Zerrissene Umarmungen

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Spaniens Regie-Star Pedro Almodóvar liebt das exaltierte Spiel mit Genres, Stimmungen und Motiven. Auch sein neuer Film, in dem erneut Oscar-Preisträgerin Penélope Cruz eine der Hauptrollen übernahm, ist Ausdruck dieser Experimentierfreude. Die Geschichte um den nach einem schweren Unfall erblindeten Drehbuchautoren Harry Caine wechselt beständig zwischen Drama und Film noir, zwischen Komödie und liebevoller Selbstreflexion. In Cannes eher reserviert aufgenommen, ist „Zerrissene Umarmungen“ letztlich doch ein typischer Almodóvar.

Webseite: www.tobis.de

OT: Los abrazos rotos
Regie & Drehbuch: Pedro Almodóvar
Musik: Alberto Iglesias
Darsteller: Lluis Homar, Penélope Cruz, Blanca Portillo, José Luis Gómez, Tamar Novas, Rubén Ochandiano
Laufzeit: 128 Minuten
Kinostart: 6.8.2009
Verleih: Tobis

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

Pedro Almodóvars „Zerrissene Umarmungen“ mangelt es nicht an Ambitionen. Immerhin hat sich Spaniens Meisterregisseur dazu entschlossen, mehrere Zeitebenen, drei filmische Realitäten und zahlreiche Doppelgänger-Referenzen miteinander zu kombinieren und diese in ein stilvolles Geflecht aus Melodram, Film Noir und Komödie einfließen zu lassen. Das Ergebnis ist in vielerlei Hinsicht ganz Almodóvar. Erstaunlicherweise stiften jedoch die Noir-typischen Winkelzüge weniger Verwirrung, als man das zunächst vielleicht vermuten würde. Um den Überblick über die Personen und ihre Motive zu behalten, muss man zudem kein ausgewiesener Almodóvar-Experte sein.

Das Doppelgänger-Motiv spiegelt sich bereits in der Hauptfigur wider. Drehbuchautor Harry Caine (Lluis Homar) hieß früher einmal Mateo Blanco. Unter diesem Namen feierte er als Regisseur einige Erfolge. Seit einem tragischen Autounfall vor 14 Jahren ist Harry/Mateo allerdings blind und ganz auf die Hilfe seiner Freunde und Verwandten angewiesen. Vor allem seine frühere Produktionsleiterin Judit (Blanca Portillo) und ihr Sohn Diego (Tamar Novas) helfen ihm bei alltäglichen Dingen. Als ihn ein junger Mann aufsucht, um mit ihm eine Filmidee zu besprechen, holt Harry die Vergangenheit urplötzlich wieder ein. Die Erinnerungen führen ihn und uns zurück an ein Filmset. Bereits während des Castings verliebt sich Mateo unsterblich in die wunderschöne Lena (Penélope Cruz) und sie sich in ihn. Da die Schauspielerin zu diesem Zeitpunkt offiziell noch mit dem mächtigen und schwerreichen Finanzjongleur Ernesto Martel (José Luis Gómez) liiert ist, glauben beide, ihre Beziehung zunächst geheim halten zu müssen. Tatsächlich weiß dieser längst um die Affäre seiner Frau.

Stück für Stück setzt Almodóvar die Puzzleteile seiner von Identitäts- und Zeitwechsel bestimmten Geschichte zu einem klaren Bild zusammen. Obwohl hierbei nicht jede Erhüllung wirklich überrascht, entwickelt „Zerrissene Umarmungen“ aus der Verknüpfung tragischer und leidenschaftlicher Momente eine gewisse Faszination. Vor allem zwischen Mateo und Lena, die zusammen mit dem eifersüchtigen Ernesto das charakteristische Trio eines Film noir bilden, knistert es. Sinnlich und erotisch ist auch dieser Almodovár und für beides zeichnet sich einmal mehr des Meisters neue Muse Penélope Cruz verantwortlich. Von ihren Lippen und Kurven scheint sich Rodrigo Prietos Kamera mitunter gar nicht mehr lösen zu wollen. Sie ist es, die der Geschichte ihren Stempel aufdrückt. Selbst im eher züchtigen Kostüm mit stilsicherer Audrey-Hepburn-Frisur verkörpert die Cruz noch die sirenenhafte Versuchung einer tragischen Femme fatale.

