The Take – Die Übernahme

Aufgegebene oder „ausgelagerte“ Produktionen lösen Verfall, Arbeitslosigkeit und Armut aus. In Argentinien drehen Arbeiter diesen Kreislauf um. Sie setzen ihre stillgelegten Fabriken selbst wieder in Gang. Über diese argentische „Bewegung zur Rettung von Fabriken“ drehte die Kanadierin Naomi Klein – seit ihrem Bestseller „No Logo“ Vordenkerin der Globalisierungsgegner – mit ihrem Mann Avi Lewis eine bewegende, faszinierende und eindeutig subjektive Dokumentation.

Webseite: www.thetake.org

Canada/Argentinien 2004
O: The Take
Dokumentation
R: Avi Lewis
B: Naomi Klein
K. Mark Ellam
M: David Wall
Format: HDcam, 35 mm, OmU
Verleih: Kinostar
Preise: AFI Los Angeles 2004: Dokumentarfilm-Preis für Avi Lewis
L: 87 Min.
Start: 28. September 2006

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

„Willkommen in der globalisierten Geisterstadt“: Verwaiste Hallen, bröckelnde Fassaden, grasüberwachsene Parkflächen, rostende Maschinen und Kräne. So zerfallen Produktionsstätten, wenn kein Mensch sie mehr nutzt. In Argentinien erwachen in dem Schutt neue Kräfte. Geschlossene Fabriken sind hier „die leisen Schlachtfelder“.

Da die Fabriken von öffentlichen Geldern unterstützt wurden, so argumentieren die Arbeiter, hätten sie das Recht, diese zu nutzen. Allerdings müssen sie dieses Recht noch vor Gericht durchsetzten. Die „Forja“-Autowerke, „Zanon“-Keramikfabrik und die „Brukman“-Keramikfabrik funktionieren nun als Kooperativen. Die Firmen gehören allen Arbeitern gleichermaßen und alle erhalten den gleichen Lohn. Die ehemaligen Besitzer, wie der greise Luis Zanon, halten dagegen. Sie sehen sich enteignet. Rund 200 Fabriken wurden inzwischen übernommen. Die Vorgehensweise lautet: „Besetzt – Haltet stand! – Produziert!“

Naomi Klein und Avi Lewis lassen die Arbeiter und Aktivisten über ihre Frustration, Motivation und neue Hoffnung sprechen. „Sie haben uns unsere Würde genommen. Das Traurigste ist ein Mann ohne Arbeit“, sagt eine junge Mutter von drei Kindern. Früher konnte sie sich teure Kosmetika leisten, heute reicht das Geld gerade für den Mate-Tee.

Paralell dazu läuft der Wahlkampf des ehemaligen Präsidenten Carlos Menem (1989-1999), der die Privatisierungen, die Kapitalflucht, den Staatsbankrott und die Verarmung der halben Mittelschicht mit zu verantworten hatte, zwischendurch unter Hausarrest stand und nun im Frühjahr 2003 tatsächlich erneut kandidiert. Sein Gegner ist Néstor Kirchner.

An drei Frauengenerationen  einer Familie spiegelt Naomi Klein verschiedene politische Haltungen. Die Mutter glaubt an die Regierung, sie hatte unter Perón den Aufbau des Landes miterlebt. An der Wand hängt ein vergilbtes Foto von Evita Perón. Die schwangere Tochter hat keinerlei Vertrauen in die Politik, ihrer Meinung nach macht sie nur kaputt und verkauft. Sie geht gar nicht wählen. Der Großmutter wird einfach gesagt, wo sie ihr Kreuzchen machen soll. Nicht nur sie lässt sich gängeln. Viele junge Menschen im Land finden sich bereit, für einen geringen Lohn Wahlwerbung zu machen.

Neben Archiveinspielungen, die Perón, den Besuch von Bill Clinton oder den Ansturm auf die geschlossenen Banken zeigen, sind auch die Schlachten auf den Straßen sehen: Wasserwerfer, Tränengas und Polizeiknüppel gegen Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen. An dieser Stelle fällt der Originalton weg, stattdessen erklingt die Stimme von Lhasa de Sela, die von Hoffung, Frieden und Ruhe träumt.

Avi Lewis, im kanadischen Fernsehen für seine politische Diskussionssendung „Counter Spin“ und zahlreiche Musiker-Interviews berühmt, entwirft suggestive Bilder. Seine großartigen Panoramen der leeren Produktionsstätten oder des nächtlichen Buenos Aires unterlegt er mit den Klängen der Tango-Erneuerer „Gotan Project“.
 
Naomi Klein und Avi Lewis beziehen unverhüllt einen subjektiven Blickwinkel. Hier die unschuldigen, aufrechten Arbeiter und Aktivisten am ärmlichen Esstisch, dort der grenzdebile, greise  Firmenchef im Prunksessel vor einem Champagnerkübel. Es fehlt die Mittellage. Offen bleibt, wie der Vertrieb der neuen Kooperativen funktioniert. Wer kauft die neuen Produkte? Und werden die neuen Funktionäre auf Dauer gerechter sein als die alten Bosse?
 
Rauchende Fabrikschlote und kreischende Maschinen waren einmal Inbegriffe für eine menschenfeindliche Umwelt. Nun stehen die Zeichen anders. Die Forja-Fabrik lärmt jetzt wieder Tag und Nacht – zur Freude eines Arbeiters: „Wir haben den Krach vermisst.“

DOROTHEE TACKMANN