Tiefe Wasser

Von Identitätssuche im Allgemeinen und Selbstfindung eines schwulen jungen Mannes im Speziellen erzählt Tomasz Wasilewski in seinem starken Film „Tiefe Wasser.“ Narrativ zwar etwas überfrachtet, überzeugt der zweite Film des polnischen Regisseurs vor allem durch seine gerade für polnische Filmverhältnisse gewagt unmittelbare Schilderung einer schwulen Liebesbeziehung und durch die außerordentlichen Bilder des Kameramanns Jakub Kijowski.

Webseite: www.salzgeber.de/kino

OT: Plynace wiezowce
Polen 2013
Regie, Buch: Tomasz Wasilewski
Darsteller: Mateusz Banasiuk, Marta Nieradkiewicz, Bartosz Gelner, Katarzyna Herman, Olga Frycz, Izabela Kuna
Länge: 93 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 26. Juni 2014

FILMKRITIK:

Im Kino des erzkonservativen Polen war Homosexualität bis vor wenigen Jahren praktisch nicht existent. Mit der langsamen Liberalisierung der Gesellschaft im Zuge der polnischen EU-Mitgliedschaft sind erste Zeichen einer Veränderung zu spüren: In den polnischen Kinos liefen in den letzten Jahren zunehmend Filme, die schwul-lesbische Themen behandelten, davon war in Deutschland bislang nur der bei der Berlinale gezeigte „Im Namen des…“ zu sehen. Fand diese im Priester-Milieu angesiedelte Geschichte noch zu einem geradezu utopischen Ende, wählt Tomasz Wasilewski in seinem „Tiefe Wasser“ eine wesentlich ernüchternde Auflösung, die andeutet, wie weit die polnische Gesellschaft dann doch noch davon entfernt ist, Homosexualität als normale Form der Sexualität zu akzeptieren.

Hauptfigur ist Kuba (Mateusz Banasiuk), um die 20 und auf der Suche nach seinem Platz in der Gesellschaft. Als Leistungsschwimmer hat er das Potenzial zum Erfolg, doch den Motivationsreden seines Trainers schenkt er nur wenig Gehör. Er lebt bei seiner Mutter Ewa (Katarzyna Herman), mit der er ein fast ins inzestuöse reichendes Verhältnis hat, dass allerdings wie manche der vielen Aspekte in „Tiefe Wasser“ nur angedeutet und nicht weiter ausgeführt wird. Ewa will ihren Sohn für sich haben, der mit seiner Freundin Sylwia (Marta Nieradkiewicz) bei ihr wohnt. Sylwia wiederum ahnt, dass Kuba sich auch für Männer interessiert.

Bislang lebte Kuba seine Lust auf Männer bei anonymen Blow-Jobs in der Umkleidekabine des Schwimmbades aus, doch dann lernt er Michal (Bartosz Gelner) kennen. Der ist der Sohn gutbürgerlicher Eltern, vor denen er seine Homosexualität immer noch verbirgt. Eine heftige Liebesbeziehung beginnt, die Kuba lange Zeit vor Mutter und Freundin verheimlicht und bald seine Lebensvorstellung in Frage stellt.

Fließende Wolkenkratzer heißt Tomasz Wasilewskis Film im Original, was auch andeutet, wie sehr sein Film im architektonischen Niemandsland verhaftet ist. Immer wieder isolieren die Breitwand-Bilder von Kameramann Jakub Kijowski die Figuren vor Betonfassaden, in anonymen Tiefgaragen, langen Unter- oder Überführungen, kurz: In den typischen Merkmalen einer modernen Millionenstadt, in denen das Individuum verloren zu gehen droht.

Diese metaphorischen Räume, zu denen sich auch die schon oft verwendete Metapher des Schwimmens (sämtliche Bilder von frei schwimmen bis untergehen bedient auch Wasilewski) gesellt, lassen eine Welt entstehen, in denen gerade die Personen, die nicht den Normen entsprechen, besondere Schwierigkeiten haben, einen Platz zu finden. Vorwärtsbewegen muss man sich dennoch, nicht nur im Schwimmbad, sondern auch im Leben, wie regelmäßig eingefügte längere Sequenzen andeuten, in denen Kuba und Michal einfach nur Auto fahren, sich in Elektromusik und den an ihnen vorbeirauschenden Straßen und Gebäuden verlieren.

Dass Wasilewski in seinem zweiten Film etwas zu viel erzählen will, nicht nur homosexuelle Selbstfindung thematisiert, sondern auch noch allgemeine Beziehungsstreitigkeiten und ödipale Anziehung ins Spiel bringt, lässt seinen Film gerade zum Ende hin etwas ausfasern. Doch die überzeugende Bildsprache lässt solche dramaturgischen Schwächen vergessen, zumal „Tiefe Wasser“ am Ende nicht in ein die Probleme mehr oder weniger verklärendes Happy End mündet, sondern seine Figuren konsequent mit der gesellschaftlichen Realität Polens konfrontiert.
 
Michael Meyns