The Woman Who Left

In wundervollen Schwarz-Weiß-Tableaus, gespickt mit christlicher Erlösungssymbolik und beseelt mit Empathie inszeniert Lav Diaz eine Geschichte der Solidarität, die die Verlierer der Gesellschaft zum Subjekt der philippinischen Geschichte macht. In Venedig wurde „The Woman Who Left“ 2016 mit dem Goldenen Löwen als bester Film ausgezeichnet.

Webseite: grandfilm.de

Ang Babaeng Humayo
Philippinen 2016
Regie & Buch: Lav Diaz
Darsteller: Charo Santos-Concio, John Lloyd Cruz, Michael De Mesa, Nonie Buencamino
Länge 228 min
Verleih: Grandfilm
Kinostart: 04. Februar 2018

FILMKRITIK:

Horacia (Charo Santos-Concio) ist eine barmherzige Frau. Sie überschreibt ihr Haus an eine junge Mutter, teilt ihre Jacke mit einem Obdachlosen und gibt ihr Erspartes einem invaliden Straßenverkäufer. Alles, nachdem sie 30 Jahre unschuldig im Gefängnis saß. Eine Zeit, in der ihr Mann verstarb, ihre Tochter ohne sie aufwuchs und der Liebhaber, der sie ins Gefängnis brachte, zu einem reichen Mann wurde. Doch erst in den Tagen nach ihrer Entlassung wird Lav Diaz seine Protagonistin an die Grenzen der Selbstaufopferung führen.
 
Die Vorlage zu „The Woman Who Left“ stammt von Lew Tolstoi, dessen Erzählung „Ein Verbannter“ der philippinische Regisseur im gewohnt erhabenen Schwarz-Weiß frei adaptiert, nachdem er mit der Dostojewski-Verfilmung „Norte – The End of History“ erstmals in Farbe drehte. Nicht nur als Literaturverfilmung schließt sich der Film an das bisherige Werk von Diaz an. Die Erzählung um die gütige Horacia handelt erneut von der bewegten Geschichte der Philippinen und reiht sich damit direkt hinter das Historienepos „A Lullaby To The Sorrowful Mystery“ ein. Allerdings interessiert Diaz in seinem neuesten Film weder ein konkretes, historisches Ereignis noch die Biografie einer namhaften Person der Vergangenheit. Geschichte ist in „The Woman Who Left“ etwas, das aus Radioübertragungen erklingt und den Film nur als Grundrauschen begleitet. Denn tatsächlich erzählt der Film das Schicksal derer, die nie die Chance erhielten, Subjekt der Geschichte zu werden. Strukturell und dramaturgisch ist der Film dabei in Teilen eine Neuausrichtung für Diaz: Die verhältnismäßig kurze Laufzeit von knapp vier Stunden und eine ungewohnt geradlinige Erzählweise zeigen in „The Woman Who Left“ eine Hinwendung zum Erzählkino, auch wenn Diaz seiner formellen, in schwarz-weiß gegossenen Kunstfertigkeit ebenso treu bleibt, wie den klassischen Motiven seiner früheren Filme.
 
Wieder sind es Klassenunterschiede, die in den streng komponierten, oft mit christlicher Erlösungssymbolik gespickten Tableaus aus Licht und Schatten verarbeitet werden. Die betont künstliche Schönheit dieser langen Plansequenzen stellt Diaz stets in Bezug zum prekären Leben seiner Figuren. Das Straßenmilieu haucht den statischen Bildern Leben ein. Was zunächst kaum sichtbar scheint, lebt plötzlich in den kleinsten Details auf. Wie die Katze, die durch das stillstehende Bild einer Straßenkreuzung streunt, nur für einen Augenblick in den Lichtinseln der Laternen zu sehen ist und schließlich wieder in den Schatten verschwindet, aus dem Horcacia und der invalide Straßenverkäufer das Bild Kreuzung betreten werden. Diaz inszeniert ihre Begegnung geduldig, fast bühnenhaft und bringt scheinbar organisch gerade jene Figuren auf sein Leinwandgemälde, die ihm Leben einhauchen.
 
Sie alle entstammen dem Straßenmilieu der philippinischen Insel Mindoro: Der bucklige Straßenverkäufer (Nonie Buencamino), die transsexuelle Prostituierte Hollanda (John Lloyd Cruz) und eine von Dämonen besessene Mutter. Die Verlierer des Systems strahlen eine Warmherzigkeit aus, mit der Diaz die statische Schönheit seiner Bilder belebt. Etwa wenn Hollanda in Horacias Obhut erstmals wieder Make-Up aufträgt, den Minirock anzieht und das aus West Side Story bekannte „Somewhere“ anstimmt. Eine Performance, die selbst Horacia dazu bringt, das skeptische Lächeln abzulegen und selbst mit einzustimmen. Es sind die kleinen Gesten zwischen den Abgehängten der Gesellschaft, die zeigen, wie viel Solidarität und Barmherzigkeit dort zu finden ist, wo die Geschichte nie hingesehen hat.
 
Karsten Munt