The Sapphires

Wayne Blair erzählt in seinem sensationellen Langfilm-Debüt „The Sapphires“ von vier jungen Frauen, die von den australischen Ureinwohnern abstammen und im Jahr ’68 als Sängerinnen zur Truppen-Unterhaltung in den Vietnam-Krieg ziehen. Die wahre Geschichte, wie die leidenschaftlichen Mädels dem Rassismus zuhause entkommen und ihren kurzen Ruhm genießen, ist ein musikalischer Wohlfühlfilm zwischen „The Commitments“ und „Priscilla – Königin der Wüste“.

Webseite: www.senator.de

Australien 2012
Regie: Wayne Blair
Darsteller: Chris O‘Dowd, Deborah Mailman, Jessica Mauboy, Shari Sebbens, Miranda Tapsell
Länge: 103 Min.
Verleih: Senator Filmverleih
Kinostart neu: 20.6.2013

PRESSESTIMMEN:

"…beruht auf echten Schicksalen. Und verfügt nicht nur über jede Menge Soul, sondern auch über Seele."
BRIGITTE

FILMKRITIK:

Sie haben den Schwung von „The Commitments“ und den Roadmovie-Drive von „Priscilla – Königin der Wüste“. Doch die Sapphires haben auch ihre ganz eigene Geschichte als Aborigines, die sich mit Hilfe der Musik von den Fesseln ihrer Heimat befreiten. Als sie sich noch „Cummeragunja Song Birds" nannten, waren die Mädels Außenseiter. Sowohl in ihren „Reservaten“, wo die Singerei als Spinnerei angesehen wurde und nur harte Arbeit zählte, als auch bei den „Weißen“. Es ist 1968 in Australien. Als Gail (Deborah Mailman) und ihre drei Schwestern im nächsten Kaff einen lächerlichen Musikwettbewerb mit sagenhaftem Gesang in den Grundfesten erschüttern, werden sie doch nur zweite – sie sind „schwarz“. Dass sie ausgerechnet ziemlich rein-weißen Country&Western singen, ist eine besondere Note dabei. So lautet denn auch eine der ersten Lektionen von ihrem zukünftigen Manager Dave (Chris O’Dowd): „90% aller Musik ist Schrott, der Rest ist Soul“. Allerdings dauert es etwas, bis Gail und ihre Mädels akzeptieren, dass dieses versoffene, heruntergekommene Weißbrot irgendwo Soul im Körper hat und sie managen darf. Den größten Widerstand gibt es jedoch zuhause. Vor allem die Jüngste darf nicht mal mit zum Vorsingen nach Melbourne. In der Zeitung war ein Job als Showband für die Soldaten in Vietnam annonciert. Doch schließlich überreden die drei Power-Frauen sogar noch ihre stimmgewaltige Cousine Kay (Shari Sebbens), die einst vom Staat entführt und von Weißen adoptiert wurde. Jetzt begeistern die Sapphires mit neuem Namen, Soul-Repertoire und heißer Bühnenshow erst das Auswahlkomitee und dann Heerscharen von Soldaten in Südost-Asien. Dass dort ein blutiger Krieg stattfindet, dringt mit tragischen Folgen erst spät durch die mädchenhafte Begeisterung. Die sehr vorsichtige Annäherung zwischen der extrem dickköpfigen Gail und dem plötzlich doch zurückhaltenden Dave wird auf eine schmerzliche Probe gestellt…

