Touch

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Ein Film über die Liebe – romantisch, dabei absolut nicht schmalzig oder kitschig, mit leisem Humor und sehr aktuell, denn es werden einige Themen berührt, die derzeit Menschen auf der ganzen Welt beschäftigen. Also keine altmodische Love Story, sondern eine zeitgemäße Liebesgeschichte, quer durch die Zeit und über mehrere Erdteile.
In Rückblenden erzählt Baltasar Kormákur atmosphärisch stark und in sanften Bildern die unmögliche, heimliche Romanze zwischen dem jungen isländischen Studenten Kristofer und dem behüteten japanischen Mädchen Miko. Die beiden lernen sich um 1970 herum in London kennen und lieben. Mehr als 50 Jahre später, in einer von der Coronakrise gezeichneten Welt, macht sich der alte Kristofer auf die Suche nach Miko …

Webseite: https://www.upig.de/micro/touch

Island 2024
Regie: Baltasar Kormákur
Drehbuch: Ólafur Jóhann Ólafsson, Baltasar Kormákur (nach dem Roman von Olaf Olafsson)
Darsteller: Egill Olafsson, Pálmi Kormákur Baltasarsson, Kōki, Masahiro Motoki, Yoko Narahashi, Meg Kubota, Tatsuya Tagawa
Kamera: Bergsteinn Björgúlfsson
Musik: Högni Egilsson

Länge: 112 Minuten
Verleih: Universal
Start: 8. August 2024

FILMKRITIK:

Der isländische Student Kristofer hatte Glück und hat einen der raren Studienplätze in London ergattert. Hier brennt die Luft – man schreibt die Endsechziger Jahre, der Vietnam-Krieg führt auch in London zu immer mehr Protesten, und „Swinging London“ wird zur Hauptstadt der Jugend. Von hier kommt die Musik, die Mode und eine ganz neue Art der Jugendkultur. Junge Leute finden sich in einer globalen Friedensbewegung zusammen, die Hippies sind dabei, die Welt zu erobern. „Make love not war“, heißt ihre Devise. Doch Kristofer muss feststellen, dass er mit seinen Idealen von Pazifismus, Toleranz und Solidarität mit der Arbeiterklasse im konservativ geprägten Großbritannien als Akademiker keine Chance hat. Nur reden, statt handeln – das liegt ihm überhaupt nicht. So schmeißt er sein Studium hin und fängt spontan als Küchenhilfe in einem japanischen Restaurant an. Dabei entdeckt er seine Vorliebe für die japanische Kultur, aber noch mehr für die Tochter des Hauses: Miko. Für Kristofer ist es Liebe auf den ersten Blick. Doch um ihr Herz zu gewinnen, braucht er viel Geduld.

Mehr als 50 Jahre später, kurz nach Beginn der Corona-Pandemie, macht sich Kristofer auf die Suche nach Miko. Sein Arzt hat bei ihm eine beginnende Demenz diagnostiziert und ihm ans Herz gelegt, sich um die ungelösten Probleme seines Lebens zu kümmern. Unausgesprochen steht dahinter: solange das noch möglich ist. So schließt Kristofer sein Restaurant in Island ab und fliegt nach London, um vielleicht Miko wiederzufinden, die damals plötzlich einfach verschwand. Ohne eine Nachricht.

Baltasar Kormákur hat aus der berührenden Liebesgeschichte, aus der Suche nach Miko und dem Geheimnis ihres Verschwindens einen ruhigen, zärtlichen Film gemacht, in dem es unter anderem darum geht, dass Kristofer rechtzeitig ein unvollendetes Kapitel in seinem Lebensbuch abschließen möchte. Vielleicht will Kristofer aber auch die alten Gefühle noch einmal spüren, vielleicht sich selbst noch einmal wiederfinden: den verliebten, von Idealen erfüllten Jungen mit der John-Lennon-Brille, der er einmal war. Pálmi Kormákur Baltasarsson, der Sohn des Regisseurs, spielt den jungen Kristofer, und er macht das extrem liebenswert: Dieser Junge ist ein bisschen schüchtern und alles andere als ein Draufgänger, sondern ein echter Romantiker, der bereit ist, alles zu tun, um seine große Liebe zu erobern. Mit viel Geduld und noch mehr Hingabe taucht er ein in die japanische Kultur. Er lernt die Sprache, studiert die Küche und die Alltagsrituale bis hin zur Kleidung. Beinahe scheint es, als ob er sich äußerlich und innerlich immer mehr in einen Japaner verwandelt. Dabei bewahrt er eine Gelassenheit, die vielleicht noch mehr mit seiner isländischen Herkunft – Generationen von Eismeerfischern stehen sozusagen hinter ihm – als mit der Liebe zu Miko zu tun hat. Sowohl seine Geduld als auch seine Ruhe und natürlich die Konsequenz, mit der er zu Werke geht, machen ihn ungemein sympathisch und attraktiv.

So ist es irgendwie verständlich, dass Miko irgendwann seinem isländischen Charme erliegt. Die junge Kōki, in Japan und in den USA, aber auch immer mehr in Europa bekannt als Schauspielerin, Sängerin und Model, hat die Rolle der Miko übernommen und spielt sie mit viel natürlicher Anmut und einer berückenden Grazie als Mädchen, das deutlich selbstbewusster und mutiger erscheint als Kristofer. Doch ihr Leben ist überschattet von einem schrecklichen Geheimnis, über das sie mit niemandem sprechen kann, nicht einmal mit dem Mann, den sie liebt.

Den Kristoffer von heute spielt Egill Olafsson als weitgehend schweigsamen und stoischen alten Mann. Wenn er, was selten genug ist, mal Emotionen zeigt, dann hat das nicht nur Witz, sondern auch etwas sehr Bewegendes, denn Olafsson lässt immer einen Hauch von Melancholie mitschwingen. Da geht es dann um die Vergänglichkeit des Daseins, um das Wissen, dass nichts von Bestand ist, nicht einmal die Erinnerung. Am Ende bleiben vielleicht nur Gefühle, sie leben weiter in Bildern, Klängen und Berührungen.

 

Gaby Sikorski