The Testament Of Ann Lee

In ihrer dritten Spielfilmarbeit legt die Norwegerin Mona Fastvold nach einem zusammen mit ihrem Ehemann Brady Corbet verfassten Drehbuch ein Biopic vor, das die Konventionen dieser Kinogattung immer wieder sprengt. Amanda Seyfried brilliert in der Titelrolle als leidgeprüfte Anführerin der religiösen Shaker-Gemeinschaft, die im 18. Jahrhundert mit ihren Anhängern von Großbritannien in die USA übersiedelte. Auch wenn „The Testament of Ann Lee“ es dem Publikum nicht gerade einfach macht, entfalten die dargebotenen, für die Freikirche charakteristischen Tanzeinlagen eine enorme Wucht.

 

Über den Film

Originaltitel

The Testament Of Ann Lee

Deutscher Titel

The Testament Of Ann Lee

Produktionsland

GBR,USA

Filmdauer

137 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Fastvold, Mona

Verleih

The Walt Disney Company (Germany) GmbH

Starttermin

12.03.2026

 

Schon als Kind, so betont Mary Partington (Thomasin McKenzie), die Erzählerin des biografischen Historiendramas „The Testament of Ann Lee“, habe sich die Titelheldin für alles Religiöse interessiert. Eine Leidenschaft, die sie auch als junge Frau (gespielt von Amanda Seyfried) noch ganz gefangen nimmt. Im England des 18. Jahrhunderts knüpft Ann Kontakte zu Mitgliedern der sogenannten Shaking Quakers, einer Glaubensgemeinschaft, die sich für Gewaltverzicht und soziale Gerechtigkeit einsetzt und ihre Hingabe zu Gott in Form von zuckenden, energiegeladenen Tänzen zum Ausdruck bringt. Bei den Zusammenkünften lernt sie auch ihren Ehemann Abraham (Christopher Abbott) kennen, dessen sexuelle Vorlieben ihr schnell Unbehagen einflößen.

 

Der Amtskirche und dem Staat sind die Abweichler ein Dorn im Auge. Und so kommt es immer wieder zu Razzien und Verhaftungen. Während eines Gefängnisaufenthalts hat Ann schließlich eine göttliche Vision, nach der sie fleischliche Lust aus ihrem Leben kategorisch verbannen will. Als weiblicher Messias gefeiert, steht sie plötzlich an der Spitze der kleinen, angefeindeten Sekte. Um der Verfolgung in Großbritannien zu entgehen, beschließt die religiöse Gruppe, in die USA auszuwandern. Doch auch dort gibt es schon bald handfeste Rückschläge. Abraham, der den Sexverzicht nicht akzeptieren will, wendet sich von seiner Gattin ab. Und nicht überall werden die Shaker mit offenen Armen empfangen.

 

Nach „The Brutalist“ legen Mona Fastvold und Brady Corbet mit „The Testament of Ann Lee“ das nächste Jahrzehnte umspannende, Konventionen unterlaufende Historienepos vor, wobei es zu einem Tausch auf dem Regiestuhl kommt. Inszenierte der US-Filmemacher erstgenanntes Werk nach einem gemeinsam verfassten Drehbuch, ist nun seine norwegische Ehefrau an der Reihe, erneut auf Basis einer zusammen erarbeiteten Vorlage. Das analog gedrehte, in gedämpfte Farben und Kerzenlicht getauchte Biopic kommt optisch recht klassisch daher, hält die Zuschauer aber stets ein bisschen auf Distanz und deutet die Protagonistin psychologisch nicht mit großen Gesten aus. Obwohl Ann mit dem Tod von gleich vier Kindern heftige Schicksalsschläge erlebt, wird einem der emotionale Zugang zur Figur keineswegs auf dem Silbertablett serviert. Wer mit Religion, bedingungsloser Hingabe und wundersamen Offenbarungen wenig anzufangen weiß, könnte es schwer haben, eine Bindung zur Anführerin der Shaker aufzubauen.

 

Allerdings: Auch wer den Visionen und der radikal propagierten Enthaltsamkeit kritisch gegenübersteht, dürfte anerkennen, dass die Shaker-Lehre spannende, erstrebenswerte Gedanken beinhaltet. Mann und Frau sollen sich auf Augenhöhe begegnen, gleichberechtigt sein – eine zur damaligen Zeit geradezu ketzerische Forderung. „The Testament of Ann Lee“ zeichnet das Bild einer Gläubigen, die sich ihrer utopischen Sache ganz verschrieben hat, im wahrsten Sinne des Wortes mit Leib und Seele. 

 

Zentrale Bestandteile des Films sind nicht umsonst die für die Shaker so typischen Tanz- und Gesangseinlagen. Etwas, das man in einem Biopic eher weniger erwartet. Lässt man sich auf sie ein, entfalten die wilden, mit Zuckungen und Verrenkungen gespickten Choreografien eine ekstatische Kraft. Besonders eindrucksvoll und mitreißend ist die musikalische Montage auf der Überfahrt nach Amerika, bei der sich Wind, Wetter und Tageszeit fortlaufend ändern, während Ann und ihre Mitstreiter sich, trotz Anfeindungen an Bord, immer weiter singend bewegen. Die schwerste Aufgabe hat zweifelsohne Hauptdarstellerin Amanda Seyfried, die in nahezu all ihren Szenen voll gefordert wird. Den Schmerz, die Hoffnung und die Freude der Titelheldin agiert sie mit schonungsloser Offenheit aus – und hilft so auch über einige sprödere Passagen von „The Testament of Ann Lee“ hinweg.

 

Christopher Diekhaus

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