The Song of Names

Die Verfilmung des gleichnamigen Romans aus dem Jahr 2001 ist einer der schönsten, aber auch wehmütigsten Filme, die man dieses Jahr im Kino erleben kann. Erzählt wird die Geschichte von zwei Jungen, die wie Brüder aufwuchsen, aber der eine, ein Genie mit der Violine, verschwand am Tag seines großen Konzerts. Und der andere hat seitdem niemals die Suche nach ihm aufgegeben. In den Hauptrollen brillieren Tim Roth und Clive Owen, aber auch die jüngeren Versionen ihrer Figuren sind exzellent besetzt.

Website: https://thesongofnames.kinostar.com/

Kanada, Ungarn, Deutschland, Großbritannien 2019
Regie: François Girard
Buch: Jeffrey Caine
Darsteller: Tim Roth, Clive Owen, Catherine McCormack
Länge: 113 Minuten
Verleih: Kinostar
Kinostart: 6. August 2020

FILMKRITIK:

Um seinen Sohn vor den Nazis zu schützen, stimmt der Vater zu, den kleinen Dovidl nach England in die Obhut der Familie Simmonds zu geben. Sein Ziehvater ist vom Talent des Jungen als Violinist beeindruckt und fördert ihn nach besten Kräften. Der etwa gleich alte Martin möchte den Neuankömmling erst nicht im Haus haben, beide werden jedoch schnell Freunde. Der Krieg kommt, die Jahre ziehen ins Land, es wird 1951. Dovidl ist der Mittelpunkt eines Konzerts, das sein Ziehvater organisiert und finanziert hat, aber der junge Geiger taucht nicht auf. Er bleibt verschwunden. 35 Jahre später sucht Martin noch immer nach seinem Freund, der wie ein Bruder für ihn ist.

Der Titel bezieht sich auf ein jüdisches Ritual. Die Namen der Toten des Holocausts werden gesungen, um sie nicht zu vergessen. Sie wurden mündlich überliefert, in musikalischer Form besser erinnert und mit den Überlebenden des Holocausts hinausgetragen. Es ist ein Ritual, das mehrere Tage andauert. Eines, das zu einem Schlüsselmoment von „The Song of Names“ wird, weil sich damit für die Hauptfigur alles ändert.

„The Song of Names“ ist ein melancholischer Film. Seine Hauptfiguren sind allesamt gebrochen. Dovidl, weil er das Schicksal seiner Familie nie verwunden hat, Martin, weil er das plötzliche Verschwinden des Bruders nie verarbeiten konnte. Ihrer beider Leben wurde aus der Bahn geworfen. Sie fanden ihren Weg, aber nicht unbedingt den, den sie sich als junge Männer erträumt oder gewünscht hatten.

François Girard hat einen wunderschönen, wenn auch melancholischen Film aus der Vorlage gemacht. Er versteht es meisterhaft, mit drei Zeitebenen zu jonglieren, zeigt Martin und Dovidl als Kinder, als junge und als alte Männer – und jedes Mal sind sie unterschiedliche Menschen, weil das Leben sie auch verändert hat. In ihnen lebt eine Traurigkeit, die sich in ihren Gesichtern ablesen lässt. Roth und Owen spielen hervorragend, ohne jemals zu übertreiben. Es sind die kleinen Gesten, die minimale Mimik, die alles aussagen.

Ein Film wie dieser könnte mit einem Happyend abschließen, mit dem Moment, in dem Martin und Dovidl wieder werden, was sie einst waren, aber das wäre ein Verrat an dieser Geschichte. Es kann keinen glücklichen Abschluss geben, weil der Mann, den Martin wiedergefunden hat, nicht der Mann ist, den er einst kannte. Sie haben einen langen Moment zusammen, um die Vergangenheit zum Abschluss zu bringen, mehr aber auch nicht.

Das Finale ist in einer zauberhaften Collage gestaltet. Clive Owen steht auf der Bühne, die Violine schreit seinen Schmerz heraus, und François Girard zeigt Dovidl beim Spielen für einen Freund, der in der Psychiatrie endete, beim Spielen für die Asche, wie er einem Schüler gegenüber erklärte, und beim Spielen für Martin und das Publikum. Es ist ein Moment, der ein ganzes Leben beschreibt und der – zum besseren oder schlechteren – sowohl Martin, als auch Dovidl den Frieden bringt, den sie so lange ersehnt haben.

Peter Osteried