Troubled Water

Michael Moore steht auf der Visitenkarte dieses fulminanten norwegischen Seelendramas, der sich zu einem „der beste Film, den ich seit Jahren gesehen habe“ durchgerungen hat. In der Tat: Eric Poppes psychologische Analyse eines vermeintlichen Kindermörders, der nach abgesessener Haftstrafe auf die Mutter seines Opfers trifft, zeugt von gewaltiger emotionaler Wucht und verhandelt wichtige Fragen über Schuld und Sühne. Ein absolutes Highlight von skandinavischem Kino.

Webseite: www.koolfilm.de

OT: De Usynlige
Norwegen 2008
Regie: Eric Poppe
Buch: Harald Rosenlow, Finn Gjredrum, Eric Poppe
Darsteller: Pal Sverre Valheim Hagen, Ellen Dorrit Petersen, Trine Dyrholm, Trond Espen Seim, Terje Stromdahl, Angelou Garcia, Henriette Garcia
Länge: 121 Minuten
Verleih: Koolfilm
Kinostart: 18.3.2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Ist es nicht ein bisschen naiv zu glauben, dass alles Schlechte auch etwas Gutes mit sich bringt?“, fragt Jan Thomas (Pal Sverre Valheim Hagen) die junge Pastorin Anna (Ellen Dorrit Petersen), als die beiden an einem Sommerabend durch Oslo schlendern. Acht Jahre saß er im Gefängnis, weil er einst den Tod eines kleinen Jungen verschuldet haben soll. Jetzt sucht er seinen Weg zurück ins Leben mit der schweren Last der Vergangenheit auf den schmalen Schultern. Hinter Gittern mag der junge Mann geläutert sein, doch Melancholie und Schuldgefühle stehen ihm tief ins müde Gesicht geschrieben, das erahnen lässt, wie fragil und zerbrechlich seine Psyche noch ist.

Regisseur Eric Poppe dekonstruiert im dritten Teil seiner losen Oslo-Trilogie (nach „Schpaa“ und „Hawaii.Oslo“) Motive und dringende Fragen von Schuld, Sühne und Vergeltung. Wie geht ein Täter mit dem moralischen Ballast der Strafe um? Darf es Formen der Versöhnung geben, wenn ja zu welchem Preis? „Troubled Water“ ist psychologischer Erklärungsversuch und subtile Täteranalyse zugleich, die tief hinein in die Seelen der Protagonisten schaut und das Publikum mit solcher Wucht und Intensität trifft, dass man schon jetzt von einem der großartigsten Dramen der vergangenen Jahre sprechen muss. Ähnlich wie Christian Petzold in „Wolfsburg“ lässt Eric Poppe hier Peiniger und Angehörige des Opfers miteinander konfrontieren: Als Jan Thomas nach seiner Entlassung aus der Haft in die versöhnende Obhut eines Pastors genommen wird und die freie Stelle als Kirchenorganist antritt, begegnet ihm eines Tages Agnes (Trine Dyrholm), die Mutter des verstorbenen Jungen. Zunächst tief berührt vom musikalischen Talent, wird ihr erst auf dem zweiten Blick bewusst, welchen besonderen Orgelspieler ihr das Schicksal geschickt hat.

Dramaturgisch geschickt montiert, widmet sich das erste Filmdrittel der Traumabewältigung von Ex-Häftling Jan Thomas, der mithilfe von Pastorin Anna seine eigenen Gefühle erkunden und die Zuneigung zu ihr entdecken kann. Im zweiten Teil legt Regisseur Poppe seinen Fokus auf die Mutter, die Jahre später ein neues und glückliches Leben mit Adoptivkindern gefunden zu haben scheint. Das intensive Finale widmet sich schließlich der leisen Konfrontation zwischen ihr und ihrem Peiniger.

In Rückblenden tastet sich die verschachtelte Erzählung langsam vorwärts und begeistert mit der aufwühlenden Performance ihrer Schauspieler, die mit wenig Gestik und Mimik trotzdem Momente voller Intensität zustande bringen. Mit dem karthatischen und mitunter quälendem dänischem Dogma-Kino hat Eric Poppes Seelendrama, trotz ähnlicher Thematik, weder auf ästhetischer noch auf moralischer Ebene viel gemeinsam. Wo Regisseure wie Lars von Trier oder Thomas Vinterberg die Tragödie lediglich sezieren, weist Eric Poppe den Weg für Lösungen auf.

David Siems

Ein Streich zweier dummer Jungen geht tragisch aus. Sie entführen offenbar aus Jux ein Kind, das sich verletzt und zu Tode kommt.

Acht Jahre sind vergangen. Thomas hat sie im Gefängnis verbracht. Jetzt muss er neu beginnen, hat Glück, dass er in einer Pfarrei als Organist angestellt wird. Denn sein Orgelspiel ist beeindruckend.

Die junge Pastorin Anna, die einen kleinen Jungen namens Jens hat – er erinnert an das tote Kind – das wäre etwas für den aus der Haft Entlassenen. Ein enges Verhältnis bahnt sich an.

Die Lehrerin Agnes, die Mutter des zu Tode gekommenen Jungen, trifft eines Tages, als sie mit ihrer Klasse die Kirche besucht, per Zufall auf Thomas. Sie hat das tragische, von Thomas mit verursachte Geschehen nie überwunden. Nun bricht alles neu auf.

Als Agnes dazukommt, wie Thomas in völlig harmloser Weise den kleinen Jens begleitet, flippt sie aus. Sie geht davon aus, dass Jens entführt werden soll. Ihre Reaktion ist – verständlicherweise – unverhältnismäßig. Der Neuanfang von Thomas’ Leben erscheint nun erst einmal gestoppt. Das Verhältnis zu Anna geht ebenfalls in die Brüche.

Die beiden wichtigsten Handlungskomponenten, einerseits Thomas’ Umgang mit der Schuld sowie sein Versuch, das Leben in den Griff zu kriegen, und andererseits Agnes’ unbewältigter Schmerz werden nach zunächst getrenntem Verlauf zu einer dramatischen (und guten dramaturgischen) Apotheose zusammengeführt, die beeindruckt.

Schuld, Leid, Hoffnung auf Vergebung und mögliche Vergeltung, das sind die aufwühlenden Gefühle, die den Film bestimmen.

Von zwei bemerkenswerten schauspielerischen Leistungen ist zu berichten. Trine Dryholm stellt Agnes dar. Besser als sie kann man die ganze Gemüts- und Gefühlsskala dieser Mutter nicht zum Ausdruck bringen. Pal Sverre Valheim Hagen ist Thomas. Ihm kauft man sein Schuldbewusstsein, seine Hoffnung, seinen Versuch zu lieben (und sein Orgelspiel) ab. Eine künstlerisch absolut beachtliche Sache.

Thomas Engel