Tulpan

Während überall von Globalisierung und Urbanisierung die Rede ist, führt diese im Herzen Asiens angesiedelte, preisgekrönte Wüstenkömödie vor, wie ein Bauernleben auf dem Mars aussehen könnte. Bleibt die Geschichte auch skizzenhaft, beweisen die faszinierenden Bilder, dass Kino ein Fenster in neue Welten aufstoßen kann.

Webseite: www.pandorafilm.de

D/CH/KAZ/RUS 2008
R + B: Sergey Dvortsevoy
D: Askhat Kuchinchirekov, Tulepbergen Baisakalov, Samal Yeslyamova, Ondasyn Besikbasov, Bereke Turganbayev
Verleih: Pandora Film
L: 100 Min., OmU
Start. 3.12.
 

PRESSESTIMMEN:

TULPAN ist ein solcher Mikrokosmos, der seine sinnliche Fülle in jeder Einstellung vor dem Zuschauer entfaltet. Der Hauptpreis der Parallelreihe "Un certain regard" wurde ihm in Cannes mit Recht zugesprochen.
Schnitt

FILMKRITIK:

In 20 Jahren sollen laut UN-Bericht über 60 % der Weltbevölkerung in Städten mit über 20.000 Einwohnern leben. Aus dieser Sichtweise könnte das Spielfilmdebüt des in Kasachstan geborenen Sergey Dvortsevoy auch eine skurrile Zukunftsvision leergeräumter Landstriche sein. Als Drehort suchte er sich ausgerechnet die „Hunger Steppe“, die fast unbewohnte und für ehemalige Arbeitslager berüchtigte Halbwüste im südlichen Kasachstan, dem größten Binnenland der Welt, aus. Bis zu allen Horizonten nur Sand. Anfangs wirbelt eine gewaltige Kamelherde Staub auf. Kühe, Schafe, Pferde, Hunde, Esel kommen dazu. Dann erst tauchen ein paar Menschen im Rundzelt auf, vertieft in Heiratsverhandlungen.

Der aus dem Dienst entlassene Matrose Asa sucht eine Frau für den Traum vom Paradies in der Steppe: Eine Jurte mit Strom, Wassertank und Schafsherde. Weit und breit steht nur ein Mädchen zur Auswahl (und die ist den ganzen Film über nicht zu sehen): Tulip, die Tochter grimmiger Nachbarn. Doch weder Asas Brautwerbegeschenk aus einem Kristallüster und zehn Schafen noch seine Erzählungen von Riesenkraken und uniformierten Seepferdchen fruchten. Tulip findet Asas Ohren zu sehr abstehend. Auch der wortkarge Schwager Ondas ist von Asa nicht begeistert. Asa ist für ihn nur ein Mehresser in der Ein-Raum-Jurte mit Frau und drei kleinen Kindern. Außerdem hat Ondas ein großes Problem. Seine Schafe bringen nur tote Lämmer zur Welt.

Wachsen die Figuren auch kaum über eine schematische Zeichnung hinaus, stellen die wunderbaren Landschaftspanoramen die völlig anderen Größenordnungen in dieser Gegend klar. Ein Zweijähriger spielt mit seiner Schildkröte Auto, während am Horizont eine Windhose entlang fegt. Im Motorrad-Beiwagen des verschrobenen Tierarztes sitzt ein kleines Kamel. Den Höhepunkt bildet die Echtzeit-Geburt eines Lamms mit Mund-zu-Schnauze-Beatmung.

Die zufälligen oder geschickt forcierten Bildkompositionen bestimmen den Inhalt. Neben enervierenden Längen wie den Volkslied-Gesängen der kleinen Nichte oder dem wiederholten Boney-M.-Gedudel „Rivers of Babylon“ aus dem Traktor des goldbezahnten Nachbarn finden sich zahlreiche originelle Momente: Zum Ohrenvergleich wird ein Poster von Prinz Charles bemüht, der erst als afrikanischer, dann als amerikanischer Prinz bezeichnet wird. Der siebenjährige Neffe erzählt die Nachrichten nach, die er dem knisternden, batteriebetriebenen Radio entnimmt. Wenn auch lauter Steppen-Döspaddel die Wild-East-Register ziehen, erreichen zahlreiche Bilder im Zeitmaß von „Urga“ oder „Quer durch den Olivenhain“ episches Format, sie bleiben unvergesslich. Genau der Stoff, aus dem Festivalerfolge gemacht sind. „Tulpan“ wurde 2008 auf elf internationalen Festivals prämiert, unter anderem in Cannes als Bester Film in der Sektion „Un Certain Regard“ und mit der Auszeichnung „Europäische Entdeckung“ des Europäischen Filmpreises.

Dorothee Tackmann

Mongolische Steppe. Asa ist aus dem Militärdienst zurückgekommen. Er war Matrose. Jetzt will er als Schafhirte leben. Doch eine eigene Herde wird er nur bekommen, wenn er verheiratet ist. Also muss eine Frau her.

Heiratsfähige Frauen sind unter den Nomaden rar. Eine allerdings gäbe es, Tulpan, und um die soll geworben werden.

Asa lebt momentan in der Jurte seiner Schwester. Deren Mann Ondas ist Asa nicht gerade wohl gesonnen und lässt ihn das auch spüren. Immerhin – vielleicht auch nur, um den lästigen Mitbewohner los zu werden – beteiligt er sich an der Brautschau, ist bereit, für Asa zehn Schafe und einen billigen Lüster zu zahlen.

Asa will mit seinen Marineerlebnissen Eindruck schinden, erzählt Tulpans Familie davon und dichtet ganz schön hinzu. Doch er hat kein Glück. Tulpan, die hinter dem Vorhang versteckt bleibt und während des gesamten Films nicht auftritt, will Asa nicht. Er habe, so argumentiert sie, zu abstehende Ohren. Also muss Asa sich weiter in Geduld üben.

Sein Freund Boni, Traktorbesitzer, Gelegenheitslieferant nützlicher Dinge, Boney-M-Fan und Liebhaber von Porno-Fotos, tröstet ihn. Er will Asa überreden, mit ihm in der Stadt sein Heil zu suchen; immerhin ist Kasachstan ein aufstrebendes Ölland. Aber Asa lehnt ab. Er möchte Schafhirte sein, sich seinen Lämmern widmen, eine Familie haben, beim einfachen Leben bleiben, auch wenn die Einflüsse der modernen Welt, beispielsweise mit den internationalen Radionachrichten, längst auch in der Steppe angekommen sind.

Eine ohne jede Hektik dargebotene, fast dokumentarische, reale, von der Kamera in schönen Bildern eingefangene Schilderung der Charaktere und Lebensweisen dieser Nomaden. Es passiert nur Alltägliches und Unspektakuläres, aber da das intensiv und präzise gezeigt wird, nimmt es den Zuschauer langsam für sich ein.

Manche bewundern diesen Stilwillen des Regisseurs, andere bemängeln den schleppenden Rhythmus und sagen, dass wohl ein Kurzfilm auf die nötige Spielfilmlänge gebracht werden sollte. Bedauern könnte man, dass das Ende so offen bleibt.

Sicher ist aber, dass „Tulpan“ 2008 in Cannes den Hauptpreis der Reihe „Un certain regard“ gewann.

Man muss schon ein gewisses Interesse für das Thema und die Region ins Kino mitbringen. Ist das der Fall, kann man den Film goutieren.

Thomas Engel