The Vigil – Die Totenwache

Wer bei „The Vigil – Die Totenwache“ einen typischen Horrorfilm aus dem Hause Blumhouse erwartet, ist schief gewickelt. Die auf günstige Horrorfilme spezialisierte Firma hat den unabhängig produzierten Film eingekauft und präsentiert dem unbedarften Publikum nun einen Genre-Streifen, der reich an Atmosphäre ist, sich aber den typischen Konventionen verweigert. Er erzählt von einem jungen Mann, der vom Glauben abgefallen ist und bei der Totenwache von seiner Vergangenheit heimgesucht wird.

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The Vigil
USA 2019
Regie + Buch: Keith Thomas
Darsteller: Dave Davis, Menashe Lustig, Malky Goldman, Lynn Cohen
Länge: 89 Minuten
Verleih: Wild Bunch
Kinostart: 23. Juli 2020

FILMKRITIK:

Yakov hat die Gemeinde der strenggläubigen chassidischen Juden verlassen und versucht, sich in der für ihn ungewohnten Welt zurechtzufinden. Da er Geldprobleme hat, lässt er sich von einem Rabbi überzeugen, für einen alten Mann, für den sonst niemand die Totenwache halten kann, eben das zu tun. Es ist schnell verdientes Geld für Yakov, doch in dieser Nacht hat er eine Begegnung der unheimlichen Art, die vor allem eines für ihn ist: Eine Prüfung, durch die er geläutert werden kann.

Der Debütfilm von Keith Thomas ist ein ausgesprochen atmosphärisches Kammerstück, in dem über weite Teile nur Dave Davis alleine agiert – mit sich und seinen Gedanken isoliert und heimgesucht von den Fehlern und Traumata der Vergangenheit.

„The Vigil – Die Totenwache“ nimmt im Grunde die Geschichte eines normalen Geisterhausfilms, betrachtet diese jedoch durch die jüdische Perspektive. Alleine das macht den Film schon ungewöhnlich, weil er damit aus den Konventionen ausbricht und sich vom Gros ähnlich gelagerter Film abhebt. Bemerkenswert ist er aber auch, weil er kein klassischer Horrorfilm ist. Zwar schafft er es, mit dem Betreten des Hauses eine fast schon beklemmende Spannung aufzubauen, aber er folgt nicht den üblichen Erzählmustern.

Der Film arbeitet mit dem, was in den Schatten lauern könnte, mit dem, was man sich als Zuschauer dort erwartet, und er überrascht immer wieder mit dem, was er letztlich zeigt. Er nutzt jüdische Mythologie, die den meisten Zuschauern unbekannt sein dürfte, und lädt die Geschichte damit mit einer Bedeutungsschwere auf, die fast erdrückend ist. Obwohl er über weite Strecken gar nichts zeigt, ist die Stimmung immer bedrohlich. Und wenn der Film etwas zeigt, dann ist es zurückhaltend und weniger auf den Schockeffekt, als auf die Wirkung auf die Hauptfigur ausgelegt.

Denn Yakov ist ein Mann, der vom Glauben abgefallen ist. Ein Verlorener, der vor seinem eigenen Versagen davonläuft. Erst in dieser Nacht, erst in diesem Haus, kann er sich von dem befreien, was ihn bedrückt, kann mutig sein, wo er einst feige war, kann gläubig sein, wo er einst zweifelte. Er muss sich nicht nur dem stellen, was in dem Haus ist, sondern auch sich selbst – und gerade das ist der vielleicht größere Kampf von beiden. Am Ende ist Yakov ein anderer Mann. Jemand, dem eine Last genommen wurde und der wirklich bereit ist für ein neues Leben.

Peter Osteried