Trash

Wow, was für ein Thriller! Die Helden: Drei Straßenkinder, die in einem gigantischen Müllberg-Slum von Rio leben sowie ein mutiger Priester. Die Gegenspieler: Ein korrupter Politiker und seine skrupellosen Helfershelfer in Polizeiuniform. Im Unterschied zur gängigen Genre-Ware verkommt die Gesellschaftskritik nicht zum bloßen Klischee, der Krimi um die drei kleinen Rebellen von der Müllhalde entpuppt sich als großartiges Action-Drama um Freundschaft und Gerechtigkeit. Die elegant erzählte Story bietet ausgefeilte Figuren, schlägt souveräne Suspense-Haken und präsentiert atemberaubende Verfolgungsszenen, die es fast mit James Bond aufnehmen können. „Billy Elliot“-Regisseur Stephen Daldry gelingt die Verfilmung eines gefeierten Jugendbuchs als überzeugende Mischung aus ambitioniertem Anspruch und lässigem Popcorn-Faktor.

Webseite: www.trash-film.de

GB 2014
Regie: Stephen Daldry
Darsteller: Rooney Mara, Martin Sheen, Wagner Moura, Selton Mello, André Ramiro
Filmlänge: 100 Minuten
Verleih: UIP
Kinostart: 18.6.2015

FILMKRITIK:

Für Raphael, Gardo und Rato ist die Jugend kein Ponyhof. Die drei Freunde leben als Straßenkinder auf den Abfallbergen des Molochs Rio. Wie Hunderte andere ihre Leidensgenossen durchstöbert das Trio Tag für Tag den Müll nach Essensresten oder brauchbaren Gegenständen, die sich für ein paar Münzen noch verkaufen lassen. Dann gelingt Raphael überraschend der ganz große Treffer: Er findet eine Ledertasche voller Geld, eine kleine Karte sowie einen geheimnisvollen Schlüssel. Ganz selbstverständlich gibt der Finder seinem Kumpel ein paar Scheine ab und versteckt den Rest der Beute. Als Polizeieinheiten auf der Müllkippe eintreffen, um nach der Tasche zu fahnden, gibt sich der clevere Knirps bei der Befragung ahnungslos. Der Ermittler Angelo schöpft dennoch Verdacht. Erst lockt er freundlich mit Kumpelhaftigkeit und einer hübschen Belohnung, um an das Fundstück zu kommen. Dann greift er skrupellos zu Methoden perfider Einschüchterung sowie brutaler Folter.
 
„Vermutlich ist er schon tot!“, gibt sich Slum-Pater Juilliard (Martin Sheen) resigniert als seine Suche nach dem verschwundenen Raphael ergebnislos bleibt. Weder sein amerikanischer Pass noch die Priesterkleidung hilft bei seinen Recherchen auf der Polizeistation weiter. Mit großem Glück gelingt dem jungen Opfer das Überleben. Allen Qualen und Einschüchterungen zum Trotz macht sich der kleine Rebell mit seinen Freunden unverdrossen weiter auf die Suche nach der Wahrheit um seinen geheimnisvollen Fund. „Wozu machst du das?“ fragt ihn die Lehrerin Olivia (Rooney Mara) – „Weil es richtig ist!“ bekommt sie als selbstbewusste Antwort. Mühsam setzt Raphael immer mehr Puzzelsteine zusammen, mutig wagt er sich in die Höhle des Löwen und schleicht sich in die gesicherte Villa des korrupten Polit-Bonzen oder fädelt auf raffinierte Weise Knast-Besuche bei dessen Gegnern ein. Je näher er der Lösung kommt, desto näher sind ihm seine Verfolger auf der Spur. Auf einem nächtlichen Friedhof kommt es schließlich zum spektakulären Showdown.
 
Mit „Der Vorleser“ und „The Hours“ hat der Brite Stephen Daldry sein Talent für sensible Literaturverfilmungen erfolgreich unter Beweis gestellt, Oscar-Nominierungen inklusive. Als Produzent der Abschlusszeremonie der Olympischen Spiele in London hat er nicht minder eindrucksvoll sein Gespür für große Emotionen und großartige Bilder demonstriert. Diese Talente bringt er nun auch souverän bei „Trash“ ein. Sein Figurenkabinett ist plausibel und präzise konstruiert: Vom naiven Priester über den fiesen Cop bis zu den selbstbewussten Straßenkids fällt die Psychologie stimmig aus. Die raffinierte Dramaturgie von Drehbuch-Talent Richard Curtis („Notting Hill“) sorgt mit Rückblenden und überraschenden Wendungen für effektvolle Spannung ohne jeden Hänger. Die gigantischen Müllberge und das hektische Treiben in der Großstadt bieten als imposante Kulissen immer wieder visuelle Wow-Effekte. Last not least präsentiert dieser Thriller spektakuläre Verfolgungsjagden, bei denen auch James Bond außer Atem käme.
 
Dieses ambitionierte Slum-Drama um Korruption und Gerechtigkeit könnte dem südamerikanischen Papst ebenso gut gefallen wie den Oscar-Juroren.
 
Dieter Oßwald