Almodóvars cineastisches Vexierspiel arbeitet nahezu in jeder Einstellung mit ikonographischen Bildern und Motiven des Kinos. Die für den Fortgang zentrale Szene im Treppenhaus, die Überwachung durch Ernestos Sohn (der im Übrigen nicht ganz zufällig auch Ernesto heißt) sowie der immer wiederkehrende Blick durch das Objektiv der Videokamera, all diese Einflüsse gehen nachweislich auf Almodóvars Lieblingsfilme zurück. Dabei bedient sich Spaniens bekanntester Filmemacher nicht nur bei geschätzten Kollegen. Die von Mateo inszenierte Komödie „Frauen und Koffer“, einer von gleich zwei Film-im-Film-Installationen, könnte glatt als Neuauflage von Almodóvars „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ durchgehen. Was manch einer bereits vorschnell als eitles Selbstzitat auslegte, sorgt letztlich für einen spannenden Kontrast zu dem eher düsteren Grundton der eigentlichen Dreiecks-Geschichte.

Insbesondere zu „La Mala Edicación“, Almodóvars vorletztem Film, lassen sich zahlreiche Bezüge herstellen. Beide Arbeiten bauen anfangs ein nur wenig greifbares Bedrohungsszenario auf, welches im weiteren Verlauf Konturen erhält und zunehmend konkreter wird. Sie operieren mit Film-noir-Elementen, vorgetäuschten Identitäten, Dopplungen, Zeitsprüngen und Perspektivwechseln. Und sie formulieren eine in rauschende Farben gekleidete Liebeserklärung an Almodóvars vielleicht größte Leidenschaft: Das Kino.

Marcus Wessel

Das Loblied über Pedro Almodovar braucht schon lange nicht mehr gesungen zu werden. In seinem neuesten Opus jongliert er wieder mit überraschenden Schnittfolgen, mit Zeitebenen, mit einer ausgeklügelten Handlung, mit unerwarteten Wendungen in seiner Geschichte, mit unter seiner Führung schon längst bewährten Darstellern.

Beim Casting für seinen neuen Film mit dem Titel „Frauen und Koffer“ verliebt sich Regisseur Mateo Blanco unsterblich in seine schöne Hauptdarstellerin Lena. Es ist ihm plötzlich gleichgültig, dass seine Managerin Judit, mit der er früher ein Verhältnis - und einen Sohn - hatte, ihre Eifersucht schlecht verbergen kann; dass er den Finanztycoon Ernesto Martel, der seit Jahren mit Lena zusammenlebt, damit zur Verzweiflung bringt; dass Martel Blancos Film nur finanziert, wenn er alles kontrollieren darf; dass Martel durch seinen Sohn mit dem „Künstlernamen“ Ray X Lena bespitzeln lässt. Dann allerdings spitzt sich die Lage zu. Zwischen Lena und Martel kommt es zu einem Streit mit Folgen.

Mateo und Lena gehen dem allem zunächst aus dem Weg. Ein paar verliebte Wochen an der Küste schließen sich an.

Doch die andern Beteiligten bleiben unterdessen nicht untätig. Vo allem Martel denkt sich eine drastische Rache aus. Ein schwerer Autounfall passiert. Hatte Martel oder sein Sohn dabei die Hand im Spiel? Für Lena geht die Sache tragisch aus.

Vierzehn Jahre später. In Mateos Leben war der Autounfall eine erschütternde Zäsur. Er erblindete. Er gab sich sogar einen anderen Namen. Und obwohl er jetzt wieder arbeitet und die Vergangenheit zu vergessen sucht, zieht in einem Gespräch mit Judits (und seinem) Sohn Diego alles noch einmal an ihm vorbei. Von Judit erfährt er nun auch die ganze Wahrheit.

Martel hatte „Frauen und Koffer“ absichtlich verunstaltet. Das muss jetzt repariert werden.

Almodovar greift „tief hinein ins volle Menschenleben“. Ob dabei eine stilistische Einheit oder ein dramaturgisches Ganzes herauskommt, ist ihm egal. Und dem Zuschauer kann es bei dieser künstlerischen Güte und diesem formalen Niveau auch egal sein. Leidenschaft, Eifersucht, Sentimentalität Dramatik, Tragik, Bösartigkeit, Rache, relatives Happy End, alles ist da. Tiefgreifend ist das meiste nicht, jedoch unterhält man sich glänzend.

Die Schauspielerriege (Penelope Cruz, Angela Molina, Blanca Portillo, Carmen Machi, Lluis Homar, José Luis Gomez usw.) ist bewährt – und sehr, sehr gut.

Thomas Engel