Transnationalmannschaft

Die Feststellung, dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit ihren vielen Spielern mit Migrationshintergrund ein Spiegelbild der Gesellschaft ist, wird seit Jahren immer wieder gemacht. Nun also eine Dokumentation zu dieser Aussage, die im Mannheimer Stadtviertel Jungbusch vielfältige Stimmen zusammenträgt, die diese These bestätigen. Etwas Neues zum Thema zu sagen oder gar die Komplexität der Migrationsthematik gerecht zu werden gelingt Philipp Kohls Dokumentation allerdings nur selten.

Webseite: transnationalmannschaft.de

Deutschland 2010 – Dokumentation
Regie: Philipp Kohl
Länge: 94 Min.
Verleih: Projektor Filmverleih
Kinostart: 2. Juni 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Mesut Özil, Sami Khedira, Miroslav Klose, Lukas Podolski, Mario Gomez, Jerome Boateng, Dennis Aogo. Allesamt Fußball-Nationalspieler mit deutschem Pass, aber Elternteilen aus Polen, Nigeria, Ghana, Spanien, Tunesien oder der Türkei. Was auf dem Fußballplatz also funktioniert und die Nation mit Spielwitz und Toren verzückt, klappt im Alltag Deutschlands mal besser, mal schlechter. Wie die nicht unerhebliche Anzahl Deutscher mit Migrationshintergrund wirklich in die Gesellschaft zu integrieren sind, darüber wird seit Jahren heftig diskutiert und gestritten. Meist in Extremen, in denen entweder von Gewalt die Rede ist oder eine kitschige Multikulti-Welt beschworen wird.

Der Ethnologe Philipp Kohl versucht in seinem Debütfilm „Transnationalmannschaft“ ein differenziertes Bild der deutschen Wirklichkeit abzuliefern. Schauplatz ist das Mannheimer Stadtteil Jungbusch, das einen Migrantenanteil von über 60% hat. Großer Unterschied zu ähnlichen Vierteln in den deutschen Großstädten ist, das Jungbusch kein Ghetto am Stadtrand ist, sondern in der Innenstadt Mannheims liegt. Hier findet Kohl die Protagonisten seiner Dokumentation: Da wären etwa eine Polizisten mit serbischem Hintergrund, ein Lebensmittelhändler aus Afghanistan, etliche Jugendliche mit türkischen Eltern, aber auch diverse deutsche Kneipiers, Sozialarbeiter und Galeriebesitzer, die die Vielfalt ihres Viertels zu schätzen wissen. Sie alle filmte Kohl im Sommer 2010 während die deutsche Nationalelf in Südafrika auf ihre Weise Werbung für ein weltoffenes, sympathisches Deutschland machte. Die Spiele der deutschen Elf bilden das erzählerische Rückgrat des Films, sind allerdings auch die Krux.

Zwar gelingt es Kohl bisweilen die Begeisterung jenes Weltmeisterschafts-Sommers einzufangen, die Freude über die spielerische Qualität der Elf, was allerdings nicht wirklich Thema seines Films ist. Eigentlich soll es ja um das Zusammenleben der Kulturen gehen, um die vielen Deutschen mit Migrationshintergrund, die in Jungbusch ganz normal und ohne erkennbare Probleme miteinander leben. Doch die Aussagen der interviewten Personen erschöpfen sich meist in Allgemeinplätzen, was man ihnen kaum vorwerfen kann. Was gibt es schließlich interessantes über einen Sachverhalt zu sagen, der selbstverständlicher Alltag ist? Nur manchmal deutet sich die Komplexität des Themas an, die unter der gefälligen Oberfläche des Films durchscheint. Wenn etwa angedeutet wird, dass Deutsche türkischer Herkunft in der Türkei als Deutsche, in Deutschland aber als Türken betrachtet werden, oder ein Sozialarbeiter davon berichtet, dass sich seine Schützlinge eher mit Mannheim oder Jungbusch identifizieren und weniger mit Deutschland. In diesen Momenten wird deutlich, dass das Thema Migration nicht immer so harmonisch verläuft, wie es „Transnationalmannschaft schildert und wie es in einem von der Euphorie einer erfolgreichen Fußball-WM geprägten Sommer der Fall ist. Wie schwierig Integration und Zusammenleben ist, wenn nicht gerade der Jubel um Tore von Özil oder Klose Deutsche jeglicher Herkunft vereint, davon ist hier nicht die Rede.

Michael Meyns

Wer lange davon ausging, Deutschland sei kein Einwanderungsland, der musste sich eines Besseren belehren lassen. Längst geht es nicht mehr um Immigration, sondern um Integration.

Die Stadt Mannheim, in der dieser Dokumentarfilm spielt, scheint dafür ein gutes Beispiel zu sein. Dort sind offenbar keine speziellen Nationalitätenviertel entstanden, vielmehr haben das Zusammenleben, die Integration, die Identifikation gute Fortschritte gemacht.

Im Stadtteil Jungbusch vor allem sind Türken, Bosnier, Afghanen, Griechen, Afrikaner, Russen, Polen, Bulgaren und andere vertreten; mit den Einheimischen gibt es keine größeren Probleme. Geschäftsleute, junge Frauen, darunter die türkischstämmige Polizistin Suzanna, und Kinder, meist schon in Deutschland geboren, erzählen, wie sie eine Heimat gefunden haben, wie sie leben, was sie von „Einigkeit und Recht und Freiheit“ halten, denen in unserer Nationalhymne ein Lob gesungen wird.

Wie „deutsch“ fühlen sich diese Menschen? Am besten konnten sie das während der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 unter Beweis stellen. Den Filmemachern ist da ein guter Trick eingefallen. Bei den „Public Viewings“ während der Spiele etwa gegen Serbien, Ghana, England, Argentinien oder Uruguay kamen viele zu Wort. Sie zitterten oder freuten sich für Deutschland – alle! Ein gutes Zeichen für die Integration. Natürlich auch deshalb, weil Spieler wie Özil, Klose, Podolski oder Khedira einen Migrationshintergrund aufweisen und mit den deutschen Spielern eben so etwas wie die „Transnationalmannschaft“ bilden.

Natürlich werden auch die Probleme nicht ganz ausgespart. Eine Lehrerin beispielsweise weist eindringlich darauf hin, wie wichtig das Erlernen der Sprache für Kinder ebenso wie für Erwachsene ist. Der Erfolg, die Zukunft hängen weitgehend davon ab. Radebrechen und „Gastarbeiterdeutsch“ „is nich mehr“.

Multikulti ist ebenfalls vorbei, interkulturell ist Trumpf. Die Mannheimer sehen sich da anscheinend als Beispiel, als Spiegelbild. „Und tatsächlich“, sagt einer sinngemäß, „ist Anziehungskraft vorhanden. Nicht nur die Untergrundkultur blüht, es siedeln sich auch immer mehr Künstler an.“

Der Film versucht menschliche Grenzüberschreitung zu demonstrieren und Klischees abzubauen. Das ist ihm ganz gut gelungen. Vielleicht sieht er die Sache schon ein wenig zu sehr durch die rosarote Brille.

Thomas Engel