Tilt

Bislang kamen interessante Filme aus Osteuropa in erster Linie aus Rumänien. Mit Viktor Chouchkov rasantem Drama „Tilt“ kommt nun ein Film aus Bulgarien in die deutschen Kinos, der in der Umbruchsphase vom Kommunismus zu demokratischen Verhältnissen beginnt, jedoch einen zunehmend desillusionierten Blick auf die sich verändernden Verhältnisse wirft.

Webseite: www.barnsteiner-film.de

Bulgarien 2011
Regie: Viktor Chouchkov
Buch: Viktor und Borislav Chouchkov
Darsteller: Yavor Baharov, Radina Karjilova, Ovanes Torosian, Alexander Sano, Ivaylo Dragiev
Länge: 94 Minuten
Verleih: Port au Prince/barnsteiner-film
Kinostart: 9. Mai 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Tilt – ein Wort, das wohl bald aus dem Duden verschwinden wird. 1990 jedoch kannte es jeder Flipper-Spieler, der mit unerlaubter Kraft den Lauf der Kugel beeinflusste. Beim zu starken Rütteln am Gerät – metaphorisch gesprochen zu starker Einflussnahme aufs System – gingen die Lichter aus. So in etwa geht es auch dem jungen Stash und seiner Gang, die sich im Bulgarien kurz vor der Wende mit kleinkriminellen Aktivitäten die Zeit vertreiben. Noch ist es mehr ein Spiel, doch sowohl die Polizei als auch der Geheimdienst haben die Bande längst im Visier.

Als sie im Fernsehen den Fall der Berliner Mauer beobachten, schwant der Bande, das bald eine neue Zeit anbrechen wird. Doch bevor es soweit ist, kommt die Liebe dazwischen: Stash lernt Becky kennen, die jedoch ausgerechnet den hohen Funktionär Katev als Vater hat. Der versucht mit allen Mitteln die Liebe zwischen seiner Tochter und Stash zu verhindern, lässt die Bande verhaften und mit der Ausweisung bedrohen. Doch Stash und Becky lassen sich davon nicht abhalten und versuchen mit dem Rest der Bande nach Westdeutschland zu fliehen. An der Grenze wartet jedoch schon ihr Vater, der Becky an der Ausreise hindert und Stash davor warnt, jemals nach Bulgarien zurückzukehren.
Einige Jahre später hat Stash genug vom Leben in der Ferne und kehrt in seine Heimatstadt Sofia zurück. In den Jahren seit dem Untergang des Kommunismus hat sich auch die bulgarische Hauptstadt verändert, doch nicht unbedingt zum Besten. Statt den Mächten des Kommunismus herrscht nun der ungezügelte Kapitalismus, doch wie Stash schnell feststellen muss, haben sich die Protagonisten des Spiels kaum gewandelt: Wer einst vehement für die Ideale des Kommunismus eintrat, bereichert sich nun im kapitalistischen System.

Ähnlich wie im rumänischen Berlinale-Gewinner „Mutter & Sohn“, der Passenderweise fast zeitgleich ins Kino kommt, beschreibt auch der bulgarische Regisseur Viktor Chouchkov (der das Drehbuch zu seinem Debütfilm zusammen mit seinem Bruder Borislav geschrieben hat), mit der Desillusionierung, die in den Staaten des ehemaligen Ostblocks längst an der Tagesordnung ist. Ohne ein System gegen das andere Auszuspielen wird stattdessen aufgezeigt, wie ähnlich Kommunismus und Kapitalismus im Kern doch funktionieren. Für den durchschnittlichen Bürger spielt es schließlich letztendlich keine Rolle, welche korrupten Elemente die Gesellschaft kontrollieren und einer freiheitlich, demokratischen Entwicklung im Wege stehen.

Doch neben diesen gesellschaftskritischen Untertönen ist Chouchkovs Film vor allem eine mitreißende, tragische Liebesgeschichte, die durch die politischen Umstände zum Scheitern verurteilt ist. Von seinen jungen Hauptdarstellern mitreißend gespielt, mit fetzigen Bildern erzählt, die verraten, dass Chouchkov sowohl das westliche, als auch das osteuropäische Kino der letzten Jahre gut studiert hat, ist „Tilt“ ein spannender Blick in ein Land, dass bislang kaum auf der Leinwand vertreten war.

Michael Meyns