The Wild Pear Tree

Nuri Bilge Ceylans fünf vorherige Filme wurden in Cannes allesamt mit Preisen ausgezeichnet. Dieser hier nicht, weil Ceylan sich auch weigerte, den Film in einer kürzeren Fassung vorzulegen. Die 188 Minuten waren seiner Meinung nach perfekt, kondensiert aus einer ersten Schnittfassung, die mehr als fünf Stunden Laufzeit hatte. Jeder Moment dieser Geschichte eines Sohnes, dem droht, das Schicksal seines Vaters zu erleiden, ist wichtig. Ceylan hat damit Recht. Ihm ist mit „The Wild Pear Tree“ ein wunderschön vielschichtiger Film gelungen.

Website: www.kinostar.com/filmverleih/the-wild-pear-tree/

Ahlat Agaci
Türkei 2018
Regie: Nuri Bilge Ceylan
Buch: Akin Aksu, Ebru Ceylan, Nuri Bilge Ceylan
Darsteller: Aydin Doğu Demirkol, Murat Cemcir, Bennu Yıldırımlar, Hazar Ergüçlü
Länge: 188 Minuten
Verleih: Kinostar
Kinostart: 18. Juni 2020

FILMKRITIK:

Sinan ist mit seinem Studium fertig und kehrt in sein Heimatdorf zurück. Er träumt davon, dass sein Manuskript verlegt wird, aber letztlich interessiert sich niemand dafür. Stattdessen muss er erkennen, dass sich zuhause einiges verändert hat. Sein Vater ist seiner Spielsucht erlegen, es gibt familiäre Probleme, ständige Geldnot und der Militärdienst wartet auch. Während Sinan noch auf die Erfüllung seiner Träume hofft, muss er erkennen, dass dies die Zeit ist, in der er herausfindet, wer er wirklich ist – und ob er dem Schicksal seines Vaters nachfolgen wird.

Akin Aksu hat die Geschichte auf der seines eigenen Vaters aufgebaut und aus dem 80-seitigen Treatment zusammen mit Nuri Bilge Ceylan und Ebru Ceylan ein beeindruckendes Skript abgeliefert, das in schönen, nachwirkenden Bildern eingefangen ist. „The Wild Pear Tree“ erzählt vom einfachen Leben, von den ganz normalen Leuten, von ihren Träumen, ihren Sehnsüchten, ihrer Gleichmut, aber auch ihren existenziellen Gesprächen. Dies würde man angesichts der dörflichen Umgebung vielleicht nicht erwarten, sie erscheinen aber niemals aufgesetzt, sondern immer natürlich – und sie fügen sich perfekt in die Handlung ein.

Ceylan jongliert mit einer Vielzahl von Figuren. Seine Hauptfigur ist der junge Schriftsteller, fast interessanter ist jedoch die Vaterfigur. Ein Mann, auf den viele herabsehen, weil er in materieller Hinsicht nicht viel im Leben erreicht hat – und das, was er hatte, hat er verspielt. Abgesehen von seinem kleinen Hof, seinem Hund und den anderen Tieren. Er ist ein guter Mann. Jemand, der vom Leben und den anderen nicht viel erwartet, der Humor besitzt, der sich seiner eigenen Fehler durchaus bewusst ist. Vor allem aber der einzige, der sich wirklich für die Schriften seines Sohnes interessiert. Das sind die Momente, in denen beide Figuren zueinanderfinden.

Denn Sinan ist jung, aber schon jetzt vom Leben enttäuscht. Weil niemand sich für sein Werk interessiert, aber auch, weil er fürchtet, aus dem Sumpf seines Dorfes niemals entkommen zu können. Das Studium, es könnte für nichts gewesen sein, wenn er sich nicht selbst erkennt und die richtigen Entscheidungen trifft.

Die Erkenntnis, die Sinan verarbeiten muss, ist, dass Bruchstellen im Leben, Verwundungen der Seele, die man erleidet, unabdingbar sind. Sie machen aus, wer wir sind, erst durch sie kann man sich selbst erkennen und entsprechend handeln – oder auch nicht. Der Film schreibt dies nicht vor, er stellt es in den Raum. Er hält dazu an, den Schmerz zu umarmen, weil er auch die Möglichkeit offenbart, sich selbst darin zu finden und über sich hinauszuwachsen. Jede Geburt ist schmerzhaft, auch die, die in späteren Jahren stattfindet, wenn ein Junge zum Mann wird und ein Mann sich der Erkenntnis stellen muss, dass nicht alles, was er sich erträumt hat, Wirklichkeit werden wird.

„The Wild Pear Tree“ ist ein schöner, metaphorischer, die großen Themen des Lebens leichtfüßig angehender Film, der trotz seiner epischen Lauflänge niemals auch nur eine Sekunde langweilt. Großes Kino, das die Seele berührt.

Peter Osteried