The Zero Theorem

Bei der „Monty Python“-Truppe war er zuständig für die schrägen Cartoon-Einlagen. Mit seinen eigenen Filmen, vom „König der Fischer“ bis „12 Monkeys“, erwies Terry Gilliam sich als cineastischer Phantast und phantastischer Cineast gleichermaßen. Solch eine Wundertüte visueller Einfälle und verrückter Figuren präsentiert der surrealistische Spaßmacher nun auch hier, mit einer Art von Update seines legendären „Brazil“-Spektakels. Christoph Waltz gibt den genialen Computer-Freak, der den mathematischen Beweis liefern soll, dass das Universum sinnlos ist. Der grandiose Mr. Gilliam bleibt seinem Ruf als Kino-Magier treu und bietet eine pompöse Bilderbuch-Revue: verwirred, versponnen, verwegen, vergnüglich – und natürlich starbesetzt bis in die Spitzen.  

Webseite: http://zerotheorem-film.de

USA 2014
Regie: Terry Gilliam
Darsteller: Christoph Waltz. Matt Damon, Tilda Swinton, Ben Whishaw, David Thewlis, Lucas Hedges
Filmlänge: 107 Minuten
Verleih: Concorde
Kinostart: 27.11.2014
 

FILMKRITIK:

Computer-Genies gelten gemeinhin kaum als gesellige Wesen. Das gilt ganz besonders für den glatzköpfigen Sonderling Qohen Leth, den Christoph Waltz mit der ihm eigenen Hingabe genüsslich bis zur Grenze zum Wahnsinn zelebriert. „Wir sind in der Regel überall allein!“ kommentiert dieser Nerd gleichmütig sein überschaubares Sozialleben, ähnlich unaufgeregt äußert er sich über philosophische Fragen: „Wir fürchten nichts so sehr wie nichts!“. Zappelig wird der schräge Vogel erst, wenn das Telefon klingelt. Denn der Held wartet seit endlosen Zeiten auf einen erlösenden Anruf, der ihm den Sinn des Lebens erklärt. Dieses Telefongespräch verspricht nun vollmundig sein Vorgesetzter Joby (David Thewlis). Der kleine Haken dabei: Das Genie muss dafür erst das Zero Theorem lösen. Für diese Universal-Gleichung interessiert sich der geheimnisvolle Konzernchef, der auf den putzigen Namen „Management“ hört und von Matt Damon als schillernder Machtmensch verkörpert wird. Er verspricht sich von der Formel und dem Wissen vom Chaos das ideale Geschäftsmodell der Zukunft. Sein frühreifer Sohn Bob freilich will von Papas Profitgier nichts wissen, trotzig schlägt sich der Teenager als echter Hacker-Rebell auf die Seite des wackeren Helden. „Ich bin jung genug, um an alles mögliche zu glauben!“ fasst der junge Wilde sein Lebensmotto zusammen. Weniger hilfreich fallen derweil Leths Begegnungen mit der Frauenwelt aus. Während die verführerische Bainsley sich als bezahltes Callgirl entpuppt, ist die virtuelle Psychoanalytikerin Dr. Shrink-Rom (eine schrill maskierte Tilda Swinton!) mit all ihren Weisheiten alsbald am Ende.
 
Traditionell sind die Filme des kreativen Tausendsassas Terry Gilliam eine surreale Schlachtplatte mit überbordendem Einfallsreichtum, schrägem Figurenkabinett sowie einem visuellem Brillant-Feuerwerk. Die „Monty Python“-Legende erweist sich dabei stets als wahrer „Münchhausen“, für den die pure Lust am Erzählen und Fabulieren bereits ein vergnüglicher Wert an sich bedeutet. Wie üblich präsentiert sich die Story als Gleichung, die nicht ohne Rest aufgeht. Gilliam bietet ein üppiges Füllhorn von Metaphern, philosophischer Symbolik samt glitzerndem Fantasy-Plunder – was der Zuschauer davon als Erkenntnis-Schätzchen mitnimmt, bleibt jedem selbst überlassen. Thematisch hat er freie Auswahl: Konformismus und Rebellion, Konsum und Verweigerung, Identität, Gehirnwäsche, Omnipräsenz von Technologie-Konzernen sowie die gute alte Orwell-Überwachung à la „1984“ – „alles kann, nichts muss“ lautet die programmatisch Parole des überzeugten Anarcho-Aufklärers Gilliam.
 
„Ich habe nie ganz verstanden, warum Leute Drogen nehmen. Was sie mir so als Effekte beschreiben, sehe ich eigentlich die ganze Zeit“ beschrieb Gilliam im Interview seine cineastische Philosophie. Mit dieser Haltung überzeugt er auch Top-Stars. Von Johnny Depp über Bruce Willis bis Robert DeNiro, Heath Ledger oder Robin Williams reicht das Spektrum seiner Darsteller. Für seinen jüngsten Streich konnte er Christoph Waltz. Matt Damon, Tilda Swinton und Ben Whishaw verpflichten – allein dieser famose Besetzungs-Coup macht das wilde Wunderwerk unbedingt sehenswert. So unbeschwert und sichtlich vergnügt wie bei Gilliam ist die Championsleague von Hollywood nur selten zu erleben.
 
Mit seinen 73 Jahren erweist sich dieser kreative Altmeister als quirliger, vor Ideen nur so sprudelnder Quergeist, ein cineastischer Don Quichotte, der munter seine famosen Visionen auf die Leinwand zaubert ohne dabei mit eitlen Selbstgefälligkeiten eines Michel Gondry zu nerven. Wie für jeden Gilliam gilt natürlich auch diesmal das gute alte Monty Python-Theorem: „Always look at the bright side of life!“.
 
Dieter Oßwald