrankt ist. Wenn sie ihn besuchen fährt, wird sie wahrscheinlich nie wieder nach Burma zurückkehren können, wenn sie bleibt, wird sie ihn nicht wieder sehen.

Es ist eine erstaunliche Geschichte, die Besson nach einem Drehbuch von Rebecca Frayn mit großer Zurückhaltung inszeniert. Der ansonsten für seine oft plakative Regie bekannte Regisseur vertraut in „The Lady“ ganz auf die Präsenz seiner Hauptdarstellerin und der Kraft der wahren Geschichte. Bisweilen wirkt diese zwar wie eine überkandidelte, kitschige Soap Opera, aber in diesem Fall ist die Realität tatsächlich ergreifender als jedes Drehbuch. Wobei man es dem Film zu Gute halten muss, dass er der Entwicklung Aung Sans nichts von ihrer Ambivalenz nimmt. Mit subtiler Inszenierung zeigt er etwa, wie Aung San bei den ersten Besuchen ihrer Familie noch erwartungsvoll vor dem Haus steht, während sie später von einer Sitzung weggeholt werden muss, als ihre Familie nach langer Abwesenheit endlich wieder bei ihr ist. Die Unterstützung ihres Mannes Michael Aris (exzellent verkörpert von David Thewlis) ist zwar ungebrochen, doch die Wehmut in seinen Augen, der Verlust seiner Frau an die Politik, hat auch sein Leben geprägt.

Ursprünglich als Film angedacht, der die Aufmerksamkeit der Welt wieder mehr auf Burma lenken und zur Aufhebung des gegen Aung Sun verhängten Hausarrests beitragen sollte, wurde „The Lady“ von der Geschichte überholt: Seit November 2010 kann sich Aung Sun frei bewegen, hat Politiker aus aller Welt getroffen, Verhandlungen mit dem Militärregime aufgenommen, scheint sich Burma endlich auf dem Weg in eine demokratische Zukunft zu bewegen. Überflüssig macht diese Entwicklung den Film nicht, zumal abzuwarten bleibt, ob das Militärregime seine Versprechen hält. Es erlaubt vielmehr, „The Lady“ als Geschichte einer großen Liebe zu sehen, die von Lauf der Geschichte überrollt wurde.

Michael Meyns

Das frühere Burma oder Birma ist ein abgeschottetes Land, eine Diktatur, die vom Militär regiert wird. Schon jahrzehntelang. Was nicht bedeutet, dass es gegen die Generäle keinen Widerstand gäbe. Die leuchtende Figur dieser Gegenwehr ist Aung San Suu Kyi, die Friedensnobelpreisträgerin (1991), die vom Regime über 15 Jahre lang eingesperrt war.

Erst in letzter Zeit ist es zu einer Lockerung gekommen. Offenbar wollen die Diktatoren ihr Land bis zu einem gewissen Grad öffnen und mit der Welt in Verbindung treten. Suu Kyi ist nun auf freiem Fuß.

Doch was hat sie alles erlebt und erduldet! Dieser dokumentarische Spielfilm zeigt es.

Schon ihr Vater wurde aus politischen Gründen ermordet, als sie ganze zwei Jahre alt war. Ihre wissenschaftliche Ausbildung erhielt sie nach einer Zeit in Indien, wo ihre Mutter Botschafterin Burmas war, in Oxford und London. 1972 heiratete sie den britischen Tibetologen Michael Aris, mit dem sie eine lebenslange Liebe verband.

1988 reiste sie nach Burma, weil ihre Mutter schwer krank geworden war und dann auch wirklich starb. Weil sie sich politisch betätigte, für Demokratie und Menschenrechte eintrat, Reden hielt, Versammlungen besuchte und friedliche Demonstrationen befürwortete, war sie verdächtig. Wäre sie nach London zurückgereist, sie hätte Burma nie mehr betreten dürfen.

Nicht lange danach gewann sie die Wahlen im Land – doch die Militärs duldeten dies keinesfalls. Von jetzt an war sie Gefangene, obwohl mächtige Volksmassen ihr zujubelten und nach ihr verlangten. Ein paar Mal durften ihr Mann und ihre beiden Söhne sie besuchen – der Rest war Hausarrest, viele Jahre lang.

Ihr Mann bekam Krebs und musste sterben. Sie hat ihn nicht wiedergesehen. Denn, wie gesagt, wäre sie nach England geflogen, sie hätte nie mehr zurückkommen können. Das Regime schlug ihr mehr als einmal vor auszuwandern, sie lehnte jedes Mal ab. Sie entschied sich für den politischen Kampf, dafür, ihrem Volk zu helfen die Freiheit zu erlangen.

Der Schmerz, der ihr durch diese Entscheidung abverlangt wurde, war unmenschlich.

Ein bewegender Film: politisch, menschlich, das Schicksal dieser Frau und ihrer Familie betreffend. Erzählt wird, chronologisch, minutiös, dokumentarisch. Der französische Regisseur Luc Besson – sonst auf Filme eines anderen Genres spezialisiert – liefert hier zweifellos auch einen begrüßenswerten, ja sogar spektakulären allgemeinen Beitrag zum Kampf für die Freiheit und für die Menschenrechte in der Welt, in der in dieser Beziehung noch soviel Unrecht und Leid herrscht.

Alles steht und fällt in einem solchen Falle natürlich auch mit der Darstellung der Hauptperson. Die der burmesischen Politikerin äußerlich ähnliche chinesischstämmige, in Malaysia geborene Schauspielerin Michelle Yeoh spielt die Rolle in überwältigender Weise. Nicht zuletzt sorgt sie dafür, dass der Film einem nahe geht.

Ein Lob verdient allerdings auch der britische Charakterdarsteller David Thewlis als Ehemann, der von Aung San Suu Kyi so geliebt wird und unbedingtes wenn auch hart zu ertragendes Verständnis für seine Frau aufbringt.

Thomas Engel