„Sing, wenn du traurig bist“ lautet der Rat von Gails spirituell verwurzelter Großmutter. Könnte auch eine universelle Formel für erfolgreiche Filme sein. Der australische Wohlfühlfilm „The Sapphires“ bringt wie einst die „Commitments“ viel Schwung mit etwas Sentiment ins Kino. Und wie bei „Priscilla – Königin der Wüste“ geht es auch hier um Ausgegrenzte, Unterdrückte und Benachteiligte. So genießt man tolle Stimmen, gute Songs und den Spaß vor allem mit dem König der Oneliner Dave, während man nebenbei Erschütterndes über die Situation der Aborigines, der australischen Ureinwohner, erfährt. Die Widerspenstigkeit Gails ist auf eines der massenhaft verübten staatlichen Verbrechen zurückzuführen, die lange Jahrzehnte Familien auseinanderriss und ganze Generationen traumatisierte. Die flotte Erfolgstour nach einer wahren Geschichte, enthält auch immer wieder kurze, bittere Noten. Etwa wenn ein verletzter Soldat noch im Sterben hässlicher Rassist bleibt und sich nicht von einer Aborigine behandeln lassen will. Doch „The Sapphires“ trumpft trotz Vietnam-Krieg und Rassismus mit einem glaubhaften Happy End auf. In der Schlussszene wartet ein kleiner Junge auf seine Mutter, der einst das Buch zu diesem Film schreiben wird.

Regisseur Blair, der 2005 mit seinem Kurzfilm „The Djarn Djarns“ bei der Berlinale einen Kristall-Bären gewann, spielte einst in der Bühnenversion des Stückes mit und überzeugt mit seinem Ensemble und deren sensationell guten Soulnummern.

Günter H. Jekubzik

Vieles von dem, was in diesem Film gezeigt wird, hat sich so zugetragen, der Rest wurde ein wenig ausgeschmückt oder dazu erfunden.

60er, 70er Jahre in Australien. Die Aborigines werden noch immer nicht als vollwertige Menschen angesehen, sie gehören zu „Fauna und Flora“. Die Kinder werden den Eltern weggenommen und weißen Familien zugeteilt. Man spricht später von „gestohlenen Kindern“. Aber vier junge Mädels, zwei Schwestern und zwei Cousinen, trotzen diesen Zuständen. Sie singen ganz schön und stellen sich deshalb einem Talentwettbewerb. Vom Publikum werden sie nicht für voll genommen, obwohl sie von allen am schönsten sangen. Gewinnen soll eine Sängerin, die sich langweiliger nicht hätte präsentieren können. Doch da ist ein cleverer Ire, Dave, der sich von den vieren schließlich überreden lässt.

Er macht für sie eine Möglichkeit ausfindig, sie sollen in Vietnam vor amerikanischen Soldaten singen. Die Eltern der Mädchen sind nicht begeistert, stimmen aber letztlich zu. Die Auftritte von Gail, Julie, Cynthia und Kay in Saigon und Umgebung werden zu einem Riesenerfolg. Mehr als der Anfang einer großen Karriere ist nun schon geschafft.

Doch es gibt nicht nur Soul-Konzerte, sondern auch Streit, Krieg, Bomben, Verwundete, Heimweh – die Liebeserlebnisse nicht zu vergessen, die in einem Fall sogar zu einer Heirat führen.

Aus einem australischen Musical wurde ein Film gemacht, und der ist stark geworden. Das kann man natürlich zuerst von den mitreißenden Musiknummern sagen, aber auch von der Schilderung des Lebens der Aborigines-Familien, für die das Zusammengehörigkeitsgefühl alles bedeutet, von den Soldaten- und Kriegsszenen in Vietnam, von der durchgehenden Stimmigkeit der Atmosphäre, von der Choreographie und der Präsentation der Sängerinnen, von der allgemeinen filmischen Anpassung an die damalige Epoche. Das alles macht den Film zu einem äußerst angenehmen Kinoerlebnis. In Australien entsteht also auch Künstlerisches, es gibt da nicht nur den Outback.

Deborah Mailman, Jessica Mauboy, Shari Sebbens und Miranda Tapsell heißen die vier jungen Oborigines-Damen. Auch wenn sie hierzulande nicht bekannt sind, sie spielen – und singen – toll. Den Dave stellt Chris O’Dowd dar, ein sympathischer Ire und ein guter Schauspieler.

Insgesamt ein sehenswertes Vergnügen – bis zu einem gewissen Grad sogar geschichtlich interessant.

Thomas Engel